Beklagenswertes Studium?

Die Wut der Germanistikstudenten über das neue Seminarvergabeverfahren und dessen Folgen, führte gestern zu einer Informations- und Beratungsveranstaltung in den Räumlichkeiten des Asta. Schwerpunkt waren die Klagemöglichkeiten gegen die Universität und speziell gegen das neue Vergabeverfahren. Eine Anwältin und Referenten des Asta beantworteten die Fragen der Studenten.

Marc Hövermann

Marc Hövermann sieht in dem neuen Vergabeverfahren eine deutliche Verschlechterung der Studienbedingungen und bezeichnet es als unzulässig. Foto: Christian Teichmann

Von einem Marginal- oder Minderheitenproblem in der Germanistik kann man derzeit schwerlich sprechen. Mehr als 800 Beschwerden gegen das neue Seminarvergabeverfahren gingen bereits beim Asta ein. Dieses Verfahren erlaubt nur noch ein Seminar pro Modul anzuwählen, was laut Asta die Studienzeit bedeutend verlängern könnte.

Neben dem Ärger über die Einschränkung der Wahlmöglichkeit, befürchten Germanistikstudenten schlicht nicht in die erforderlichen Seminare zu gelangen und demzufolge, dass sich das Studium hinauszögert. Ein übergeordnetes Hauptproblem hierbei sei das Verhältnis von Seminarplätzen zu Studierenden. Denn Überfüllung statt Unterfüllung sei kein unerwartetes oder unbekanntes Problem in den Seminaren der Germanistik. Ein ehemaliges Mitglied des zurückgetretenen Fachschaftsrats der Germanistik äußerte dieses als Kernthema und sagt pflichtlektüre dazu: „Die Überlast ist ein altes, grundsätzliches Problem. Das Rektorat ist darüber schon lange informiert.“ Das Vergabeverfahren sei so auch Ausdruck von generellen Missständen und Auslastungsstreitigkeiten, so das ehemalige Fachschaftsmitglied. Die Eingrenzung der Wahlmöglichkeiten sei so ein Ausdruck der Verwaltung des Mangels. Doch bei dem gestrigen Beratungstreffen standen konkrete juristische Handlungsmöglichkeiten und die individuellen Sorgen über den eigenen Studienverlauf im Mittelpunkt. So trafen nachmittags mehrstündig Germanistikstudenten bei dem Asta ein, um sich über Klagemöglichkeiten zu informieren, das Gespräch mit der anwesenden Anwältin zu suchen oder die Einklage von Studienplätzen bei Nichtzulassung einzuleiten.

Sachlicher Ton trotz großer Verärgerung

Die Gespräche der anwesenden betroffenen Studenten waren dabei trotz der Brisanz von einer hohen Sachlichkeit und Unaufgeregtheit geprägt, die dennoch den Ärger nicht verbergen konnten. Während Jurastudenten sich selbstverständlich und alltäglich mit Rechtsfragen beschäftigen, ist es sicherlich kein gutes Zeichen, wenn sich die Studenten des Instituts für deutsche Sprache und Literatur über Klagemöglichkeiten, gegen die eigene Universität informieren oder diese Möglichkeit auch praktisch durchsetzen wollen. Es wurde deutlich, dass dies kein Schritt ist, den die anwesenden Studenten gerne in Erwägung ziehen oder einen solchen beim Antritt des Studiums in Dortmund überhaupt für möglich hielten. Nach den Angaben des Asta wird nach aktuellem Stand aber bereits mit circa 30-50 Klägern gerechnet, die sich in Seminare einklagen wollen bzw. das Verfahren an sich anklagen.

Asta-Vorsitzender und Datenschutzreferent Marc Hövermann erklärt sich verständnisvoll für den Unmut und kritisiert das neue Vergabeverfahren in seiner Gesamtheit: „Das Vergabeverfahren hat sich bis jetzt niemandem erschlossen. Die Kriterien nachdem die Plätze vergeben wurden, sind bis jetzt nicht vernünftig offengelegt worden und nie dargelegt worden. Es weiß auch keiner offiziell momentan, wie wirklich die Plätze vergeben wurden, die bisher vergeben wurden.“ Studenten äußerten bei der Veranstaltung insbesondere die Sorge gegenüber den Seminarzulassungen und der Möglichkeit, die Module abzuschließen. Eine anwesende Studentin benötigte nur noch einen einzigen Kurs im Sommersemester und äußerte Zweifel, für diesen überhaupt zugelassen zu werden. Auch die möglichen, nicht unerheblichen Probleme, die sich bei einer ungewollten Verlängerung des Studiums einstellen, wie etwa das Auslaufen von Bafög-Zahlungen und Studentenkrediten, fließen bei solchen Befürchtungen ein.

