Wissenschaft: Durchschnitt ist schön

Schönheit hat die Wissenschaft schon immer beschäftigt. Zu einfachen Formeln wie „Länge der Beine multipliziert mit einem hohen Reinheitsgrad der Haut – und man erhält einen schönen Menschen“ ist die Forschung auch nach jahrhundertelanger Theoriearbeit nicht gekommen. Ein paar Ansätze gibt es aber trotzdem. Wir haben mit dem Psychologieprofessor Thomas Jacobsen von der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg gesprochen.

Prof. Dr. Thomas Jacobsen lehrt und forscht an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg. (Foto: privat)

Prof. Dr. Thomas Jacobsen lehrt und forscht an der Helmut Schmidt Universität in Hamburg. (Foto: privat)

Prof. Dr. Jacobsen, welche Gebiete der Wissenschaft beschäftigen sich mit der Schönheit bei Menschen?

Schönheit von Menschen wird in der Allgemein- und der Sozialpsychologie erforscht, aber natürlich auch in anderen Disziplinen. Beispielsweise kann die Biologie über die Aspekte der evolutionären Entwicklung einiges beitragen. Außerdem sind auch historische und kulturelle Einflüsse ganz wichtig.

Was ist denn schön?

Wir können aus der Biologie festhalten, dass eine Symmetrie von Gesichtern und Körpern als deutlich schöner bewertet wird als eine Asymmetrie. Wir haben als eine der großen Universalien die Beschaffenheit der Haut. Auch wenn Haut sehr viel dekoriert wird, kann man festhalten, dass eine reine, gesunde, jugendliche, glatte Haut schöner beurteilt wird, als eine, die das nicht ist.

Schönheitsmerkmal 1: Symmetrie
Symmetrie ist schön. Das gilt nicht nur für Architektur, Kunst oder Design, sondern auch für die Wahrnehmung menschlicher Gesichter. 1990 entwickelten die US-amerikanischen Forscher Langlois und Roggman die Durchschnittshypothese. 2001 wurde sie von einer Forschungsgruppe der Uni Regensburg geprüft. Dafür wurden am Computer Durchschnittsgesichter erzeugt, die bewertet werden sollten. Das Ergebnis: Vor allem das 08/15-Männergesicht wurde als besonders attraktiv angesehen, aber auch das Frauengesicht. Warum? Durch die Überlagerung der Gesichter am Computer verschwinden Falten und Unreinheiten – das kann nach Aussage der Forscher durchaus eine Begründung für die hohe Attraktivität dieser Gesichter gewesen sein. 

Was versprechen wir uns von Schönheit – so ganz biologisch betrachtet?

Unpraktisch, aber attraktiv: ein Pfau. (Foto: Wolfgang Dirscherl / pixelio.de)

Unpraktisch, aber ziemlich attraktiv: ein männlicher Pfau. (Foto: Wolfgang Dirscherl / pixelio.de)

Es gibt in der Biologie eine Theorie, bei der es fast ausschließlich um Reproduktion, also um Attraktion zwischen Reproduktionspartnern geht. In dem Moment, wo man bestimmte Attribute ausbildet, die Kraft kosten, zeigt man, dass man ein potenziell guter Reproduktionspartner wäre. Ein Beispiel aus dem Tierreich: Pfauen bilden ihre großen Federn, aus denen sie ein Rad schlagen, nur zu Zwecken der Reproduktion. Ansonsten sind sie hinderlich. Und so wird bei Frauen eine glatte Haut, allgemein ein junges Aussehen, also das sogenannte Kindchenschema schöner bewertet. Bei Männern sind es Anzeichen von Testosteron: ein kantigeres Gesicht etwa.

Schönheitsmerkmal 2: Das Kindchenschema
Große Augen, kleine Nase, volle Wangen. Das sogenannte Kindchenschema spielt in der Attraktivitätsforschung eine wichtige Rolle, da es beim (männlichen) Gegenüber den Beschützerinstinkt aktiviert. Noch größere Attraktivität weist ein Frauengesicht aber auf, wenn die kindlichen Attribute mit sogenannten Reifekennzeichen kombiniert sind. Das können zum Beispiel hohe Wangenknochen sein. Diese Reifekennzeichne signalisieren, dass die Frau auch als Reproduktionspartnern in Frage kommt.

