Europa in Reims: So ein Theater!

“Je ne pourrais me lever que pour aller au théatre » (Ich könnte nicht aufstehen, außer, um ins Theater zu gehen ). Dieses Zitat der französischen Schauspielerin Sarah Bernhardt, eins von vielen, die an der Mauer der Comédie de Reims geschrieben stehen, beschreibt ziemlich genau, wie die Young Performing Art Lovers (YPAL) das letzte Januarwochenende verbracht haben. Circa zehn Performances konnten die Teilnehmer  sich innerhalb der zweieinhalb Tage angucken, außerdem an Workshops teilnehmen und eine Kunstausstellung besuchen.

 Lena Vogel ist eine der Teilnehmerinnen. Die 22-Jährige, die an der TU Dortmund Angewandte Literatur- und Kulturwissenschaften studiert, ist als YPAL in die französische Stadt gereist. „Das ist wirklich angewandte Kultur: Theater und internationaler Austausch“, resümmiert sie. Das YPAL-Programm wurde vor sieben Jahren in Reims ins Leben gerufen. Hier, in der Hauptstadt der Region Champagne-Ardenne, die gemessen an ihrer Einwohnerzahl eine hohe Dichte an Theatern aufweist, prägt Regisseur Ludovic Lagarde die Szene. Nachdem er in Frankreich als Theaterregisseur berühmt wurde, unter anderem beim renommierten Festival d’Avignon, gründete er in Reims das Performancefestival Scènes d’Europe. Für dieses Event holt er Ausnahmekünstler der europäischen Performanceszene in die Champagne.

YPALs bei der Arbeit: Performanceworkshop zum Stück Vania (Foto: Hannah Lidolt)

YPALs bei der Arbeit: Performanceworkshop zum Stück Vania (Foto: Hannah Lidolt)

Junge Europäer ins Theater

Mehrsprachigkeit, Internationalität und künstlerische Innovation sind Schlagworte für den Geist des Festivals – Ideen, die auch déleguée générale der Comédie de Reims, Anne Goalard antreiben. Sie hatte bereits zum ersten Scènes d’Europe die Idee für die YPALs. „Anne wollte ein Treffen für junge Menschen aus verschiedenen Ländern schaffen, bei dem sie gemeinsam internationale Stücke ansehen und sich darüber austauschen“, erklärt Quentin Carrissimo, der das Projekt inzwischen mit betreut. „Sie wollte herausfinden, ob es Gemeinsamkeiten oder Unterschiede in der Wahrnehmung des Theaters gibt.“

Theatre should interrupt Reality, not just reflect it. It should deny it, break out of this reality and prove that there are other forms.

(Christos Passalis, Theaterkollektiv Blitz)

 

Sechs Länder waren beim ersten YPAL-Treffen vertreten; seitdem hat es sich stetig weiterentwickelt. „Jedes Treffen ist anders“, sagt Carrissimo. „Es ist die Idee eines offenen, europäischen Netzwerkes, das Verbindungen schafft und junge Menschen ins Theater bringt.“ Mal standen die Zusammenkünfte unter einem besonderen Motto, zum Beispiel Terror und Frieden, mal ist es ganz offen. Mal sollen die YPALs selbst aktiv werden und Performances ausarbeiten, dann wieder, so wie auch 2016, geht es vor allem um die Rezeption der Stücke und um die Diskussion der Konzepte in Workshops. Teilnehmen kann grundsätzlich jeder – es ist keine Voraussetzung, im Theaterbereich aktiv zu sein. Im Gegenteil: „Je vielfältiger, desto besser“, findet Quentin. „Wir wollen zusammen über den ästhetischen und politischen Einfluss von Kunst in Europa nachdenken.“

