Der Breitmaulfrosch: Stulle Deluxe

Susi

Ob Poetry-Invasion, Grüne Smoothies oder die hippesten Hipster-Klamotten – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt es sich gut das Maul zerreißen. Besonders gut kann das der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne merkwürdige Trends aufs Korn – und dabei kein Seerosenblatt – vor den Mund nimmt. Heute bangt er um sein Leben: Was, wenn in den alternativen, schicken Fast-Food-Lokalen bald Froschschenkel zum Burger gereicht werden?

Weiße Tischdecken und Silberbesteck oder rustikal am Holztisch wie bei Muttern daheim: In den hippen, neuen Burgerläden der Metropolen wird Fast Food zu Fest Food. Zu gesalzenen Preisen gibt es dort Kombinationen aus Rindfleisch zu roten Sprossen und Avocado, auch Veganer kommen auf ihre Kosten. Klassische Pommes sind dazu ein No-Go – es müssen schon „Homemade Sweet Potato Wedges“ sein.

Wer sich das Personal und den Internetauftritt dieser Lokale anschaut, merkt schnell: Solche Restaurants sind, Entschuldigung, Leib-und-Magen-Projekte, angetrieben von Idealismus und Ästhetik. Du kannst nicht kochen? Als Typ mit akkuratem Vollbart und Tattoos bist du im Rennen. Wenn du in einer Schürze voller Frittenfett immer noch sexy aussiehst, bist du eingestellt. Dem Breitmaulfrosch kommen da praktische Bedenken. Haarnetze gehören auf jeden Küchenkopf, klar. Aber inwiefern sind diese Netze auch für Bärte geeignet? Braucht es da biologisch abbaubare Spezialanfertigungen?

Teller? Sind Fliesen auch okay?

Solche Unkosten würden zumindest die billigen Wortspiele erklären, die oft als Namen für Lokale dienen. Burgermeister, Burgeramt, Burgerinitiative – das hat ja burgerade noch gefehlt. Mit Sicherheit werden solche Namen – natürlich mit einem Augenzwinkern – von genau den Leuten ausgewählt, die sich zeitgleich über die Friseursalons „Haarscharf“ und „Goldener Schnitt“ lustig machen.

Das Geld ist offensichtlich knapp: Es gibt kein Geschirr, sondern nur noch zweckentfremdete Alltagsgegenstände. Statt auf Tellern werden Burger auf Brettchen oder Ziegelsteinen serviert, die Pommes, oh sorry, „Homemade Sweet Potato Wedges“ kommen nicht mehr in Keramikschalen, sondern in Körbchen. Damit die Kellnerin doppelt so oft Krümel vom Tisch wischen kann. Mama würde das beim Sonntagsessen nicht mit sich machen lassen.

Butterbrot mit globalem Anspruch

Auch die Burger selbst haben sich verändert. Die kompakten Pappburger von McDonalds und Konsorten sind Geschichte, stattdessen thronen glänzende Roggenkuppeln auf Rucola und Gorgonzola. Es ist doch kein Zufall, dass die perfekten Brötchenhalbkugeln und der leicht geneigte Erdachsen-Holzstab an den Globus erinnern! Der globale Anspruch der Bratereien ist erstaunlich: Sushi-Burger, Steak-Burger, Ratatouille-Burger. Wie viel kulinarisches Welterbe passt zwischen zwei hausgemachte Soßen? Und wer isst sowas?

Ist es die hektische Generation der Twentysomethings, die kulturell für alles offen ist, Hauptsache to go? Eher nicht. Dafür sind die Burgertürme viel zu hoch. Nicht einmal der Breitmaulfrosch schafft diese Kreationen ohne Besteck. Eigentlich ist der neue Kult eine Hommage an Zuhause: „Setz dich grade hin, Kind, jetzt gibt’s ‘ne gute Stulle! Mit so dick Butter!“, hört man Papa aus der Küche rufen. Aber was, wenn die Eltern gerade in Wanne-Eickel sind, man selbst aber in Berlin oder Bangkok? Dann geht man zum familiären Burgerbrater ums Eck. Der Name erinnert herrlich an Vorstadt, das stylische Holz an Omas Tischplatten und die Preise passen zum dekadenten Weltbürgertum, die man sich über Jahre erarbeitet hat. Das einzige, was noch fehlt, sind Teller.

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