Der Breitmaulfrosch: Kulinarischer Krieg auf dem Weihnachtstisch

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Ob Poetry-Invasion, Grüne Smoothies oder die hippesten Hipster-Klamotten – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt es sich gut das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne merkwürdige Trends aufs Korn – und dabei kein Seerosenblatt – vor den Mund nimmt. Heute zerbricht er sich seinen Kopf über das bevorstehende Weihnachtsessen: Was kann die Tante ihrem vegan lebenden Neffen servieren, ohne dabei seine Ideale zu verletzen?

Alle Jahre wieder stellt sich die Frage nach dem Weihnachtsessen. Ganz ehrlich, nicht nur die erwartungsvolle Magie, die dieses Fest in der Kindheit so aufregend machte, ist mit der Zeit verloren gegangen, sondern auch dessen ursprüngliche Bedeutung. Statt der Geburt Jesu feiern viele wohl eher die Expresszustelldienste von Amazon und Co. Viel Weihnachtszauber bleibt da nicht übrig. Es liegt daher der Wunsch nahe, diesem Abend wenigstens kulinarisch ein bisschen Glanz zu verleihen.

Doch egal ob Kartoffelsalatverfechter oder Gans-Rotkohl-Klöße-Traditionalist, dieses Jahr könnte es schwierig werden, alle um den Tisch versammelten Verwandten und Freunde zufrieden zu stellen. Noch nie war es so beliebt, sich mit der eigenen Ernährung zu beschäftigen. Die morgendliche Scheibe Brot ist nicht mehr einfach nur das täglich Brot. Viele teilen bestimmte Inhaltsstoffe von vorne herein schon als „gut“ und „böse“ ein.

Du bist, was du isst

Mehr noch: Essen ist weit davon entfernt, nur Lebensmittel oder Genuss zu sein. Du bist, was du isst: was auf dem Teller landet – und vor allem, was nicht – ist identitätsstiftend. Nicht nur Geschmack und Blutfettwerte werden dadurch bestimmt, sondern allzu oft auch eine politische Anschauung, der Musikgeschmack und der Freundeskreis. Wer in seinen Lebkuchen einfach hineinbeißt, ohne sich zuvor Gedanken über Kalorien-, Zucker- oder Laktosegehalt gemacht zu haben, kann sich der Verachtung seiner Mitmenschen gewiss sein. Hat dieser Jemand etwa die letzten 20 Lebensmittelskandale und Studien verpasst?

Die neue Religion unserer Zeit ist der Individualismus, deren Ethik ist die Selbstoptimierung und deren heilige Schrift wird täglich auf WordPress und Instagram verbreitet. Ob die Konfession der Wahl Paleo, Raw Food oder (inzwischen schon fast schnödes Establishment!) Veganismus lautet, einfach nur essen ist nicht mehr. Stattdessen hängen wir an den virtuellen Lippen unserer Onlinegurus, die uns Ablassbriefe für unsere sündigen Genüsse versprechen. ‚Superhealthy‘ Mixturen aus Trockenfrüchten, Avocado und Kakaopulver, sollen angeblich genauso schmecken wie ein gehaltvoller Schokopudding.

Weihnachten stellt mit seinen allgegenwärtigen Naschereien die selbstauferlegte Enthaltsamkeit natürlich auf eine besonders harte Probe. Doch auch an den Feiertagen gilt: Gesundheitsapostel statt Evangelist. Das verschmähte Plätzchen Tante xy hat sich Mühe gegeben und für ihren veganen Neffen extra eine Kipferlvariante mit Margarine statt Butter auf den Teller gezaubert. Der wahre Ernährungsexperte hat dafür aber nur ein mitleidiges Kopfschütteln übrig: Schließlich wird Margarine, böse, böse, sehr umweltgefährdend aus Palmöl hergestellt. Das ist doch wohl nicht mit weihnachtlicher Nächstenliebe zu all den Geschöpfen zu vereinbaren, denen wir mit unserem gedankenlosen Konsum das Leben auf diesem Planeten schwer machen!

Ein Keks wird da schnell zum Politikum: Milch, raffinierter Zucker, weißes Mehl oder das künstliche Rumaroma erscheinen als Versuchungen des Teufels, der die Erleuchteten in Versuchung führen will. Wenn Klimaschutz, Weltfrieden und Cholesterinwert auf dem Spiel stehen, ist Tante xy’s Enttäuschung über die verschmähten Vanillekipferl wohl zweitrangig.

Genussvolle Friedensverhandlungen unterm Tannenbaum

Das Dilemma liegt bei Jenen, die zu Weihnachten auf eine kulinarische Ökumene der Glaubensrichtungen hoffen und ein Abendmahl auf den Tisch bringen müssen. Nicht nur moderne Foodblogleser müssen zufrieden gestellt werden. Daneben gibt es ja auch noch die, für die es vor allem reichlich, reichhaltig und auf jeden Fall traditionell sein soll – die sind Neuerungen auf dem Teller gegenüber oft ebenso intolerant wie die Gesundheitsapostel bei gesättigten Fettsäuren. Vielleicht ist auch noch irgendjemand von der aussterbenden Spezies dabei, die es ganz und gar nicht mag, beim Essen Diskussionen über den Körperfettanteil zu hören.

Wie also den Weihnachtsfrieden gewährleisten, wenn Fairfoodpharisäer und Salamisten gemeinsam am Tisch sitzen? Der diplomatische Vorschlag des Breitmaulfroschs: Raclette – mehr Individualität als im eigenen Pfännchen geht nicht! Oder man macht eine Mitbringparty – dann können Grünkohlsmoothie und Gänseleber Arm in Arm Jingle Bells singen.

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