„Lebe so gut, wie es geht“

Isabel ist 16, als ihr junger Körper nicht mehr mitmachen möchte. Sie muss sehr oft operiert werden und wird ihr Leben lang Schmerzmittel nehmen müssen. Nach einem familiären Schicksalsschlag entschließt sich Isabel, ihr Leben zu verändern. Um die großen Abenteuer zu erleben, reist Isabel jetzt mit ihrem Wohnmobil durch Europa und veröffentlicht ihre Erlebnisse in einem Blog.

Isabel „Isa“ Speckmann sitzt in ihrem Wohnmobil. Milla, ihre schwarzbraune Schäferhund-Dackel-Hündin hat es sich unter dem Tisch in der kleinen Sitzecke gemütlich gemacht. Milla ist 14 Jahre alt. „Ich habe sie in einem Tierheim gefunden. Mir einen Hund zu besorgen, war die beste Idee, die ein Arzt jemals hatte“, sagt die 32-Jährige. „Das hat mich zurück in mein Leben gebracht.“

Isabel Speckmann in Frankreich 2016. Foto: Isabel Speckmann.

Als Isabel 16 Jahre alt ist, ist Leichtathletik ihr Lebensinhalt. Sie liebt den Sport. Sieben Mal in der Woche geht sie zum Training. „Das war das Wichtigste. Alle anderen Sachen wie Schule liefen dann so nebenher“, erinnert sich Isa. Dann fliegt sie mit ihrem Verein ins Trainingslager nach Spanien. Alles scheint perfekt zu laufen, aber Isabel bekommt auf einmal Rückenschmerzen. „So einen Schmerz hatte ich noch nie zuvor gespürt“, sagt sie heute. Sie versucht sich durchzubeißen, aber als sie den Schmerz nicht mehr ertragen kann, geht sie zum Arzt. Diagnose: Bandscheibenvorfall. Isa unterzieht sich einer Operation. Für sechs Wochen sind die Schmerzen erst einmal weg.

Doch die Freude hält nicht lange. Ein Bandscheibenvorfall nach dem anderen wandert die Wirbelsäule hoch. Insgesamt hat Isabel in sechs Jahren insgesamt 22 Bandscheibenvorfälle, die sich teilweise auch entzünden. „Ich dachte zwischendurch immer noch, das gibt sich schon wieder, ich kann bestimmt irgendwann wieder Sport machen“, erinnert sich Isabel. Heute ist klar: Sie kann nie wieder Sport mehr machen.

Eine ganz normale Grippe

Nach ihrem Abitur wollte Isa gerne Medizin studieren. „Aber das konnte ich vergessen“, erzählt sie. „Ich hätte nie als Ärztin praktizieren dürfen, weil ich mein Leben lang Schmerzmittel wegen der Bandscheibenvorfälle nehmen muss.“ Also entschließt sie sich zu einer Ausbildung als Physiotherapeutin und findet danach einen Job in einer Dortmunder Praxis.

Kurz vor dem Ende ihrer Probezeit erkältet sich Isa. Es sieht nach einer ganz gewöhnlichen Grippe aus. Aber sie möchte sich die letzten Tage ihrer Probezeit noch durchbeißen. Denn sie weiß: Wird man in der Probezeit in einer Physiopraxis krank, kann man sich seiner Kündigung sicher sein. Also möchte sie auch am vierten Tag ihrer Grippe zur Arbeit fahren. Als sie morgens aufsteht, hat sie auf einmal ein Taubheitsgefühl in den Zehen. Als sie auf der Arbeit ankommt, kann sie ihre Füße nicht mehr spüren. Die Taubheit scheint zu wandern. „Ich bin schnell zum Orthopäden gefahren. Der meinte, dass da etwas nicht stimmen kann und hat mich sofort ans Krankenhaus überwiesen“, sagt die damals 23-Jährige.

Von der Arbeit ins Koma

Am gleichen Tag kommt Isa auf die Intensivstation. Bei normalen Erkältungen wird meist die Lunge des Betroffenen angegriffen. Bei Isa aber legen sich die Viren auf das Rückenmark. Die Krankheit heißt Guillain-Barré-Syndrom.