Griechenland: das Symptom der europäischen Krise

Der Austausch über europäische Werte und Politik rückt immer wieder in den Vordergrund. So steht das Festival 2016 unter dem Motto „Nouvelles Scènes grecques“: „Griechenland steht symptomatisch für die aktuelle europäische Krise. Außerdem ist die griechische Szene recht unbekannt. Sicherlich hängt die Auswahl auch damit zusammen, dass wir eng mit der griechischen Theaterkollektiv Blitz zusammenarbeiten“, erklärt Oriane Kruger, die sich dieses Mal als Koordinatorin um die YPALs kümmert. Blitz brachte 2016 das Stück „Vania – dix ans après“ auf die Bühne der Comédie de Reims, das sich an Tchekhovs Onkel Vania anlehnt. Blitz arbeitet als Kollektiv: die drei Mitglieder Angeliki Papoulia, Christos Passalis und Yorgos Valais wollen als Stückeschreiber, Regisseure und Schauspieler völlig gleichwertig sein. Ein neuer Trend in der Theaterbranche? Ludovic Lagarde vermutet, dass Blitz damit genau den Nerv der Zeit trifft: „Diese demokratische Form scheint den klassischen Regisseur abzulösen“, vermutete er im Rahmen einer Podiumsdiskussion beim Festival.

Internationalität ist nicht nur auf der Bühne spürbar, sondern auch unter den YPALs. „Ich war noch nie in einem anderen Land im Theater und finde es total interessant wie man schon in den kurzen Gesprächen mit den anderen die verschiedenen Perspektiven sehen kann, die auch aus den Unterschieden der Kulturbetriebe kommen“, sagt Ina Holev, die in Düsseldorf Medienkulturwissenschaften studiert. „Auch, ein Stück auf einer anderen Sprache zu sehen, ist eine spannende Erfahrung.“

We are used to working without money. If you are a Greek artist, nobody will help you.

(Angeliki Papoulia, Theaterkollektiv Blitz)

 

Die Verständigung bei einer Veranstaltung wie dem Scènes d’Europe ist eine Herausforderung. Quentin Carrissimo meint dazu: „Wir diskutieren jedes Mal wieder über die Sprachen – eigentlich sollten wir und in Englisch verständigen, aber gerade die Treffen in Reims sind oft eher frankofon.“ Auch bei den Performances machte sich die sprachliche Hürde bemerkbar: Warlikowskis Proust-Interpretation „Les Francais“ wurde komplett auf Polnisch gegeben – mit englischen und französischen Untertiteln.

Immer wieder neu

Die Organisation der YPAL-Treffen ist für Anne Goalard und ihre Mitstreiter jedes Mal aufs Neue ein Abenteuer. Jedes Jahr müssen neue Sponsoren gewonnen werden, die für das Projekt überlebenswichtig sind. Das Konzept der YPAL muss sich immer wieder neu erfinden. Anne Goalard hofft, dass sie in der Zukunft noch weitere Kontakte zu Theatern und Festivals in Europa knüpfen kann, um so noch europäischer zu arbeiten. Einige solcher Kooperationen gab es schon, zum Beispiel 2012 in Hamburg, 2014 in Turin und 2015 in Malmö. Projekte in Freiburg und Bosnien sind angedacht.

In seiner Performance "On Balls and Brains" analysierte Aurélien Gambonie ein Gemälde von Hieronymus Bosch. Foto: Johanna Mack

In seiner Performance „On Balls and Brains“ analysierte Aurélien Gambonie ein Gemälde von Hieronymus Bosch. Foto: Johanna Mack

I have bigger and bigger disgust towards language. It is so far the only thing we have, but it is often abused, misused, overused. We need to make it new, fresh.

(Christos Passalis, Theaterkollektiv Blitz)

Lena findet, dass auch Studierende der TU Dortmund in Zukunft am YPAL-Projekt teilnehmen sollten. „Das knüpft auch an die Arbeit des Dortmunder Schauspiels an, das mit Kay Voges ja ebenfalls auf experimentelle Performances setzt.“ Mit ihrer Fülle an Theatern, Festivals und Kulturschaffenden und seiner einzigartigen Industrikultur haben Dortmund und das Ruhrgebiet sicherlich das Potential zum Schauplatz eines zukünftigen YPAL-Treffen.

 

Beitragsbild: Die Comédie de Reims, Schauplatz des Theaterfestivals Scènes d’Europe. Foto: Johanna Mack