Das Anti-Sarrazin-Buch

Sind Muslime wirklich integrationsunwillig? Professor Ahmet Toprak hat bei den Migranten selbst nachgefragt und ein Buch darüber geschrieben. pflichtlektüre hat mit dem Professor der FH Dortmund über Thilo Sarrazin, die Pflichten der Politik und integrationsunwillige Deutsche gesprochen.

Ihr Buch wurde vom Verlag als „Anti-Sarrazin-Buch“ betitelt. Können Sie den Namen und die Vergleiche noch hören?

Ahmet Toprak ist Professor für Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund. Foto: Ahmet Toprak

Ahmet Toprak ist Professor für Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund. Foto: Ahmet Toprak

Der Verlag wollte das Buch als Gegenkonzept vermarkten. Inhaltlich ist da schon was dran. In meinem Buch geht es nicht darum, dass Muslime die Integration per se verweigern. Vielmehr habe ich herausgefunden, dass die meisten Menschen soziale und wirtschaftliche Probleme haben. Deshalb fällt ihnen die Integration schwer. Sie lehnen die Mehrheitsgesellschaft aber nicht vorsätzlich ab, wie es in Sarrazins Buch heißt. Er schreibt, dass die Muslime es sich auf Kosten der Deutschen gemütlich machen. Das stimmt natürlich nicht.

Ihr Buch heißt „Integrationsunwillige Muslime?“ –  mit einem Fragezeichen dahinter. Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Integrationsunwillig würde ich es nicht nennen. Ich habe herausgefunden, dass einige gar nicht integrationsfähig sind. Sie haben keine Zeit, sich mit Integration zu beschäftigen, weil der Alltag von ihnen ganz andere Dinge abverlangt. Dazu gehört Geld verdienen, und vor allem die Frage: Wie reicht mein Geld bis Ende des Monats aus? Die Leute haben ganz alltägliche Sorgen und nicht den Gedanken ‚Ich bin in Deutschland und habe keinen Bock auf dieses Land‘. Manchmal bleibt gar keine Zeit für Integration oder die Hürden sind einfach so hoch, dass die Leute andere Prioritäten setzen.

Wie kann die Politik da helfen?

Auf 180 Seiten berichtet Ahmet Toprak von den Ergebnissen seiner Milieustudie. Foto: Ahmet Toprak

Auf 180 Seiten berichtet Ahmet Toprak von den Ergebnissen seiner Milieustudie. Foto: Ahmet Toprak

Es gibt ja seit 2005 Integrationskurse und es wurde dann vermutet, dass die meisten da nicht hingehen würden. Mittlerweile wissen wir aber, dass viele Menschen die Kurse besuchen möchten, das Angebot aber nicht ausreicht. Die Bundesregierung hat aber gesagt, dass sie die Mittel nicht aufstocken werden. Das ist schon irgendwie eine Doppelmoral: Wenn es darum geht, zu schimpfen, ist die Bundesregierung schnell dabei. Wenn es darum geht, mehr Angebote für Muslime zu schaffen, dann sind die Mittel zu knapp.

Welche Menschen haben Sie für ihr Buch befragt?

Ich habe Menschen ausgesucht, bei denen man vielleicht vermuten könnte, dass sie nicht integriert sind. Ich war in Männercafés, in Frauenhäusern, Jugendzentren mit ausschließlich ausländischen Jugendlichen, Anti-Gewalt-Trainings, Kulturzentren und Moscheen. Dort habe ich dann mit ihnen zu Themen gesprochen wie Zwangsheirat, häusliche Gewalt, Ehre, Schwimmunterricht, Sexualunterricht oder Klassenfahrten. Dabei habe ich festgestellt, dass Muslime bestimmte Dinge einfach aus Gewohnheit weiterführen möchten, aber nicht mit dem Ziel ‚Ich mag die Deutschen nicht‘. Und sie wissen gar nicht, dass so ein Verhalten als integrationsunwillig angesehen wird. Viele Muslime wissen nicht einmal, was die Deutschen von ihnen verlangen.

Unter eine Online-Rezension ihrer Buches hat ein User geschrieben: „Das Buch, das jetzt noch geschrieben werden müsste, heißt ‚Integrationsunwillige Christen.“

Tatsächlich gibt es genauso integrationsunfähige Deutsche und die wird es auch immer geben, solange die wirtschaftliche Lage für diese Menschen so schlecht ist. Wer schafft es denn heutzutage noch, mit den aktuellen Hartz-IV-Sätzen mit der Familie in den Zoo zu gehen und so am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen? Momentan werden etwa 20 Prozent der Menschen vernachlässigt, und davon werden natürlich auch viele Deutsche betroffen sein. Wenn der Innenminister von zehn bis 15 Prozent nicht integrierten Muslimen spricht, dann handelt es sich dabei um eine Minderheit. Genauso könnte man sagen: fünf bis zehn Prozent der Deutschen sind nicht integriert.

Welche Ergebnisse haben Sie persönlich überrascht?

Ahmet Toprak hat für sein Buch den Forschungspreis der Fördergesellschaft der FH Dortmund erhalten. Foto: Anne-Kathrin Gerstlauerer Fördergesellschaft der FH Dortmund erhalten. Bild: Gerstlauer

Ahmet Toprak hat für sein Buch den Forschungspreis der Fördergesellschaft der FH Dortmund erhalten. Foto: Anne-Kathrin Gerstlauerer

Beim Thema Kopftuch hat mich einiges überrascht. Hier wird das Kopftuch ja immer als Desintegration oder als Unterdrückung der Frau bezeichnet. Ich habe aber mit Frauen gesprochen, die zu ihrem Mann sagen: Ich heirate dich, aber wenn du dich in die Sache des Kopftuchs einmischst, sind wir getrennte Leute. Die Frauen setzen das Kopftuch teilweise selbst als Bedingung.

Der muslimische Mann wird in den Medien ja oft als Macho oder Unterdrücker wahrgenommen. Was haben Sie zu diesem Thema erfahren?

Diesen Typ Mann gibt es auch. Es gibt aber genauso die Männer, die zugewandt sind und ganz normal mit ihrer Familie leben. Das Macho-Bild passt aber gut in die Medien. Sobald es in die Differenzierung geht, macht es ja auch keinen Spaß mehr. Medien funktionieren eben auf dieser Krawall-Ebene. Deshalb werden oft nur die bösen Seiten gezeigt.

2 Comments

  • Gruppe Or-Om sagt:

    Hallo, die Gruppe Or-Om hat einen Anti-Sarrazin a) als Kunstprojekt mit Bildergalerie auf Flickr und b) als Online Hypertext Manual erstellt. http://portal.or-om.org/society/DerAntiSarrazin/tabid/6402/Default.aspx

    Call for entries

    Falls LeserInnen den Inhalt der Studie durch eigene Beiträge und Zusätze erweitern, ergänzen oder verbessern wollen [Adresse: or-om@chello.at], ist der Autor zur Aufnahme derselben in den Text bereit, wobei dann die Online-Version regelmäßig erneuert würde. Die Eigenschaft des manuals wird erweitert, der Autor (S.P.) wird zum Collector. Die Sammlung erhält kollektiven Charakter als Hypertext.

    Beiträge zum Thema, welche von anderen Autoren im Internet online gestellt sind, können im Literaturverzeichnis unter 8 aufgenommen werden.

  • seyke sagt:

    Das Buch ist übrigens im Lambertus-Verlag erschienen (www.lambertus.de)

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