Das Guillain-Barré-Syndrom
Beim Guillain-Barré-Syndrom kommt es zu Entzündungen des Nervensystems. Dabei wird vor allem das Rückenmark angegriffen. Eine genaue Ursache für die Krankheit ist bisher nicht bekannt. Es wird allerdings – wie in Isabels Fall – vermutet dass vorausgehende Infektionen mitverantwortlich sind. Auch der Krankheitsverlauf kann nicht genau verallgemeinert werden: Bei einigen Betroffenen breiten sich die Entzündungen innerhalb von Stunden, bei anderen binnen Monaten aus. Auf 100.000 Menschen kommen ein bis zwei Betroffene mit dem Guillain-Barré-Syndrom. Etwa ein Fünftel davon behalten motorische Störungen.

Ihre Lähmung schreitet fort. Arbeitet sich ihren Körper hoch. Sie spürt mittlerweile ihre Beine nicht mehr. Damit ihre Lunge nicht gelähmt wird, muss sie ins künstliche Koma versetzt werden. „Es ist furchtbar, wenn man seine Mutter anrufen und sagen muss, dass man auf unbestimmte Zeit ins Koma versetzt wird und sich am Telefon verabschieden muss“, erinnert sich Isa. 13 Wochen liegt sie im Koma. Sie wird mit Kortison behandelt und nimmt in zehn Tagen 15 Kilogramm zu. Die Lähmung bildet sich langsam zurück und wandert wieder abwärts. Ihre Mutter, die sich um ihre Tochter kümmert und alle Angelegenheiten regelt, findet am dritten Tag des Komas die Kündigung der Physiotherapie-Praxis in Isabels Briefkasten. Und auch ihr damaliger Freund ist von da an nicht mehr Teil ihres Lebens. 

Der Weg zurück ins Leben

Isas Hündin und treue Begleiterin Milla. Foto: Isabel Speckmann.

Der Aufwachprozess wird eingeleitet. Zwei Wochen dauert es, bis Isabel wieder zu Bewusstsein kommt. In den nächsten anderthalb Jahren ist sie an den Rollstuhl gefesselt. Sie igelt sich ein. Zieht sich zurück. Bekommt Depressionen. Da kommt ein Arzt auf die Idee, dass Isa sich einen Hund besorgen soll. „So musste ich dann ja raus und wieder lernen zu laufen“, denkt Isabel an die Zeit zurück. „Ich kann mich zu 100 Prozent auf Milla verlassen. Immer und überall.“ Durch Milla kommt Verantwortung und Struktur in Isabels Alltag. Es geht bergauf. Mittlerweile bildet sich ihre Lähmung nicht weiter zurück, nur ein Rest ist geblieben. „Meine Füße bleiben taub, aber im Laufe der Zeit gewöhnt man sich an das Gefühl.“ Zu dieser Zeit scheint sich alles einigermaßen zu beruhigen – bis das Schicksal wieder zuschlägt. 

Isabel und ihre Mutter fahren Heiligabend 2010 von der weihnachtlichen Familienfeier nach Hause. Isa sitzt am Steuer und steuert den Wagen über die glatten Straßen. Trotz der Taubheit kann sie ihre Füße kontrollieren und deshalb ohne Probleme Auto fahren. „Mir ist so übel“, sagt ihre Mutter plötzlich. Isa überlegt: „Du hast aber doch gar nicht viel getrunken.“ Plötzlich sackt ihre Mutter in sich zusammen. Isa hält an. Sie braucht Hilfe, versucht Autos anzuhalten, bis endlich eins stehen bleibt. Ihre Mutter wacht nicht wieder auf. Sie hat keinen Puls mehr. Auch die Notärzte können Isabels Mutter nicht mehr wiederbeleben. Die Mutter zu verlieren, die eigentlich kerngesund war und sich während des Komas ihrer Tochter um alles gekümmert hat, ist ein harter Rückschlag für Isa. „Das ist wirklich furchtbar, wenn man miterleben muss, wie die Mutter in den eigenen Armen verstirbt.“

Andererseits hat dieser traurige Umstand Isabel auch auf gewisse Weise weitergebracht:

Wir können unser Leben sowieso nicht planen. Also nutze dein Leben aus und lebe so gut, wie es geht.

Die Familie hatte sich immer vorgenommen später zu reisen. Wenn die Eltern in Rente sind, sollte es in gemeinsame Familienurlaube gehen. Aber durch den Tod ihrer Mutter ist Isa bewusst geworden, dass es manchmal kein „Später“ gibt. „Mein Fazit aus der Geschichte war dann, dass ich mir JETZT meine Träume erfüllen will.“ Und das hat die gebürtige Dortmunderin auch in die Tat umgesetzt. Ihr Vater und ihr Bruder kaufen 2013 ein Familien-Wohnmobil. Mit dem Wohnmobil namens „Omi“ und ihrer Milla geht es jetzt für Isa quer durch Europa. „Um mich herum machen alle immer Pauschalurlaub, aber ich hatte das Bedürfnis zu campen“, sagt Isa.

