„Wir kommen nicht im roten Bademantel!“

Foto: Oliver Schaper

Die größten Weihnachtsmänner der Welt kommen aus Dortmund. Über 1,90 Meter groß  – mit der Mitra, der traditionell kirchlichen Kopfbedeckung, sogar mindestens 2,20 Meter. Die Mitglieder des „Clubs langer Menschen“ verkleiden sich einmal pro Jahr. Einer von ihnen – er nennt sich „Nikolaus  von Dortmund“ – ist Heinz-Jürgen Preuß, Leiter des Clubs und über 50 Jahre im Nikolaus-Geschäft.

Die schwarzen Lederschuhe, die Heinz-Jürgen Preuß aus dem Vorraum seines Hauses holt, wiegen gefühlte Kilos. In seiner großen Hand sehen sie längst nicht so groß aus, wie sie eigentlich sind. 1,98 Meter groß ist der Dortmunder Nikolaus, eine stattliche Erscheinung mit echtem weißem Rauschebart und runder Nickelbrille. Heinz-Jürgen Preuß blickt auf die Schuhe, nickt wissend. „Und damit seien Sie mal einen ganzen Tag lang unterwegs“, sagt der Nikolaus. „Oder hier“ – er nimmt seinen Bischofsstab aus der Ecke – „der ist auch nicht ohne.“ Fast zwei Meter hoch und aus Messing. Beides unverzichtbare Accessoires für das perfekte Nikolaus-Kostüm – für die Kombination, den Kompromiss „aus Nikolaus und Schoko-Weihnachtsmann“, sagt Preuß. „Den Kindern heutzutage ist das kirchliche Gewand fremd.“

Historische Anekdoten und religiöse Bezüge

Dabei setzt gerade Dortmunds wohl größter Nikolaus auf Tradition: keine Veranstaltung, bei der er auftritt, kommt ohne historische Anekdoten und religiöse Bezüge aus. „Warum feiern wir denn Weihnachten?“, fragt der Mann in Rot eine Runde junger Familien Ende November im Stadtteil Nette. „Weil Maria und Josef auf der Flucht waren und zum Glück einen Stall gefunden haben, in dem sie bleiben konnten.“ Woher der Nikolaus eigentlich kommt? „Meine Wurzeln liegen in der Türkei“, sagt der Heilige. „Der Bischof von Myra, Nikolaus, lebte im heutigen Lykien.“ Warum wir einen Adventskranz haben? „Weil ein gutmütiger Herr namens Johann Hinrich Wichern Waisenkinder bei sich zu Hause aufgenommen hat – und so mit ihnen die Zeit bis Weihnachten zurückzählte.“ Erst Schweigen, dann anerkennendes Nicken in der Runde.

Wie er bei Familien oder kleineren Festen auftritt, hat bei Heinz-Jürgen Preuß nicht nur unterhaltenden, sondern auch dezent erzieherischen Charakter. „Ich hebe auch manchmal den Zeigefinger“, sagt Preuß im Gespräch in seiner Küche. „Wir haben uns früher über Socken gefreut. Heute schleppe ich manchmal prall gefüllte, riesige Säcke in Wohnungen, in denen ein Kind beschenkt wird. Da frage ich mich dann, was das Kind zu Weihnachten bekommt.“

Foto: Oliver Schaper

Heinz-Jürgen Preuß hat sehr viel Freude an seiner Aufgabe.

Nikolaus und Heiligabend „gehört den Familien“

Egal, wie viele Anfragen Preuß in der Vorweihnachtszeit von großen Veranstaltern oder Kaufhäusern bekommt – „der Abend des 6. und 24. Dezember gehört den Familien.“ Die großen Angebote nehme er nicht an, „auch nicht für das größte Gehalt.“ Er hat klare Prinzipien, dieser Dortmunder Nikolaus. Und Tipps für angehende Weihnachtsmänner auf seiner Homepage:

Der Nikolaus-Kodex
  • „Wir kommen nicht mit Turnschuhen oder Gummistiefeln!“
  • „Wir verzichten auf Werbung an unserem Kostüm!“
  • „Wir wollen kein ‚Buhmann‘ sein und nicht die Kinder erschrecken!“
  • „Wir verzichten im Kostüm auf Alkohol und Zigaretten!“
  • „Wir behaupten nicht, ‚der Echte‘ oder ‚der Wahre‘ Nikolaus (Weihnachtsmann) zu sein, doch scheinen Kinder sehr wohl den Unterschied zu kennen.“
  • „Wir kommen auch nicht im ‚Zeitraffertempo‘! An die Tür klopfen, mit der Rute drohen und fragen, ob auch alle artig waren, Geschenke aus dem Sack schütten und ‚Tschüss‘ sagen, im Gehen Geld aus den Händen reißen und das war’s dann!“
  • „Wir wollen kein Kasper oder Clown sein, denn diese sollte man anderweitig engagieren.“

„Wir kommen nicht mit Turnschuhen oder Gummistiefeln“ steht da, „wir tragen keine Masken und kommen nicht im roten Bademantel“, „wir verzichten auf Werbung an unserem Kostüm“ und „verstecken keine Frau hinter dem weißen Bart!“ – Keine Frau? „Das ist nichts Feministisches“, sagt Heinz-Jürgen Preuß. „Es geht ganz einfach darum, dass die Kinder das merken, wenn sie vereimert werden. Die lachen dann laut und rufen: Das ist ja gar kein echter Nikolaus!“ Genau, wie der Nikolaus nicht lange und verwirrt in seinem großen, goldenen Buch blättern sollte, weil er die „Spickzettel“ der Eltern nicht rechtzeitig findet: „Da lachen die Kinder sich kaputt. Und das wollen wir nicht.“

Auf den Arm genommen

Kuriose und auch unschöne Situationen hat Preuß in seiner langen Zeit als Nikolaus erlebt: „Es passiert manchmal, dass Leute andere auf den Arm nehmen wollen, indem sie ihnen einfach einen Nikolaus vor die Tür bestellen.“ Einem Kollegen sei das passiert: „Der war noch stattlicher als ich. Und als die Frau dann die Tür öffnete, ist sie fast in Ohnmacht gefallen vor Schreck.“ Keine schöne Situation. Deswegen geht der 72-Jährige vor seinen Auftritten die Örtlichkeiten besuchen ­– auch damit er weiß, wo er parken kann. „Es gab mal eine Familie, die wollte dabei zugucken, wie der Nikolaus Geschenke von außen auf die Fensterbank legt. Da kann ich natürlich nicht mit dem Bulli vor der Haustür parken.“ Es sei die Illusion, die so wichtig sei, die aufrechterhalten werden müsse. „Wir ziehen unser Kostüm bei einem Termin bei Jung oder Alt weder an noch aus!“, heißt es auf der Homepage. „Wir lassen also die sprichwörtliche Maske nicht fallen!“

Kinder sagen, er sei „der Echte“

Heinz-Jürgen Preuß trägt seit einem Jahr einen echten weißen Rauschebart. „Das war erstmal nur ein Versuch“, erzählt der gelernte Maurer. „Aber dann wurde ich von meinen Kollegen dazu ermuntert, den Bart so zu lassen.“ Kinder bezeichneten ihn oft als „den echten“, erzählt Preuß. Und tatsächlich sieht er auch ohne Mitra und roten Umhang aus – wie die Figur aus der Legende.

Beitragsbilder: Oliver Schaper

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