Herausforderung für Körper und Geist

Hilty und Bosch, "The Masters of Locking", sind in Japan bereits bekannt - und bald wohl auch in Bochum. (FO)

Hilty und Bosch, „The Masters of Locking“, sind in Japan bereits bekannt – und bald wohl auch in Bochum. (FO)

Finn Sammerl läuft seit seiner Jugend Parkour. Bei dieser Sportart kann er über sich hinauswachsen. Seit 2010 ist er Teil der Urbanatix-Crew. Wir haben ihn zur Generalprobe zur neuen Show begleitet, die am Freitag in der Jahrhunderthalle Premiere feiert. 

Donnerstagabend, 19.20 Uhr. Kein Platz ist mehr frei in der Jahrhunderthalle Bochum. Unzählige Zuschauerköpfe blicken gespannt auf die Bühne. Das Licht geht an. Erst Stille und dann ein Knall: Schlagzeugbass dröhnt durch den Raum. Die Luft vibriert. Backstage stehen die Urbanatix-Artisten bereits in den Startlöchern. Die Generalprobe zu ihrer neuen Show „Outside the Box“ beginnt mit leichter Verspätung, sie sind heiß. Die Aufregung vor dem Auftritt ist groß. Sie können es kaum erwarten, ihr Können zu zeigen. Mittendrin: Der Parkourläufer Finn Sammerl. 

Was genau ist Parkour?
Parkour ist ein sportlicher, urbaner Hindernislauf. Ziel der Läufer ist es, sich nur mit Hilfe des eigenen Körpers möglichst effizient von A nach B zu bewegen. Der Parkourläufer (franz.: le traceur = „der, der eine Linie zieht“) bestimmt seinen Weg durch urbane und natürliche Räume. Dabei wählt er nicht die vorgeschriebenen Gehwege, sondern überwindet architektonische Hindernisse. Bewegungsfluss und Körperbeherrschung stehen dabei im Vordergrund.
Termine und Tickets

Die aktuelle Urbanatix-Produktion “Outside the Box“ feiert am Freitagabend Premiere in der Jahrhunderthalle. 

Vom 14. bis zum 25. November 2014 präsentiert die rund 60-köpfige Crew täglich, teils auch mehrmals pro Tag, ihre 100-minütige Show. 

Tickets gibt es noch ab 19,50 Euro.

Der 22-jährige Lehramtsstudent aus Herne ist bereits seit der ersten Vorstellung im Mai 2010 dabei.  Hinter der Bühne wartet er auf seinen Auftritt. Er trägt eine weite Jogginghose und ein langes, ärmelloses Top. Darin kann er später besonders gut performen. Bequem muss es sein. Obwohl er schon eine gewisse Routine hat, ist er vor jeder Show ein bisschen aufgeregt, verrät er. „Vor allem die Generalprobe ist für mich immer etwas ganz Besonderes.“ Am Tag vor der offiziellen Premiere können Freunde und Familienmitglieder die Artisten auf der Bühne bewundern.  Finns Adrenalin steigt: „Vor allem, wenn meine Freunde und meine Freundin da sind, gebe ich alles. Darum ist die Generalprobe für mich die eigentliche Premiere.“ Wie sich das anfühlt? „Das ist ein Mix aus Nervosität, Anspannung und positiver Aufregung. Ein krasses Gefühl.“

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Während der Show: „einfach mal ausrasten“

Finn Sammerl, Parkour-Künstler: "Die Generalprobe ist für mich wie die Premiere." Foto: Laura Konieczny

Finn Sammerl, Parkour-Künstler. (LK)

Während Finn sich noch mit seinen Parkourkollegen entspannen und aufwärmen kann, rocken „The Masters of Locking“, Hilty und Bosch aus Japan bereits die Bühne. Es folgen: Charlotte de la Breteque an einem Vorhang aus Seilen, Stuntbiker, Tricker, Musiker und zahllose andere Acts. Das Publikum feuert die Artisten laut klatschend, teils johlend an. Finn verfolgt das Spektakel derweil im Backstage-Bereich auf Fernsehbildschirmen. „Wir hinter der Bühne klatschen meistens schon vor dem Publikum im Saal, weil wir unsere Kollegen so feiern“, berichtet er lachend. 

Fast genau in der Mitte der Show, nach 45 Minuten, darf er selbst ran. Die Bühnenhelfer bauen ein großes, verwinkeltes Obstacle (Engl.: Hindernis) auf. Finn und sechs weitere junge Männer verausgaben sich daran mit Sprüngen, Salti und Co. „Beim Parkour kann man auch einfach mal ausrasten“, beschreibt Finn. Genau das fasziniere ihn. Leichtathletik ist ihm eine Nummer zu klein. Parkour gibt ihm den Kick: „Das Gesamtpaket aus Springen und Laufen gefällt mir. Man wächst immer wieder über sich hinaus und erreicht Leistungen, die man vorher nie für möglich gehalten hätte, zum Beispiel einen Sprung aus drei Meter Höhe.“ Als angehender Deutsch- und Sportlehrer sieht er natürlich immer auch den sportlichen Aspekt: „Parkour ist ein super Ganzkörpertraining.“

Nach der Performance: geschwitzt, aber glücklich

Nach dem Auftritt meint Finn: „Ich bin ordentlich am schwitzen, aber habe einfach nur noch gute Laune.“ Ganz zufrieden ist er mit seiner Leistung trotzdem nicht. „Ich habe mich ein Mal langgelegt“, ärgert er sich. Im Publikum ist das aber niemandem aufgefallen. Und: „Wenn die Generalprobe fehlerfrei läuft, stimmt irgendwas nicht.“ Nach insgesamt 100 Minuten Programm kommt der ganze Cast zum Finale auf die Bühne und erntet viel Applaus. Was Finn aber noch wichtiger ist, ist das Feedback seiner Freunde und Familie. Sie sind mächtig stolz auf ihn, loben ihn für seine Performance. Er wirkt glücklich. 

Das harte Training hat sich gelohnt. Mehrmals pro Woche übt er das ganze Jahr über seine Tricks. In der heißen Phase vor der Generalprobe war er eine Woche lang täglich bis zu zwölf Stunden in der Jahrhunderthalle. „Die Zeit vergeht super schnell“, meint er. Trainieren, quatschen, essen, proben – für ihn das Größte. Auf ein bisschen Ruhe nach insgesamt 16 Vorstellungen in zwölf Tagen freut er sich aber trotzdem. Nach der Showphase macht er eine Woche lang keinen Sport und erholt sich. „Dann juckt es aber doch wieder in den Fingern“, sagt er und grinst vorfreudig. Die Stadt und die Bühne sind sein Revier.

Fotos: Frank Oppitz (FO) und Laura Konieczny (LK)

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