Auf Weltreise mit dem Werkzeugkoffer

Der Name „Ingenieure ohne Grenzen“ bietet viel Raum für Spekulationen. Reist da eine Gruppe Techniker um die Welt und errichtet Solaranlagen in Afrika? Oder entwickeln Ingenieure aus allen Ländern der Welt in geheimen Laboren technische Entwicklungen, wie wir sie aus Science-Fiction-Filmen kennen?

Vergleich zwischen Deutschland und Malawi. Quelle: Statista

Mitglieder von „Ingenieure ohne Grenzen“ touren nicht wirklich mit ihren Werkzeugkoffern um die Welt. Allerdings errichten sie tatsächlich unter anderem Solaranlagen in Afrika. An der Ruhr-Uni Bochum trifft sich eine ehrenamtliche Regionalgruppe des Vereins. Die Mitglieder dort, viele von ihnen Studenten und Ehemalige, unterstützen mit ihrem aktuellen Projekt eine Schule in Malawi.

Die Republik im Südosten Afrikas hat etwa so viele Einwohner wie NRW, allerdings deutlich weniger Geld. Nach Angaben des Auswärtigen Amtes gehört Malawi zu den ärmsten und am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Gerade im Punkt der Entwicklungszusammenarbeit leisten die Ingenieure ohne Grenzen dort einen Beitrag.

 

 

Das Projekt Bildung

Eine Solaranlage wird auf einer Schule befestigt.

Das übergeordnete Projekt ist ganz klar die Bildung. Aber statt Schulbücher zu verschicken oder eine neue Tafel zu spenden, setzen die Ehrenamtlichen aus Bochum auf die Entwicklung der Infrastruktur in den Schulen Malawis. Durch die Errichtung eines neuen, zentraler gelegenen Brunnens können die Kinder zum Beispiel mehr Zeit in der Schule verbringen. Zeit, die sie sonst mit weiten Wegen zum nächsten Brunnen verbracht hätten, um Wasser für die Familie zu besorgen.

Durch den Aufbau einer Photovoltaikanlage kann inzwischen außerdem eine weiterführende Schule mit Strom versorgt werden. Eine Ausstattung, die für malawische Schulen keineswegs selbstverständlich ist. Die Haushalte des angrenzenden Dorfes haben ebenfalls keine Stromversorgung. Damit gehören die Grundschule und die weiterführende Schule, die von etwa 830 Schülerinnen und Schülern besucht wird, zu den am besten ausgestatteten Gebäuden des Dorfes. 

Aber warum sind Strom und ein Brunnen etwas, womit die Bildung gefördert werden kann? Ganz einfach: Momentan sind die Schüler der Grundschule, die von 650 Schülern besucht wird, in nur acht Klassen unterteilt. Die 180 Schüler der weiterführenden Schule verteilen sich auf 3 Klassen. Ein Zustand, den wir uns an einer deutschen Schule überhaupt nicht vorstellen könnten. Der Grund: Es gibt nicht genügend Lehrer. 

Auch in Deutschland findet der Unterricht teilweise in uralten Gebäuden statt. Die Stühle wackeln bei der kleinsten Bewegung, die Rohre der Heizung dröhnen zwar das ganze Jahr über, bringen aber keine Wärme, und die Toiletten erinnern stark an ein Schlachtfeld. Als Arbeitsplatz lockt ein solches Gebäude nicht! Durch den Ausbau an der Schule und im Dorf wird die Region attraktiver für Lehrer. Mehr Lehrer bedeuten kleinere Klassen und effektiveres Lernen. Aus diesem Grund plant die Regionalgruppe Bochum in ihrem nächsten Projekt auch die Errichtung von Sanitäranlagen in der Nähe des Schulgebäudes. Bisher gibt es nämlich nur sehr wenige Toiletten für die immer weiter wachsenden Schülerzahlen.

Der Flug nach Malawi

Die Hauptverkehrsstraße M1, die größte Straße in Malawi. Die Straßenränder werden durch Verkaufsstände „markiert“.

Elena Kleine war bereits in Malawi. Die 30-jährige Masterstudentin für Wassertechnik hat den Bau des neuen Brunnens mitbetreut und Informationen für ein eventuelles Folgeprojekt im Bereich Sanitär gesammelt. Der Empfang in Malawi war dabei sehr herzlich. Sie fühlte sich fast wie eine Attraktion, viele der Grundschüler wollten Fotos mit ihr machen. Allerdings ist sogar das Erfragen eines Selfies schon eine Hürde. Chichewa, die Amtssprache Malawis, kennen die Meisten wohl nicht mal vom Namen. Und Englisch ist in dem Dorf keine weit verbreitete Sprache. Ohne einen Dolmetscher wäre jegliche Kommunikation so gut wie unmöglich.

Dabei sind die Gespräche mit den Dorfbewohnern ein wichtiger Bestandteil der Reise. Sie wissen am besten, wie die Zustände im Dorf sind und was dringend benötigt wird. Allerdings ist auch ein wenig Vorsicht geboten: Die verschiedenen Interessensgruppen haben unterschiedliche Wünsche — so kann es durchaus vorkommen, dass ein Dorfbewohner aus Eigeninteresse ein Problem in den Fokus rücken möchte. Deshalb fliegen immer zwei Vereinsmitglieder nach Malawi. Mindestens einer von ihnen war bereits vor Ort und kann die gesammelten Erfahrungen an die Begleitung weitergeben. Der Ablauf der Reise ist meistens identisch: Zuerst wird erkundet. Das heißt, die Dorfbewohner werden gefragt, was im Dorf benötigt wird. Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, wird das Projekt in die Tat umgesetzt und im letzten Schritt schließlich evaluiert.

