Ein Mann – ein Rock

Frau kann, was Mann kann. Zumindest in Sachen Mode sind den Damen keine Grenzen mehr gesetzt. Wie selbstverständlich greift Frau zu Holzfällerhemd, Biker-Boots und Boyfriend-Jeans. Doch kann Mann auch, was Frau kann? Was passiert, wenn Mann einen Rock trägt? Student Tim macht für pflichtlektüre den Selbstversuch.

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Das Aussteigen aus dem Auto will geübt sein. Tim schlägt sich wacker. Foto: Laura Lucas

Stufe eins: In der Tiefgarage der RUB beginnt das Experiment. Geschützt vor neugierigen Blicken zwängt sich Tim in den knielangen Jeansrock. Tim ist überrascht, wie bequem er ist: „Ich fühle mich gar nicht eingeschränkt.“ Er geht ein paar Schritte in dem ungewohnten Kleidungsstück. „Das ist aber frisch untenrum“, sagt er und lacht dabei. Ein bisschen unangenehm ist ihm der Versuch schon. Er ist froh, dass ihn in der Tiefgarage noch niemand sehen kann.

Auf zu Stufe zwei: Wir gehen rauf auf den Campus. „Ich fühle mich ein wenig meiner Männlichkeit beraubt“, gesteht Tim. Er rechnet damit, dass ihn viele Menschen ansehen und lachen, doch die meisten werfen nur flüchtige Blicke auf ihn und schauen dann wieder weg. Einer grinst verschmitzt im Vorbeigehen. Eine türkische Frau guckt verstört, sagt aber nichts. „Ich hab’s mir schlimmer vorgestellt. Vielleicht ist mein Rock zu unauffällig?“, fragt sich Tim. Von vorne könnte man den Jeansrock tatsächlich für eine kurze Hose halten. Also auf zur nächsten Stufe.

Männer in Röcken werden schnell abgestempelt

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Die Leute auf dem Campus der RUB reagieren kaum auf Tims Rock. Foto: Laura Lucas

Direkt auf Tims extravagante Kleidung angesprochen, gibt es auch kritische Reaktionen. „Ich find’s ein bisschen peinlich“, sagt die 25-jährige Anne, „aber von der Optik her ist es eigentlich okay.“ Annes Freundin Tina hat zwar keine Vorbehalte gegenüber männlichen Rockträgern, doch sie kann sich vorstellen, dass das bei anderen Menschen anders ist: „Man wird sicherlich schnell als homo- oder transsexuell abgestempelt.“

Und so ist es: Chemie-Student Kirill findet Tims Aufzug abstoßend. „Ich kann das geistig einfach nicht akzeptieren, vielleicht bin ich da ein bisschen homophob“, sagt er. Diese Ablehnung teilen viele Männer, wie Soziologe Dr. Roland Schindler erklärt: „Der Rock ist bis heute ganz klar weiblich besetzt. Homophobie spielt eine große Rolle und auch die Angst von Männern, irgendetwas Weibliches an sich zu haben.“ Seit Jahren beschäftigt sich Dr. Schindler mit dem Thema Männlichkeit, momentan lehrt er als Gastdozent an der TU Dortmund. Der Soziologe weiß, wovon er spricht: Er hat selbst zwei Jahre lang täglich Rock getragen und dabei auch negative Erfahrungen gemacht. „Manche haben mich Transe genannt“, erzählt der Familienvater.

Sollte es jedoch irgendwann mal normal sein, als Mann Rock zu tragen, könnte sich auch Student Kirill vorstellen, es auszuprobieren: „In der Mode ist nichts vorhersehbar. Wenn es für alle Männer normal wäre und ich mich darin wohlfühlen würde, würde ich es tun.“ Von Wohlfühlen kann bei Versuchskaninchen Tim mittlerweile nicht mehr die Rede sein. „Ich würde den Rock jetzt gerne wieder ausziehen“, bittet er. Und er hat es auch schon fast geschafft.

