Kinder-Uni: Studenten machen Kirche zum Hörsaal

Kinder-Unis gibt es in ganz Deutschland. An der TU Dortmund haben die Kunsthistoriker ihre Vorlesungen allerdings vom Hörsaal in vier städtische Kirchen verlegt. Dort bringen Studenten den Kindern die Schätze des Mittelalters an Originalschauplätzen näher. Ein Besuch in der Propsteikirche.

Sarah Hübscher (links) erklärt, dass das Material für den Marienleuchter erst heiß gemacht werden musste. Foto:

Studentin Sarah Hübscher erzählt den Kindern über den Marienleuchter. Foto: A. Gerstlauer

Kinder rechts und Eltern links, oder doch lieber Kinder vorne und Eltern hinten? Professorin Barbara Wenzel steht vor der Kirchenbank und sieht ihre Studenten fragend an. Neben den Kindern sind sie heute die Hauptpersonen und nicht die Professorin. Sie haben die Kinder-Uni vorbereitet und sollen den jungen Zuhörern Geschichte näher bringen.
Die Bänke in der Propsteikirche sind noch leer, gleich aber werden die ersten Kinder mit ihren Eltern eintreffen. Kunst-Studentin Sarah Hübscher postiert sich neben der schweren Eingangstür. Und da kommen auch schon die ersten „Studenten“, Jungs und Mädchen in ihren Winteranoraks, die neugierig einen Blick in das Innere der Kirche werfen. Das Thema der „Vorlesung“ lautet heute: „Stadt und Kloster – oder warum sich in der Propsteikirche die älteste Stadtansicht Dortmunds befindet.“

Zügig führen die Studenten die Kinder zu den vorderen Sitzreihen. Als alle Platz genommen haben, beginnt Professorin Barbara Wenzel mit ihrem Teil der Vorlesung. Die Professorin für Kunstgeschichte wird erst einmal alleine vorne sprechen, „wie in der richtigen Uni“, sagt sie. Sie erzählt vom Leben im Kloster, das zur Propsteikirche gehörte, von Mönchen, die in Gruppenschlafräumen wohnten, aber auch vom Mittelschiff der Kirche, den Seitenschiffen, und deren Stützbalken. Während sie spricht, blickt sie nicht wie im normalen Uni-Alltag in die Gesichter verschlafener Studenten, die sich hinter ihren Notebooks verstecken, sondern in aufgeweckte Kinderaugen. „Was wir aber nicht bezwecken wollen mit der Kinder-Uni ist altkluge, achteinhalbjährige Professoren heranzuziehen“, sagt Barbara Wenzel. Sie wolle vielmehr die Neugierde der Kinder wecken.

Nicht Professoren, sondern Studenten erklären

Ordensgründer Dominikus besteht aus Holz und ist innen hohl. Foto: A. Gerstlauer

Studenten erklären den Kindern das Kulturerbe Dortmunds. Foto: A. Gerstlauer

Die Idee der Kinder-Uni ist nicht neu, es gibt diese Vorlesungen an fast jeder Universität Deutschlands. Vor drei Jahren hat Barbara Wenzel entschieden, auch Vorlesungen außerhalb des Campus zu halten. Das Konzept der Dortmunder Kunsthistoriker sei einzigartig, sagt sie. „Hier halten nicht nur Professoren Vorlesungen, sondern auch die Studenten werden aktiv.“ In einem Seminar bereiten diese die einzelnen Veranstaltungen vor. Sie lesen Literatur zu den ausgewählten Kirchen und deren Geschichte, und müssen auch immer aus der Perspektive der Kinder denken. Denn die haben ganz eigene Fragen.

Das merkt auch Studentin Sarah Hübscher schnell, die mit ihren zwölf Kindern erstmal in den Klostergang abbiegt. Jetzt geht es nicht um kunsthistorische Epochen, sondern um Fragen wie: „Woraus bestehen eigentlich diese Kerzen hier? Und wenn man Wachs nicht im Supermarkt kaufen konnte, wie lange hat das wohl gedauert, es aus der Ferne hierhin zu transportieren?“. Während Sarah Hübscher noch erklärt, dass Mönche auf den Kirchenbänken besonders viel nachgedacht haben, gehen schon wieder die Finger der Kinder in die Höhe. Ein Mädchen möchte wissen, wo die Mönche denn eigentlich gelebt haben, doch nicht in der Kirche, oder? Ihre Freundin weiß außerdem: „Es gibt auch Klöster, da dürfen die Leute gar nicht reden.“

„Viele Kinder waren noch nie in der Kirche“

Philine und Bela haben zum Abschluss noch ein Buch geschenkt bekommen, in dem sie noch einmal alles nachlesen können. Foto: A. Gerstlauer

Philine und Bela haben zum Abschluss ein Buch geschenkt bekommen, in dem sie noch einmal alles nachlesen können. Foto: A. Gerstlauer

Es sind diese Fragen und Anmerkungen, die die Studenten in dem bestärken, was sie da gerade tun. „Ich finde es wichtig, dass die Kinder Kultur an Originalschauplätzen erfahren“, sagt Sarah Hübscher. Und Felix Berge, Kunst-und Sportstudent, ergänzt: „Viele Kinder waren ja noch nie in der Kirche, aber es geht hier ja nicht um Religion, sondern um ein Kulturerbe.“

Sarah Hübscher ist mit ihren Kindern beim heiligen Dominikus angekommen, dem Gründer des Klosters. Die Geschwister Bela, 7, und Philine, 10, erfahren, dass die Figuren aus Holz geschnitzt wurden, und innen hohl sind. „Aber an einer Stelle ist es ganz schräg, und da hab ich sogar ein Loch gesehen“, erzählt Bela nach dem Ende der Führung seiner Mutter. Auch sie hat an diesem Nachmittag viel Neues gelernt. Denn während die Studenten mit den Kindern die Kirche erkundet haben, hat Professorin Barbara Wenzel den Eltern die Stadtplanung Dortmunds erklärt. Auch das gehört zur Dortmunder Kinder-Uni.

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