Die Errichtung

Die Ingenieure besuchen den neu errichteten Brunnen.

Der Bau der Anlagen wird von „Ingenieure ohne Grenzen“ finanziert, ausgearbeitet und überwacht. Allerdings versteht der Verein seine Tätigkeit nicht als Entwicklungshilfe, sondern als Entwicklungszusammenarbeit. Das bedeutet, dass nur Projekte realisiert werden, die mit den verfügbaren Ressourcen im Land und in Kooperation mit den Dorfbewohnern vor Ort umgesetzt werden können. Dadurch sollen die Dorfbewohner dazu befähigt werden, die Anlagen selbst zu verwalten. Für den Bau werden also ortsansässige Firmen beauftragt.

Trotzdem versuchen die Mitglieder von Ingenieure ohne Grenzen nach einem abgeschlossenen Projekt in größeren Abständen nach Malawi zu reisen, um neue Projekte zu planen und die abgeschlossenen Projekte zu evaluieren.

Nachdem ein Projekt abgeschlossen ist, wird die errichtete Anlage offiziell an das Dorf abgegeben. Das bedeutet, das Dorf muss sich selbst um die Verwaltung und Instandhaltung kümmern. Dadurch soll eine engere Bindung der Dorfbewohner an das Projekt geschaffen werden. Denn Eigentum wird meist besser behandelt als Leihgaben. 

Zu diesem Zweck werden Komitees gegründet, die für die Anlagen verantwortlich sind. Diese bestehen unter anderem aus wichtigen Persönlichkeiten im Dorf, zum Beispiel den Lehrern und einigen Eltern der Schüler. Durch den Aufbau der Komitees sollen die Dorfbewohner außerdem befähigt werden, das Projekt ohne zusätzliche Hilfe weiterführen zu können.

Die Vereinsstruktur

Die Regionalgruppen in Deutschland
Quelle: Ingenieure ohne Grenzen

Der Verein hat etwa 3.500 Fördermitglieder, von denen circa 1.000 aktiv in den 30 Regionalgruppen in Deutschland involviert sind. Diese Mitglieder arbeiten ausschließlich auf freiwilliger Basis, sie sind also ehrenamtliche Helfer. Lediglich ein Teil der Mitarbeiter in Berlin arbeiten hauptamtlich, wodurch mehr Geld für Projekte übrig bleibt. 

Die Regionalgruppen haben grundsätzlich ihre eigenen Projekte, die mit der Geschäftsführung besprochen werden. Gelegentlich gibt es aber auch Kooperationen zwischen einzelnen Gruppen.

Das Ziel des Vereins nach eigener Aussage: Die Lebensbedingungen notleidender und benachteiligter Menschen langfristig zu verbessern. Hierbei liegt der Fokus auf einer nachhaltigen, partnerschaftlichen Unterstützung im Rahmen einer grundbedürfnisorientierten Entwicklungszusammenarbeit.

Grenzenloser Verein

Trotz des Namens besteht der Verein nicht nur aus Ingenieuren. Jeder ist dazu eingeladen, die regelmäßigen Treffen zu besuchen. Moritz Oberberg ist Doktorand für Elektrotechnik an der Ruhr-Uni Bochum. Damit ist er zwar auch ein Ingenieur, seine Position innerhalb des Vereins ist jedoch die des Kassenwarts. Der 27-Jährige ist seit mehr als drei Jahren Mitglied des Vereins. Damals über Freunde dazugestoßen, ist er inzwischen fester Bestandteil des Teams.

So hat er unter anderem den Buchbasar an der Ruhr-Uni Bochum organisiert, von dessen Erlös unter anderem die Reisen nach Malawi finanziert werden konnten. Auch bei der Planung des jährlichen Sommerfestes ist er stark involviert. Der „afrikanische Döner“ habe sich fast von allein verkauft, erzählt Moritz. Kein Wunder, schließlich ist schon der normale Döner eine Erfolgsgeschichte. Der afrikanische Döner basiert auf dem gleichen Prinzip, nur dass die Zutaten durch afrikanische Spezialitäten ersetzt werden.

Die Aufgaben

Bevor ein Brunnen verwendet werden darf, müssen die Ingenieure das Wasser überprüfen

Wer mitmachen will, kann sich sein Projekt selber aussuchen. Während der wöchentlichen Treffen kann jeder die eigene Meinung einbringen. Aber auch außerhalb der Versammlungen steht einiges an. Natürlich gibt es die technischen Ausarbeitungen der Projekte, also zum Beispiel das Entwerfen einer Sanitäranlage. Aber auch Spendenevents wie der Buchbasar erfordern organisatorischen Aufwand. Für die verschiedenen Tätigkeiten innerhalb des Vereins bieten die Ingenieure ohne Grenzen regelmäßig Workshops an. Die Regionalgruppe aus Bochum trifft sich jeden Donnerstag um 18 Uhr in den Räumlichkeiten der OASE (Ort für Austausch, Studium und Entwicklung) am Buscheyplatz 3. Genauso wie jeder mitmachen kann, kann auch jeder vorbeikommen und sich die Gruppe von Nahem anschauen.

 Beitragsbild und Fotos: Ingenieure ohne Grenzen

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