Warum der Durchschnitt unterdurchschnittlich ist

Warum fühlen wir uns schlecht, wenn wir “nur” Durchschnitt sind? Annabell Brockhues hat sich auf die Suche nach dem Durchschnitt gemacht. Woher unsere Sehnsucht nach dem Durchschnitt kommt, hat sie sich bis zuletzt auch gefragt. Michael Jochimsen antwortet – mit einem Essay über Selbstüberschätzung, Unzufriedenheit und die Angst vor der Mittelmäßigkeit.

Wir vergleichen uns mit anderen, weil wir besser als sie sein wollen. 84 Prozent der französischen Männer halten sich für überdurchschnittlich gute Liebhaber. Wollen sie vielleicht ein Klischee erfüllen oder stammt das Klischee viel eher aus dieser Selbsteinschätzung? Hier liegt wohl ein Fall von Selbstüberschätzung vor. Niemand will durchschnittlich sein, auch wenn durchschnittlich manchmal doch gar nicht so schlecht ist. Als Studenten wären wir mit einem Einkommen, das dem deutschen Durchschnitt entspricht, mehr als zufrieden. 

Jeder ist in irgendetwas besser als die anderen und umgekehrt. Aber sich mit der Mitte zufrieden geben, das wollen die wenigsten. In einer Gesellschaft von Individualisten will jeder herausstechen. Selbstverwirklichung ist kein Recht mehr, sondern eine Pflicht. Diese Flamme wird stets neu geschürt: Im täglichen Leben hören wir immer wieder, dass wir hervorstechen sollen – Erfolg ist nur in der Nische zu finden. Sollte der Durchschnitt nicht reichen? Sollten wir nicht versuchen, den Durchschnitt in allen Bereichen wie Bildung, Einkommen und Wohlstand anzuheben, sodass er seinen Schrecken verliert? Den Durchschnitt heben, ohne die Schere zwischen Arm und Reich sowie gebildet und ungebildet weiter aufgehen zu lassen, ist eine Herausforderung. Denn Ungleichheit ist nicht per se schlecht, sie muss nur allen nützen. Das hat schon der US-amerikanische Philosoph John Rawls festgestellt, der in einer gerechten Gesellschaft nicht unbedingt eine gleiche Gesellschaft sieht. Einige seien eben besser als andere, ob durch natürliche Veranlagung, gesellschaftliche Umstände oder eigene Fähigkeiten. Das sei aber alles in Ordnung, solange es den schlechter gestellten nicht auch schlechter geht. 

Würde es nach solchen Grundsätzen wie Gerechtigkeit und Logik gehen, müssten wir uns mit dem Durchschnitt zufrieden geben. Aber so ticken wir nicht, wir vergleichen uns weiter. Während die Sache beim Geld noch recht simpel erscheint, ergibt sich oft das Problem, dass sich einige Dinge gar nicht messen lassen. Wer sagt zum Beispiel, dass ein durchschnittlicher Liebhaber etwas Schlechtes ist? Oft können wir gar nicht erkennen, was der Durchschnitt ist. Wir messen uns aber trotzdem an einer imaginär gezogenen Linie, die wir nach Gefühl festlegen. Durch unser Streben nach Einzigartigkeit blicken wir nicht auf all die Leute, denen es schlechter geht, die weniger können als wir. Nein, wir ortientieren uns an denen über uns. Das kann uns dabei helfen zu wachsen, es kann aber auch dazu führen, dass wir uns selbst ständig unterschätzen.

 

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