Bekräftigung, die bestmögliche Verteilung der Seminarplätze sicherzustellen

Vertreter der Universität und des Instituts äußerten sich in einer Stellungnahme gegenläufig zur massiven Kritik. So äußerte das Referat Hochschulkommunikation: „Das Rektorat kümmert sich intensiv um die Problematik der Seminarplatzvergabe in der Germanistik. Der Prorektor Studium und seine Referentin stehen fortlaufend in Gesprächen mit dem Asta und Studierendenvertretern, sowie mit dem Institut für deutsche Sprache und Literatur und dem Dezernat Studierendenservice.“ Prof. Michael Niehaus vom Dortmunder Institut für Sprache und Literatur sprach gegenüber pflichtlektüre von einer „weitest gehenden Entwarnung“. Er spricht von einer „verfrühten Panik“ und dass man das zweite Vergabeverfahren abwarten solle, da die Zahlen gegen einen massiven Mangel an freien Plätzen in den Moduleinheiten sprechen würde. Zudem, so Niehaus, sei das Institut natürlich um Härtefälle bemüht. Auch wies er auf das Problem, dass stellenweise Studenten zu viele Seminare anwählen, sich nicht ausreichend informieren oder gar stellenweise gleichzeitig stattfindende Seminare anwählen, hin. Die Befürchtungen und Kritik der Studierenden und des Asta werden seitens offizieller Stellen der Universität somit nicht geteilt. Auch das Team Studienkoordination äußert sich zur Kritik in einer Stellungnahme und bekräftigte, dass die Neuerungen auch der „Qualitätssicherung“ dienen, sowie „dass das Institut für deutsche Sprache und Literatur nach Kräften und im Rahmen der Möglichkeiten darum bemüht ist, alle zur Verfügung stehenden Seminarplätze bestmöglich zu verteilen.“

Das Klagen als Ultima Ratio

Fachschaft Germanistik Logo

Auf der Facebook-Präsenz der Fachschaft Germanistik, zeigt ein Logo, dass die Studenten auf gut deutsch "nicht gut drauf sind".

Marc Hövermann indes kann diesen Stellungnahmen nicht zustimmen. Er weist auf eine mangelnde Bereitschaft des Instituts hin, das Verfahren zu ändern und kritisiert die Neuordnung der Seminarvergabe als intransparent, aber auch als ungültig: „Das Vergabeverfahren ist nicht in der Studienordnung vorgesehen, also insofern selbst hausintern nicht gültig.“ Auch bemängelt er: „Es ist sehr, sehr schwierig sich jetzt einen vernünftigen Stundenplan zu bauen, weil man erst mit Beginn des Semesters überhaupt wirklich weiß, in welches Seminar man dann doch reingerutscht ist.“ Klagen gegen die Universität sieht er allerdings als „Ultima Ratio“, wenn auch mit guten Erfolgschancen, so Hövermann. Er beruft sich hierbei auf Einschätzungen des Justiziariates und Gesprächen mit Anwälten, die die Auffassung vertreten, dass das Grundrecht auf Studierfreiheit gefährdet sei. pflichtlektüre bat das Referat Hochschulkommunikation, angesichts der Brisanz und den Anschuldigungen der Rechtswidrigkeit des Verfahrens, zu einer Stellungnahme und fragte nach, inwiefern Neuigkeiten bzw. Lösungsvorschläge zur Beilegung des Konflikts vorhanden sind. Das Referat Hochschulkommunikation antwortete hierzu, dass sich das Rektorat derzeit um eine einvernehmliche Lösung bemühe und daher derzeit keine Stellungnahmen zum Sachverhalt abgeben möchte.

Inwieweit der Unmut der Studierenden beigelegt werden kann und wie viele Härtefälle entstehen werden, wird die Zeit zeigen. Angesichts der Klagen, Beschwerden und dem Rücktritt des gesamten Fachschaftsrats, sowie im Gespräch mit betroffenen Studenten, wird jedoch deutlich, dass die Freude über die Studienbedingungen in der Germanistik, derzeit äußerst verhalten ist. Marc Hövermann und der Asta sehen einen Schritt zur Besserung, zur Problemlösung, indes vor allem in einem Wechsel des Verfahrens: „Wir fordern ein faires und transparentes Verfahren. Es sollte für alle von Anfang an klar sein, wie die Plätze vergeben werden.“ Das Abwarten der zweiten Vergaberunde sieht er indes nicht als Lösung: „Die Leute die jetzt teilweise ein Seminar nicht bekommen haben, weil es schon von vorn herein voll gewesen ist, dass aber das einzige Seminar ist, was sie in diesem Semester noch studieren müssten, werden auch von der zweiten Vergaberunde nichts mehr haben.“

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