„Das Leben ist viel zu schön, um es wegzuwerfen.“

Peter Falkenhain war ein hervorragender Leichtathlet mit einer Menge Potenzial. Im Alter von 17 Jahren verlor er bei einem Unfall beide Beine. Bis er sich in seinem neuen, völlig anderen Leben ohne Beine zurecht finden konnte, hat es einige Zeit gedauert. Der heute 55-Jährige erzählt im Interview wie ihm der Sport geholfen hat, die Herausforderungen anzunehmen.

pflichtlektüre: Bevor der Unfall passierte warst Du ein ausgezeichneter Sportler und auf dem Sprung nach ganz oben. Was waren da Deine Ambitionen?

Peter Falkenhain: Ich bin damals Fahrrad gefahren und hatte Oberschenkel von denen andere nur träumen können, sogar die Fußballer. Gleichzeitig habe ich mit Zehnkampf angefangen. Ich war damals über zwei Meter groß. Mit 17 bin ich die 100 Meter bereits unter elf Sekunden gelaufen. Das war schon eine Hausnummer. Deshalb sollte ich auch zu Bayer Leverkusen wechseln. In der Zeit ist dann aber mein Unfall passiert. Es sollte wohl nicht sein.

Wie genau ist denn der Unfall passiert?

1974 bin ich in Barmen auf einen fahrenden Zug gesprungen. Der Zug ist am Bahnhof losgefahren und ich bin losgesprintet und wollte den noch mitkriegen. Und beim Sprinten bin ich an so Griffe drangesprungen. In dem Augenblick hat es dann einen Ruck gegeben und ich hatte in beiden Armen beide Handgelenke gebrochen. So schnell war der Zug schon. Ja, und dann bin ich wie in Zeitlupe reingezogen worden und hab dann da gelegen. Ein Bein haben sie anderthalb Kilometer weiter gefunden, an dem anderen war noch ein Stück Knie dran, aber auch da war nix mehr zu machen. Dann muss da wohl ein Bahnpolizist gekommen sein; der hat zu mir gesagt: „Junge bleib liegen. Lauf nicht weg.“ Und da habe ich wohl über den ganzen Bahnhof geschrien: „Wie denn, du Arschloch?“ Da habe ich das schon gewusst, dass die Beine weg sind. Aufgewacht bin ich dann irgendwann im Krankenhaus.

Und wie hast Du Dich nach dem Unfall gefühlt?

Autofahren kann Peter Falkenhain dank spezieller Technik auch ohne Beine.

Autofahren kann Peter Falkenhain dank spezieller Technik auch ohne Beine. Fotos: Thimo Mallon

Scheiße auf deutsch gesagt. Etwa eine Woche nach dem Unfall wollte ich mich aus dem Fenster im Krankenhauszimmer stürzen. Da war alles noch sehr, sehr frisch. Dummerweise war das Zimmer aber im Parterre. Dann lag ich da mit meinen Schläuchen und Drähten. Also fing ich an Tabletten zu sammeln. Ich war halt 17 und hab nicht so viel darüber nachgedacht; dachte mir: ‚Nimmst eine Pille, dann bist du tot.‘ Die haben mir dann den Magen ausgepumpt. Danach wollte ich den aber auch nie wieder ausgepumpt haben. Aber das ist alles schon verdammt lange her. Das Leben ist eigentlich viel zu schön, um es wegzuwerfen.

Hast Du Dich denn heute mit Deinem Schicksal abgefunden?

Abfinden kann man sich damit nicht. Wer so etwas behauptet, der lügt. Ob du nur einen Finger weg hast, die Hand weg hast, ein Bein weg hast oder einen Arm weghast. Du findest dich da nicht mit ab. Jedes Mal in deinem Leben stehst du dann irgendwo vor und denkst: ‚Ach ja, das kann ich ja gar nicht.‘ Und diese Grenzen werden dir in deinem Leben immer wieder aufgeführt. So ist es nunmal eben.

Aber Du bist aus dem Tief nach dem Unfall wieder herausgekommen. Was hat Dir dabei am meisten geholfen?

Ich bin überwiegend durch den Sport wieder schön nach oben gerutscht. Nach meinem Unfall bin ich dem Sport ja auch gar nicht lange fern geblieben. Ich habe ein Jahr später schon direkt mit Sitzball angefangen. Da bin ich wieder aufgeblüht. Das war schließlich das einzige, was ich hatte. Ich hatte keine Arbeit mehr. Ich war ausgelernter Fleischer, aber den Beruf konnte ich ja nicht mehr ausüben. Und wenn man kein Geld auf der Backe hat, dann sieht es immer dünn aus im Leben. Es hatte auch drei Jahre gedauert, bis ich dann eine Umschulung bekam. Aber von da an ging es dann aufwärts. Im Kugelstoßen gehörte ich dann irgendwann zur Weltspitze im Behindertensport. Mittlerweile bin ich ja auch wieder auf einem gutem Niveau.

Warum denn wieder?

Peter Falkenhain ist beim Kugelstoßen mehr als andere auf seine Explosivität im Arm angewiesen.

Peter Falkenhain ist beim Kugelstoßen mehr als andere auf seine Explosivität im Arm angewiesen.

