Containern aus Prinzip

Benjamin Schmitt fehlt es an nichts. Er ist im Berliner Nobelbezirk Zehlendorf aufgewachsen und hat sein Abitur auf einem Elite-Gymnasium gemacht. Trotzdem holt er Lebensmittel aus den Müllcontainern von Supermärkten. Ihm geht es dabei ums Prinzip.

Benjamin Schmitt mit seiner Ausbeute. Dieses Mal hat er sogar Chinaböller (links im Bild) in der Mülltonne eines Supermarktes gefunden. (Foto: Teresa Bechtold)

Benjamin Schmitt mit seiner Ausbeute. Dieses Mal hat er sogar Chinaböller (links im Bild) in der Mülltonne eines Supermarktes gefunden. (Foto: Teresa Bechtold)

Routiniert öffnet Benjamin Schmitt den Mülltonnendeckel. Mit seinem Smartphone leuchtet er in die Tonne, um den Inhalt in der Dunkelheit besser erkennen zu können. Mehrere Dutzend Bananen liegen da, gelb und knackig inmitten eines Berges von Kassenbons. Eine Flasche Balsamico Essig ist in der Mülltonne zerbrochen und ein säuerlicher Geruch durchströmt die Luft. Der ausgelaufene Essig hat sich auf den Bananen verteilt, hier und da kleben einige Krümel.

Der Müllcontainer gehört zu einem Zehlendorfer Supermarkt, steht gleich neben einer befahrenen Straße. Es ist schon Abend, aber der Laden hat noch geöffnet. Von den Kunden, die durch den Eingang um die Ecke ein- und ausströmen bleibt Schmitt jedoch weitgehend unbemerkt. Ohne zu zögern greift er mit bloßen Händen in die Tonne und lädt die Bananen in eine Kiste. Der 22-Jährige ist Student, hochgewachsen, mit einem dichten braunen Bart. Er hat sein Abitur auf einem Berliner Elite Gymnasium gemacht und ab dem nächstem Semester ein Vollstipendium für eine Elite-Universität in den USA. Er wohnt  bei seiner Mutter im Berliner Nobelbezirk Zehlendorf. Und beinahe täglich kommt er hierher, um noch genießbare Lebensmittel aus den Mülltonnen zu holen.  „Containern“, „Dumpster Diving“ oder „Mülltauchen“ nennt sich das.

Diese Bananen sind noch vollkommen in Ordnung. Trotzdem sind sie im Müll gelandet. (Foto: Teresa Bechtold)

Diese Bananen sind noch vollkommen in Ordnung. Trotzdem sind sie im Müll gelandet. (Foto: Teresa Bechtold)

Außer den Bananen findet Schmitt an diesem Abend einige Brote, mehrere Packungen Aufbackbrötchen, Möhren, einen Blumenkohl, Paprika, eine Packung Fertigrotkohl und Einmachgläser mit Gemüse. Das bezeichnet er als eher gewöhnliche Ausbeute, er hat auch schon mal Lindt Pralinen oder eine Flasche Weißwein aus dem Mülleimer gefischt. Mit seinem Fahrrad fährt er die Lebensmittel nach Hause und wäscht in der Küche erst einmal den Mülltonnendreck ab.  Er wird jedoch nur einen geringen Teil der Produkte für sich und seine Familie verwerten. Jeden Abend eine ganze Fahrradtasche voll wäre auch viel zu viel für ihn, die Mutter und die kleine Schwester.

Nachbarn nehmen die Lebensmittel gerne an

Den Großteil der Lebensmittel, die Schmitt aus der Tonne fischt, verteilt er an seine Nachbarn. Dazu hat er im Hausflur des Zehlendorfer Mehrfamilienhauses eigens ein Regal aufgebaut. Als die Hausverwaltung sich darüber beschwert hat, wegen des Brandschutzes und aus Angst vor Ungeziefer, haben alle Hausbewohner einen Brief geschrieben und sich für das Regal ausgesprochen. An Nikolaus haben sie Schmitt als Dankeschön für die Lebensmittel eine Box mit Süßigkeiten geschenkt.

Laut einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz landen in Deutschland jährlich rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das ist etwa so viel, wie elf Millionen Kleinwagen wiegen. Weltweit betrachtet wird sogar die Hälfte der produzierten Nahrung weggeschmissen. Lebensmittelverschwendung passiert bei der Produktion, während des Transports, im Handel, in der Gastronomie und in Privathaushalten. Die Gründe dafür sind vielfältig. Im Handel ist es häufig das Mindesthaltbarkeitsdatum, das abgelaufen ist, obwohl das Produkt noch essbar ist. Auch Obst oder Gemüse, das nicht mehr so schön aussieht,  wird oft entsorgt. Schmitt hat aber auch schon Produkte in der Mülltonne gefunden, bei denen das MHD noch gar nicht abgelaufen war. „Manche Lebensmittel werden weggeworfen, weil auf ihrer Verpackung ein Gewinnspiel ausgeschrieben ist, das nicht mehr aktuell ist oder weil sie schmutzig geworden sind“, sagt er.