Der Rock als Flirtfalle

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Der Härtetest: Im Rock auf's Geländer klettern und dabei eine gute Figur machen. Foto: Laura Lucas

Es folgt die Königsdisziplin: Tim soll eine Frau ansprechen. Mutig geht er auf die Dame seiner Wahl zu und fragt, ob er sich zu ihr setzen darf. „Du hast ja einen Rock an!“, ruft sie überrascht. Ein Treffen mit Tim lehnt sie freundlich ab. Das liege aber nicht am Rock, sondern daran, dass sie einen Freund habe, erklärt sie. Doch Tim hat einen anderen Eindruck: „Ich glaube schon, dass der Rock sie davon abgehalten hat, etwas mit mir trinken zu gehen. So wie sie den angeguckt hat.“

Das Experiment ist zu Ende. Tims Fazit: „Das Rocktragen ist nicht meine Welt. Man muss ständig befürchten, in eine Schublade gesteckt zu werden.“ Für Tim ist der Rock etwas für Frauen und er glaubt, dass es lange dauern wird, bis sich das ändert. „Ich persönlich bin daran auch gar nicht interessiert. So ist eben die soziale Norm.“

Der Männerrock war bei uns einmal normal

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For men only: In Schottland ist der Kilt einzig den Männern vorbehalten. Foto: rebel/pixelio.de

Es gibt Orte, an denen gehört der Männerrock jedoch durchaus zum guten Ton. Der schottische Kilt ist dank prominenter Träger wie Prinz Charles oder Popsänger Robbie Williams auch fernab von Highlands und Dudelsack als Kleidungsstück für den Mann akzeptiert. Was dem Schotten der Kilt, ist dem Griechen oder Albaner die Fustanella. In Athen wird der meist weiße Faltenrock sogar von Soldaten getragen. Und auch in Südasien und dem Südpazifikraum tragen Männer Rock: den Sarong, einen bunten Wickelrock. Sogar in unserem Kulturkreis war der Rock am Mann einmal völlig normal“, erklärt Soziologe Dr. Roland Schindler. Erst etwa 300 Jahre ist es her, dass Bauern bei der Feldarbeit kurze Röcke trugen.

Ein Mann trägt seine Männlichkeit nicht in seinen Kleidern

Der französische Designer Jean Paul Gaultier holte den Männerrock zurück in das hier und jetzt. Als erster Modeschöpfer der Moderne schickte er 1984 seine männlichen Models im Rock auf die Laufstege. Weitere berühmte Kollegen taten es ihm gleich: In den Kollektionen von Vivienne Westwood ist der Männerrock längst keine Seltenheit mehr und Luxus-Designer Marc Jacobs lässt sich selbst gern „unten offen“ von den Fotografen ablichten. Von Gaultier ist das Zitat überliefert: „Ein Mann trägt seine Männlichkeit nicht in seinen Kleidern. Sie ist in seinem Kopf.“

In Internet-Foren tauschen sich Rockträger aus

Im Internet sehen viele Männer das ähnlich. Dort hat sich längst eine echte Bewegung etabliert. In zahlreichen Foren diskutiert Mann über den Rock. Wer da an Fetischisten oder Transvestiten denkt, liegt falsch. Viele von ihnen sind nach eigenen Angaben glücklich verheiratete Familienväter und ganze Kerle – unabhängig davon, was sie tragen.

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Der Soziologe Dr. Roland Schindler hat selbst schon Rock getragen. Foto: Laura Lucas

„Diese Männer möchten sich von dem Begriff des Transgender abgrenzen“, bestätigt Dr. Roland Schindler. „Ihnen geht es darum, weiterhin als Mann wahrgenommen zu werden. Bloß möchten sie gerne einen Rock tragen.“ Dafür gibt es verschiedene Gründe. Viele finden einen Rock schlicht bequemer als eine Hose oder genießen den Komfort bei sommerlichen Temperaturen, andere sprechen auch von Gleichberechtigung.

Dass sich der Rock für den Mann im Alltag durchsetzen wird, glaubt Dr. Schindler ebenso wenig, wie Student Tim. „Die, die das wollen, sind in der Minderheit. Sie zeigen, dass sie nicht an unseren sozialen Normen festhalten möchten. Die Mehrheit hat daran kein Interesse“, erklärt der Soziologe.