Unabhängig von der Fortpflanzung: Welche Auswirkungen hat Schönheit im Alltag?

Physische Merkmale der Schönheit haben in der Tendenz eine positive Wirkung. Man traut schönen Menschen mehr zu. Sie bekommen häufig bessere Jobs und häufig eine höhere Bezahlung. Wenn man da nicht bewusst gegensteuert, gibt es durchaus eine Reihe von vorurteilsgetriebenen Bevorzugungen. Das kann, wenn es sich um ganz außerordentliche Ausprägungen von Schönheit handelt, auch ins Gegenteil umschlagen, eine Abwehrreaktion auslösen.

Schönheit hat ja nicht nur biologische Aspekte, sondern auch kulturelle. Wie wichtig sind die?

Natürlichkeit ist schön? Das galt in der Kulturgeschichte nicht immer. (Foto: Dieter Schütz / pixelio.de )

Natürlichkeit ist schön? Das galt in der Kulturgeschichte nicht immer. (Foto: Dieter Schütz / pixelio.de )

Es gibt einen Einfluss von evolutionär verankerten Wahrnehmungsschemata, die wir auch heute noch mit uns herumtragen. Das heißt aber nicht, dass die nicht kulturell sehr stark formbar sind: Wir sind mit dem, was wir als Schönheitsideal definieren, sehr flexibel. Da hilft ein Blick in die Kulturgeschichte: Man kann sich das Rokoko in Erinnerung rufen, das Zeitalter in dem die Reinheit der Haut keinen Stellenwert hatte. Die ist nämlich durch die Schminke stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Dafür sind dann künstlich geschaffene Attribute – die Kleidung, die Perücke, das Geschminkt-Sein – in den Vordergrund getreten. Und wenn man entsprechend sozialisiert wurde, wurde das als schön erlebt.

Schönheitsmerkmal 3: Durchschnittlichkeit
Das gewisse Etwas macht einen Menschen erst schön? Nicht, wenn es nach den Forschern Langlois und Roggman geht. Die stellten 1990 durch ein Experiment fest, dass Gesichter umso attraktiver wirken, je mehr sie sich dem Durchschnitt angleichen. Die Annahme dahinter? Ein durchschnittliches Gesicht steht für ein durchschnittliches Erbgut, also eines, in dem schädliche Mutationen eher unwahrscheinlich sind. 

Haben Sie genau dafür noch andere Beispiele?

Man kann sich andere Schönheitsideale vor Augen führen, zum Beispiel das Ornamentieren der Haut durch Tätowierungen, Schmucknarben, Ohrringe, das Hinunterdrücken der Schulter durch Ringe um den Hals, durch Teller in der Lippe. Da gibt es eine ganze Reihe von Beispielen, die wir zum Teil auch in unserer Kultur spüren.

Schönheit hat in unserer Kultur einen hohen Stellenwert, es wird jedenfalls immer häufiger operiert, modelliert, geschminkt und verändert. Kann das problematisch werden?

Wir haben ein Konzept von uns selbst. Dazu gehört auch, wie schön und attraktiv wir uns selbst finden. Und wenn ich für mich persönlich Defizite sehe, in meinem Selbstkonzept, dann besteht ja die Möglichkeit, z.B. durch körperliches Training oder durch Kosmetik, oder aber durch operative Eingriffe dieses Selbstkonzept zu verändern. Das ist weltweit ein Milliarden-Markt. Dabei ist es nicht notwendigerweise die eigene Wirkung auf andere, die dazu führt, dafür Geld auszugeben, sondern die persönlich gefühlte Veränderung. Und da gibt es natürlich auch Personen, die in diesem Bereich eine Störung ausbilden. Es gibt Situationen, in denen man eine Schönheits-OP nicht durchführen, sondern versuchen sollte, über therapeutische Interventionen an diesem Selbstkonzept zu arbeiten.