Anfang der 90er Jahre hatte ich da so eine Geschichte bekommen, die nennt sich Viruswarzen. Die hatte ich vermehrt an den Stümpfen. Zu der Zeit bin ich noch Prothese gelaufen und das ging dann nicht mehr. Immer, wenn die eine Warze weggemacht haben, kamen gleich drei neue. Nach 16 solcher Behandlungen hatte ich dann die Schnauze voll. In der Zeit bin ich dann auch berentet worden.
Dazu kam dann noch, dass ich mich 1998 am Bizeps verletzt habe. Bizepsabriss. Sechs Monate Schiene. Kaum war ich aus der Rehe raus, wieder verletzt. Wieder sechs Monate Pause und nichts machen. Die Decke in der Wohnung kam immer näher und näher.

Und trotzdem kannst Du jetzt wieder leistungsorientiert Kugelstoßen?

Viele Leute haben mir gesagt, dass ich da nichts mehr machen könnte, wenn einmal der Bizeps abgerissen ist. Aber ich war dann zwei Jahre später wieder bei dem Arzt, der mich operiert hatte und er sagte nur: „Geh‘ voll in die Eisen. Mach. Hab deinen Spaß.“ Angefangen habe ich mit 60 Kilo Bankdrücken, jetzt bin ich wieder bei 180. 2006 habe ich dann die elf Meter geschafft im Kugelstoßen. Seitdem bin ich auch wieder im erweiterten Nationalkader. Das war alles viel harte Arbeit, aber ich habe es geschafft. Ich habe es mir selber bewiesen.

Wie sieht denn Kugelstoßen bei Dir überhaupt aus? Brauchst Du dafür spezielle Geräte?

Peter Falkenhain trainiert auf einem speziellen Stuhl.

Peter Falkenhain trainiert auf einem speziellen Stuhl.

Ich habe dafür extra einen Stuhl anfertigen lassen. Der Stuhl ist bei jedem, der amputiert ist anders gebaut, er ist individuell zusammengestellt. Der eine kann es so besser, der andere so. Nur die Höhe ist mit 75 Zentimeter vorgegeben. Es gibt da auch keinen Trainer, der einem zu etwas raten kann. Der Behinderte muss sich immer wieder selber hinterfragen. Ist das richtig? Passt das? Nur er kennt seinen Ablauf, sonst keiner.

Du warst also auch nach den Verletzungen noch richtig erfolgreich. Was ist für dich das schönste Erlebnis gewesen?

Es gab eine Europameisterschaft in Brüssel. Das war aber vorher; 1986. Da bin ich drei Mal Europameister geworden. Das war natürlich der Knaller. Ich hab in allen drei Disziplinen gewonnen. Speer, Kugel und Diskus. Und das ist ganz, ganz selten. Ansonsten war ich Olympiasieger und Europameister. Ich hab Landesmeistertitel und deutsche Meistertitel ohne Ende. Ich war ja auch eine Zeit lang nicht in der Nationalmannschaft und bin trotzdem Deutscher Meister geworden. Aber die Pokale hab ich fast alle weggeworfen. Das waren zu viele. Da konntest du in einem Zimmer die ganze Wand mit zustellen. Und dann müssen die immer geputzt werden und da hatte ich keine Lust mehr drauf. Das waren einfach zu viele.

Ein paar seiner Medaillen hat die Ehefrau noch aufbewahrt.

Ein paar seiner Medaillen hat die Ehefrau noch aufbewahrt.

Aber der letzte Höhepunkt, den ich erlebt habe, war die Geburt meines Sohnes. Da bin ich unheimlich stolz drauf. Man hat mir gesagt, ich könnte keine Kinder zeugen. Und dann kommt eines Tages meine Frau zu mir und sagt: „Ich bin schwanger.“ Da hab ich erstmal gefragt: ‚Von wem? Doch nicht von mir, oder?‘ Wenn dir ein Arzt sagt, du kannst keine Kinder zeugen, dann fragt man das doch. Dann haben wir das testen lassen und gut, dann war er halt meiner. ‚Prima‘, hab ich gesagt. Meine Frau ist dann nach acht Wochen wieder arbeiten gegangen und dann war ich der Hausmann. Mach das mal. Da hatte ich noch einen Arm in Gips. Ich werd das nie vergessen. Ich hab aufgepasst wie die Hölle, nur damit der Kleine den Arm nicht trifft. Und dieses kleine Unwesen mit seinen Beinchen, der tritt immer wieder gegen meinen Arm, immer wieder. Es hat weh getan, sag ich dir. Das hat mich Nerven gekostet. Deshalb bin ich grau geworden.

Mittlerweile ist Dein Sohn 16 Jahre alt und macht zum Teil mit dir Sport. Wie lange willst du denn noch weiter machen?

Ich muss Jahr für Jahr schauen, wie die Gesundheit ist. Ich möchte noch lange für meinen Sohn da sein, weil ich sehen möchte, was mal aus meinem Kleinen wird. Ich werde aber wahrscheinlich auch noch in zehn Jahren im Fitnessstudio trainieren, werde immer noch zu Sportveranstaltungen gehen. Vielleicht mehr als Zuschauer, nicht als Teilnehmer. Das ist mein Hobby und das ist gut so. Und meinen Sohn habe ich ja auch schon fürs Kugelstoßen begeistern können.

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