Jüngere Schwester gab den Anstoß

Einmal hat Benjamin Schmitt sogar eine Packung Lindt Pralinen im Müll gefunden. (Foto: Teresa Bechtold)

Einmal hat Benjamin Schmitt sogar eine Packung Lindt Pralinen im Müll gefunden. (Foto: Teresa Bechtold)

Obwohl einige seiner Freunde schon länger containern und er sich mit Dokumentationsfilmen wie „Taste the Waste“ von Valentin Thurn auch schon mit Lebensmittelverschwendung beschäftigt hat, zögerte Schmitt einige Zeit, bis er selber an die Mülltonnen ging. „Mir kam das irgendwie falsch vor, ich habe es ökonomisch ja nicht nötig“, sagt er. Seine zwei Jahre jüngere Schwester war es dann, die ihn überredete das Containern mal auszuprobieren. „Zum Glück haben wir beim ersten Mal einen guten Tag erwischt. Da haben wir jede Menge Süßigkeiten und andere gute Sachen gefunden. Das hat uns dann richtig motiviert“, sagt Schmitt. Obwohl er sich schöneres vorstellen könnte, als im Müll zu wühlen, zieht er fast jeden Abend los und hat in letzter Zeit sogar sein Studium deswegen vernachlässigt.  Der Gedanke, dass die Lebensmittel vernichtet würden, wenn er sie nicht mitnimmt mache ihm ein schlechtes Gewissen. „Ich möchte etwas gegen Lebensmittelverschwendung unternehmen, auch wenn es nur im kleinen Maßstab ist“, sagt er. Dabei geht es ihm nicht in erster Linie darum, Bedürftigen zu helfen. „Wenn die Lebensmittel arme Menschen erreichen, ist das natürlich toll“, sagt er. Aber wichtiger sei ihm, in allen Bevölkerungsschichten ein Bewusstsein für den Wert von Nahrung zu schaffen.

 „Schick das Essen doch nach Afrika!“

Rechtlich gesehen befindet sich das Containern in einer Grauzone. Streng betrachtet begeht Schmitt Diebstahl, denn der Müll ist Eigentum des Supermarktes. Solange dieser jedoch keinen Strafantrag stellt, hat Schmitt nichts zu befürchten, da es sich beim Diebstahl von Müll um einen geringfügigen Tatbestand handelt.  Einen Strafantrag vom Supermarkt gab es bisher nicht, wohlgesonnen sind die Mitarbeiter Schmitt trotzdem nicht. „Ich habe mal mit einem Angestellten diskutiert, der mir vorgeworfen hat, was ich mache sei gesundheitsschädlich.“, sagt Schmitt. „Ein anderes Mal wurde mir geraten, ich solle das Essen doch einfach nach Afrika schicken.“

Nur etwa eine Stunde hat es gedauert, all das aus den Mülleimern von Supermärkten zu holen. In der Küche seiner Mutter putzt Schmitt die Lebensmittel. (Foto: Teresa Bechtold)

Nur etwa eine Stunde hat es gedauert, all das aus den Mülleimern von Supermärkten zu holen. In der Küche seiner Mutter putzt Schmitt die Lebensmittel. (Foto: Teresa Bechtold)

Wie Supermärkte ihre Reste ökologisch, ökonomisch und sozial effektiv verwerten können, zeigt eine Berliner Biomarktkette. Am Ende des MHD werden die Artikel um 50 Prozent reduziert. Wird die Ware trotzdem nicht verkauft, dürfen sich die Mitarbeiter etwas aussuchen. Eine Praktik, die von vielen Supermärkten aus Angst vor Manipulationen der Mitarbeiter nicht genutzt wird. Was dann noch übrigbleibt, geht an gemeinnützige Organisationen oder freiwillige Helfer, die die Lebensmittel entweder selber verwerten oder anderweitig verteilen. „Es ist Zeit, dass den Menschen bewusster wird, wie viele Lebensmittel weggeworfen werden.“, sagt der Geschäftsführer der Biomarktkette Georg Kaiser. „Eine Überproduktion von Lebensmitteln geht immer zu Lasten der Umwelt – und nicht zuletzt auch der Tiere.“ Seit die übrig gebliebenen Lebensmittel nicht mehr einfach weggeworfen werden, sind die Abfälle der Biosupermarktkette um die Hälfte geschrumpft. Kunden profitieren von den Preissenkungen und soziale Einrichtungen von den abgegeben Lebensmitteln.

Eine Welt ohne arm und reich

Schmitt lebt nicht ausschließlich von dem, was er aus der Tonne holt. Als Veganer ist er besonders auf Soja Produkte angewiesen, die seine Mutter weiterhin im Bioladen einkauft. Manchmal fragt sie ihn: „Soll ich Bananen kaufen oder bringst du welche mit?“. Er könnte sich aber durchaus vorstellen, sich bald nur noch von containertem Essen zu ernähren. Auch Kleidung und andere Gebrauchsgegenstände müsse er nicht unbedingt kaufen. „Ich könnte alles, was ich zum Leben brauche entweder gebraucht übernehmen oder im Austausch gegen etwas anderes erhalten“, sagt er. Websites wie „foodsharing.de“ oder „kleiderkreisel.de“ bieten eine Plattform für solche Tauschgeschäfte. Dass Geld irgendwann völlig überflüssig werden und die Menschheit in einer Tauschgesellschaft ohne arm und reich leben könnte, glaubt er jedoch nicht. Dazu sei Geld als Maßeinheit zu wichtig. „Ich finde aber gut, dass solche Ideen überhaupt existieren und vielleicht in einer kleineren Gemeinschaft umgesetzt werden.“

 

Benjamin Schmitt lebt mittlerweile in den USA, wo er sich weiterhin gegen Lebensmittelverschwendung einsetzt. Zurzeit baut er in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania ein Foodsharing Netzwerk auf. Pflichtlektüre-Autorin Teresa Bechtold hat Schmitt für diesen Artikel noch in Berlin begleitet.

  

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