„Bild-Zeitung? Nein Danke!“ – Nicht einmal geschenkt

Die erste Ausgabe der Bild-Zeitung hatte vier Seiten und wurde kostenlos verteilt. Gesamtauflage: 455.000 Exemplare. Heute wird die Bild 2,7 Millionen Mal verkauft, ist Deutschlands auflagenstärkste und wohl meist diskutierte Tageszeitung – und sie soll noch einmal kostenlos verteilt werden. Der Springer-Verlag plant zum 60. Geburtstag im Juni eine riesige Geschenkaktion. Jeder deutsche Haushalt soll zum Ehrentag eine Bild-Zeitung geschenkt bekommen – ob er will oder nicht.

So könnten am 23. Juni 2012 die Briefkästen von 41 Millionen deutschen Haushalten aussehen. Fotos: Anne Wunsch.

So könnten am 23. Juni 2012 die Briefkästen von 41 Millionen deutschen Haushalten aussehen. Fotos: Anne Wunsch.

Im Internet gibt es immer mehr Menschen, die sich unter dem Motto „Bild-Zeitung? Nein Danke!“ mit einer Protestmail gegen die Gratiszeitung wehren. Angestoßen wurde die Aktion von einer Gruppe Studenten aus Berlin, die aus Blogs von den Plänen der Bild-Zeitung zur Geburtstagskampagne „Bild für Alle“ erfahren hatten. Als Reaktion gründeten sie die Webseite alle-gegen-bild.de, auf der jeder mit ein paar Klicks eine vorgefertigte E-Mail an den Springer-Verlag schicken kann und damit das Geschenk-Exemplar verweigert. Unterstützt werden die Studenten von der Protestorganisation campact. „Die Bild-Zeitung bietet uns mit der Geschenkaktion eine Steilvorlage“, sagt Susanne Jacoby vom Netzwerk campact. „Wir haben so die Möglichkeit dem Springer-Verlag zu zeigen, dass wir es nicht in Ordnung finden, wie in der Bild berichtet wird. Regelmäßig werden Persönlichkeitsrechte verletzt und die Menschenwürde mit Füßen getreten. Darauf wollen wir öffentlich aufmerksam machen.“

Widerspruch ist rechtlich abgesichert

In das vorgefertigte E-Mail Formular müssen nur noch Name, Adresse und E-Mail-Adresse eingefügt werden. Screenshot: campact.de/Anne Wunsch.

In das vorgefertigte E-Mail Formular müssen nur noch Name, Adresse und E-Mail-Adresse eingefügt werden. Screenshot: campact.de/Anne Wunsch.

Fast 200.000 Absagen hat der Springer-Verlag seit Start der Kampagne am 12. April per E-Mail bisher erhalten. Sollte es zu der Verschenkaktion kommen, darf die Bild keine Gratiszeitung in die entsprechenden Briefkästen werfen. „Die E-Mail ist so formuliert, dass es ein rechtlich verbindlicher Widerspruch ist“, sagt Jacoby. Wer trotzdem eine Zeitung im Briefkasten liegen haben sollte, könnte den Springer-Verlag kostenpflichtig abmahnen. Damit sorgt die Kampagne nicht nur für öffentliche Diskussionen, sondern stellt die Bild auch vor logistische Herausforderungen. Je länger die Liste der Verweigerer wird, desto komplizierter dürfte die Zustellung der Gratiszeitungen werden. Tobias Fröhlich, Pressesprecher des Springer-Verlags, versicherte auf Nachfrage von pflichtlektüre, dass alle Widersprüche beachtet würden, wenn es eine entsprechende Verteilaktion gibt. Ein Aufkleber „Keine Werbung“ am Briefkasten reiche übrigens laut Jacoby zur Verweigerung nicht aus. „Damit legt man keinen Widerspruch ein. Die Bild kann sich darauf berufen, dass sie eine Gratiszeitung ist und damit keine Werbung.“

Datenschutzrechtliche Bedenken müssen die Teilnehmer der Protestaktion nach Angaben von campact nicht haben. „In der E-Mail steht drin, dass der Springer-Verlag die Daten ausschließlich im Rahmen des Widerspruches verwenden darf. Anschließend müssen sie komplett gelöscht werden“, sagt Jacoby.

Geschenk- oder riesige Werbeaktion?

Der Springer-Verlag bestätigt, dass derzeit Gespräche mit potenziellen Anzeigenkunden für eine entsprechende Geburtstagsaktion geführt werden. Eine endgültige Entscheidung sei jedoch noch nicht gefallen. Sollten am Jubiläumstag insgesamt 41 Millionen Zeitungen verschenkt werden, wäre das die größte Bild-Auflage aller Zeiten. Damit hat der Verlag bereits im Januar um Anzeigenkunden geworben. „In dem Schreiben hieß es, dass eine ganzseitige Anzeige vier Millionen Euro kosten soll. Die Bild lässt sich das also schon auch gut bezahlen“, sagt Jacoby. „Diese Verteilaktion ist in erster Linie eine gigantische Werbemaßnahme.“ Trotzdem sei es nicht das primäre Ziel von campact, die Verteilung der Gratiszeitung komplett zu stoppen. „Natürlich steht es dem Springer-Verlag frei, viel und groß Werbung zu machen. Uns stört einfach diese Zwangsbeglückung. Die Aktion zeigt ja, dass nicht jeder einfach ungefragt eine Bild geschenkt bekommen möchte.“

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Online-Demo bei Springer-Hauptversammlung

Am gestrigen Mittwoch, 25. April 2012, hat campact eine weitere Protestaktion organisiert. Mit Plakaten und Flugblättern haben Aktivisten die Aktionäre der Springer AG, die sich zur Jahreshauptversammlung in Berlin getroffen haben, aufgefordert, sich für guten Journalismus stark zu machen. Außerdem gab es eine Online-Demo. Über Twitter oder ein Online-Formular konnte auf diese Weise jeder seine Nachricht mit dem Beginn „Ich will keine Bild in meinem Briefkasten, weil…“ an den Verlag loswerden. Die Nachrichten wurden auf einer LED-Wand vor dem Axel-Springer-Gebäude gezeigt.

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