Posieren und Nominieren – ein Jahresrückklick

Im Internet macht der Mensch teilweise rätselhafte Dinge. Sehr rätselhafte Dinge. Er ext Bier, alleine vor der Webcam. Er ist Fotograf und Fotografierter in Personalunion. Er kippt sich Eiswürfel über den Kopf. Zeit für einen Rückblick auf die Internet-Phänomene 2014.

Me, my selfies and I

Im März wurde das „Oscar-Selfie“ auf Twitter mit Sternen überschüttet. Nein, es geht nicht um ein Selbstbildnis des haarigen Mülltonnen-Bewohners aus der Sesamstraße, neckisch zwischen Bananenschale und Konservendose posierend. Die Abgebildeten auf dem „Oscar-Selfie“ wohnen nämlich ganz und gar nicht in Mülltonnen: Brad Pitt, Julia Roberts, Meryl Streep und Jennifer Lawrence ließen die Promi-Dichte pro Pixel in nie da gewesene Höhen schnellen.

Ähnliches dürfte mit den Mundwinkeln des Samsung-Vorstands passiert sein: Für das vermeintlich spontane Gruppen-Selfie zückte Moderatorin Ellen DeGeneres nämlich nicht ihr privates iPhone, sondern ein Gerät des südkoreanischen Konzerns – der die Oscar-Verleihung kräftig sponserte.

Kein Ort ist zu privat für Selfies: Kim Kardashian und Ehemann Kanye West. (Foto: instagram.com/KimKardashian)

Kein Ort ist zu privat für Selfies: Kim Kardashian und Ehemann Kanye West. (Foto: instagram.com/ KimKardashian)

Was seitdem passierte? Im Netz wird jetzt erst recht posiert, als gäbe es keine Freunde mehr, denen man eine Digitalkamera in die Hand drücken könnte.  Unreinheiten und Ungereimtheiten werden dabei einfach mit hippen Retro-Filtern überlagert. Das Accessoire des Jahres: Die Selfie-Stange. Die würde dann wohl auch das Armproblem von Bradley Cooper lösen.

Die Queen der „But first, let me take a selfie„-Attitüde? Kim Kardashian. Das noch nicht erloschene Reality-TV-Sternchen Po-siert nicht nur gerne im wortwörtlichen Sinne – zum Beispiel auf Magazincovern. Sie spürt auch Marktlücken auf, wo der gesunde Menschenverstand keine vermuten würde: Kim Kardashian will ein Buch mit all ihren Ego-Schnappschüssen veröffentlichen. Der Titel soll „Selfish“ (= selbstsüchtig) lauten. Passt. 

Ein Bier mit (Facebook-)Freunden

Wie niveauvoll sind eigentlich die eigenen Facebook-Freunde? Im Frühjahr herrschten ideale Bedingungen, um mittels einer systematischen Beobachtung herauszufinden, bei wem wirklich Hopfen und Malz verloren ist. Das Untersuchungsinstrument: die Biernominierung. Facebook-Nutzer, die sich gegenseitig zum Alkoholkonsum aufforderten. Eine Flasche Bier auf Ex. Vor Kamera und Netzöffentlichkeit.

Wie viele aufstrebende Karrieren an den kurzen Clips gescheitert sind? Unbekannt. Wie oft der eiserne Vorsatz „Kein Bier vor vier“ gebrochen wurde? Ebenfalls. Das feuchtfröhliche Nominieren bewies dafür mal wieder: Der Alkohol wird seinem Ruf, ein soziales Schmiermittel zu sein, gerecht.

Eis und Frisuren im Eimer

Im Sommer wurde feuchtfröhlich weiternominiert, mit dem Unterschied, dass nicht vergorenes Getreide, sondern gefrorenes (oder zumindest sehr kaltes) Wasser zum kollektiven Begießen genutzt wurde. Bei der Ice Bucket Challenge waren erst die Eiswürfel im Eimer, dann die Frisuren derer, die sie sich schwungvoll über den Kopf kippten. Aber das Ganze verfolgte immerhin einen sinnvollen Zweck, auch wenn der bei so viel Selbstdarstellung schnell verwässerte: Die Eis-Aktion sollte Aufmerksamkeit für die Nervenerkrankung ALS schaffen.

In Namen des guten Zweckes froren trotzdem alle mit: eine atemlose Helene Fischer, Bill Gates, der unter Beweis stellte, dass er nicht nur Betriebssysteme, sondern auch Eiseimer-Konstruktionen basteln kann, und der Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir.

Özdemirs kalte Dusche schaffte es sogar auf alle wichtigen Nachrichtenplattformen. Warum? Einigen aufmerksamen Betrachtern grünte da etwas Illegales im Hintergrund: eine Hanfpflanze.

Bis in die Cloud und noch viel weiter

Diverse weibliche Promis, darunter Jennifer Lawrence und Rihanna, fielen im Sommer aus allen Wolken. Grund: Ihre iCloud-Accounts wurden von Unbekannten gehackt. Die Beute des Datenklaus: freizügige Fotos – für die Hacker wohl der Himmel auf Erden. Und auch im Netz fanden die Nacktfotos als „The Fappening“ (auf den Link verzichten wir hier) reißenden Absatz. Die kritische Diskussion um Privatsphäre und Eigenverantwortung im Datenschutz ging bei so vielen nackten Tatsachen schnell unter.

Diesem Mann können Wolken nichts anhaben, er schwebt nämlich über ihnen. Und seine getwitterten Fotos sind auch um Lichtjahre besser: Der deutsche Astronaut Alexander Gerst wurde während seines Aufenthalts auf der ISS als @Astro_Alex zum Social-Media-Star. Fast 200.000 Follower verfolgten seinen Alltag im All. Was Gerst seit seiner Rückkehr auf den Heimatplaneten vermisst? Diese sportliche Aktivität während der Zahnhygiene …

Noch ein überirdischer Internet-Star: Philae. Die Sonde der ESA landete nach mehr als zehn Jahren im All erstmals auf einem Kometen. Und die Netzgemeinde? Schaute nicht in den Himmel, sondern aufs Smartphone, wo Philae fleißig vor sich hintwitterte. Das Manöver wurde sogar von einem Live-Comic begleitet. Da die Landung nicht ganz planmäßig verlief, ist Philae vorerst der Strom ausgegangen. Zeit für ein intergalaktisches Nickerchen.

Und 2015?

2014 war auch das Jahr der YouTube-Stars. Die Beauty-Vloggerin DagiBee posierte auf dem Cover der „Bravo“, diverse YouTuber erscherzten, erspielten oder erschminkten sich über eine Million Abonnenten. Doch hinter den freigeistlich kreativen Kulissen gibt es Zoff. Kurz vor Weihnachten gab der YouTuber Simon Unge seine Trennung vom Vermarktungsnetzwerk Mediakraft bekannt – und rechnete öffentlich kräftig mit seinem Vertragspartner ab. Wir rechnen damit, dass die zunehmende Professionalisierung der YouTube-Szene auch im nächsten Jahr ein großes Thema sein wird. Und wir sind gespannt, was uns in den kommenden Monaten sonst noch ins Netz gehen wird. Euch einen guten Start ins Jahr 2015 – am besten ohne Absturz!

(Teaser-Foto: Carsten Jünger / pixelio.de)