Wenn doppeltes Tempo zu Chaos im Kopf führt

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Drei Buchstaben, die für Chaos im Kopf sorgen: ETB: European Tae Bo. Eine Mischung aus Fitnessübungen und Kampfsport. Sollte doch nicht so schwer sein, dachte pflichtlektuere-Reporterin Lisa Oenning vor der Sportstunde. Wenn die Kursleiterin das Tempo anzieht, wollen Beine und Arme nicht mehr das machen, was der Kopf vorgibt.

Mein größter Gegner: der finale Durchlauf. Genauer gesagt: das doppelte Tempo. Oder sind es meine Arme und Beine? Während ich darüber nachdenke, schreit Anja „Double“. Kreuzschritt nach rechts. Oberschenkel anspannen. Sidekick. Und dabei in die Richtung des Gegners schlagen. Mit geballter Faust. Die Bewegung muss aus dem Oberarm kommen. Nicht aus dem Unterarm. Und schon gar nicht aus dem Ellenbogen. Die Faust möglichst schnell wieder an den Körper heranziehen. Der Gegner darf sie nicht fassen. So viele Dinge, die ich gleichzeitig beachten muss. Bei doppelter Geschwindigkeit. Am Ende der Stunde sollen alle Techniken in einem Durchlauf kombiniert werden. Zur Musik. Ich versuche mir krampfhaft alle Hinweise zu merken, damit ich beim Finale nicht aus der Masse heraussteche. 

„Das hat etwas von Polka“, sagt Anja grinsend, nachdem sie die Musik ausgestellt hat. Sie steht mit dem Rücken zum großen Spiegel gewandt und blickt in die zum Teil leicht geröteten Gesichter ihrer Kursteilnehmer. Seit 2001 ist sie ETB-Trainerin. Es geht hier nicht um osteuropäischen Volkstanz, sondern um Kampfsport: „Denkt an etwas Böses, an jemanden, der euch heute geärgert hat.“

Auf der Internetseite des Hochschulsports war ich auf ETB gestoßen. Die Abkürzung hat mich neugierig gemacht: Elemente aus dem Fitnessbereich und Kampfsport verbunden mit Aerobic-ähnlichem Herzkreislauftraining. Kurz vor Kursbeginn ist mir bewusst geworden, worauf ich mich eingelassen habe. Ich könnte mich blamieren. Immerhin: Ich bin nicht die Einzige, die Angst davor hat, aufzufallen. „Hoffentlich bekommen wir die Techniken hin“, sagt eine junge Frau zu ihrer Freundin, während sie sich umziehen. 

geballte Faust

So sollte die geballte Faust aussehen. Foto: pixelio.de/Uta_Herbert

Die Aufwärmphase 

Step eins: Ein paar einfache Schrittfolgen. Erst langsam. Dann schneller. Zu guter Musik. Ich bin optimistisch.  Dann zeigt Anja den Sidekick. Erst die Bewegungen langsam nachmachen. Dann schneller. Es beginnt das Chaos in meinem Kopf. Volle Konzentration auf die Füße und dabei vergesse ich, meine Arme zu bewegen. Bei Jana sieht das aber anders aus. Eher professionell. Sie studiert im fünften Semester Sonderpädagogik auf Lehramt und macht seitdem regelmäßig ETB, Judo und Taekwondo. 

Jetzt der Jab Jump Move. Das Gewicht ist auf den Vorderfüßen. Leichte Sprünge zur Seite. Die Faust geht auch zur Seite. Sollte eigentlich nicht so schwer sein. Eigentlich. „Lisa!“, ruft Anja und kommt auf mich zu. Das Problem ist meine Faust. Sie ist zwar geballt, aber nicht richtig. Anja nimmt meine rechte Hand, drückt sanft meine Finger herunter und legt den Daumen ans untere Ende meiner Fingerspitzen. Das muss so sein, denn sonst droht Verletzungsgefahr.  

Der Endgegner: die Zeit

Kurz vor dem Finale zeigt Anja uns den Knee Raise. Und stellt damit mein Gleichgewicht auf eine harte Probe. Ich muss auf einem Bein stehen. Aber dabei noch das andere und dazu die Arme bewegen? Das linke Bein im rechten Winkel anziehen. Die Arme diagonal dazu in die Höhe gestreckt. Die Hände zu Fäusten geballt. An das angewickelte Bein so heranziehen, dass die Fäuste am Oberschenkel anliegen. Mehrmals hintereinander. Dabei nicht das Bein, das ich anziehe, absetzen. Nach ein paar Wiederholungen verliere ich das Gleichgewicht.

 

Lisa Oenning übt mit Anja Melanie Zeuch den Faustschlag.

Lisa Oenning übt mit Anja Melanie Zeuch den Faustschlag. Foto: Jana

Das Finale nähert sich. Jetzt sollen alle Techniken kombiniert werden. Wie war das nochmal mit dem Sidekick? Aber es bleibt keine Zeit zum Nachdenken. Die Charts-Musik mit starken Beats ertönt aus der Anlage. Erst normales Tempo. Dann Double. Ein Blick zu den anderen: Komme ich noch mit? Ich hänge nicht hinterher. Aber ich merke: Die Technik ist unsauber. Ich gebe nicht auf. Ich möchte den Gegner – das schnelle Tempo – besiegen, indem ich nicht allzu viel darüber nachdenke, was ich hier gerade mache. Und in diesem Moment wird mir bewusst: Auch wenn ich nur wenige Techniken richtig ausführe, habe ich Spaß. Und mit etwas mehr Übung kann mein Feind auch zu meinem Freund werden, meine Arme und Beine die Bewegungen ausführen, die der Kopf vorgibt. 

Auch Lust auf ETB?