„Durch die Schmerzen weiß ich, dass ich noch reisen kann“

Und was bringt das Reisen Isabel persönlich? „Also erstmal kann ich mir dadurch bewusst werden, dass ich beziehungsweise mein Körper immer noch etwas leisten kann.“ Nach 300 Kilometern Fahrt ist Isabel manchmal am Ende ihrer Kräfte: „Es fühlt sich dann an, als wäre mein Rücken nur noch ein einziger Krampf. Aber immerhin weiß ich dann, dass ich noch reisen kann.“

Manchmal stößt sie auch an ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn sie den Wassertank des Wohnmobils auffüllen muss. Aber sie hat bis jetzt immer Alternativen gefunden, um die Probleme zu lösen. „Ich fühle mich deutlich stärker und aktiver als ohne das Reisen.“ Andererseits bringen ihr die Ausflüge auch psychisch etwas. „Ich komme raus aus dem Alltag, habe etwas anderes zu tun als Arzt- und Reha-Termine“, sagt Isa. Und dieser Abstand, durch den sie nicht immer für jeden erreichbar ist, tut ihr gut, sagt sie.

Reise-Blog

Ihre Familie und ihre Freunde haken natürlich nach, wenn sie unterwegs ist: „Geht es dir gut?“, Wo bist du denn heute?“ oder „Warst du heute auch am Meer?“

„Ich wollte meine Abende einfach auch mal genießen und mit Milla in den Sonnenuntergang gucken, anstatt ständig am Telefon allen zu versichern, dass sie sich keine Sorgen machen müssen“, sagt Isabel heute und lacht. Also entschließt sie sich, einen Blog zu schreiben damit alle, die Interesse haben, einfach dort ihre Erfahrungen nachlesen können. „Und das hat super geklappt. Ich glaube, ich habe da eine Lücke geschlossen, denn zu dem Thema ‚Alleine reisen‘ gibt es kaum etwas“, erklärt Isabel. 

Isabel kann nicht mehr arbeiten, weil sie durch ihre Probleme mit dem Rücken nicht mehr so belastbar ist. „Ich will arbeiten. Aber momentan muss ich mich mit meiner Rente von 380 Euro über Wasser halten.“ Ihr Plan: Sie will sich künftig mit ihrem Blog und dem Erstellen von Websiten für Kunden selbstständig machen. „Dann muss ich hoffentlich nicht mehr jeden Cent umdrehen“, sagt Isa.

Ihr Reiseblogger-Büro wird dann wahrscheinlich in etwa so aussehen:

https://twitter.com/IsasWomo/status/830003027943751680

Sie bekommt auf ihrem Blog IsasWomo immer mehr Leser. „Ich hätte überhaupt nicht damit gerechnet, dass der Blog so einen Anklang findet“, sagt Isa. „Aber mittlerweile mache ich das auch professioneller und offen für alle, die sich angesprochen fühlen.“


Sie war 2016 ungefähr fünf Monate unterwegs. Unter anderem war sie mit ihrem Wohnmobil schon in Frankreich, Spanien, Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Schweden, in der Schweiz und in Luxemburg.

Eine unverhoffte Nacht in Schweden

Eines ihrer schönsten Erlebnisse war eine Sommernacht in Schweden. Sie hatte ihr Wohnmobil auf einer recht einsamen Wiese geparkt. Plötzlich kamen mehr und mehr Autos angefahren. So war die Wiese auf einmal gar nicht mehr so einsam. „Ich habe mich dann natürlich gefragt, warum die Menschen alle ihre Wagen auf dieser Wiese parken“, erinnert sich Isa heute. Zusammen mit Milla folgte sie den Menschen zu einem Waldrand in der Nähe: „Als ich dort angekommen war, konnte ich meinen Augen kaum trauen.“ In dem Wald sah Isa einen kleinen Festplatz mit Bühne und Bierzelte mit Bänken. Ein Tanzverein tanzte traditionelle schwedische Tänze. Nach einer Zeit sprach eine Frau Isabel an, ob sie sich nicht zu einer Gruppe von Menschen hinzusetzen wolle. Um drei Uhr in der Nacht wurde Milla sogar noch zum Maskottchen des Tanzvereins ernannt. „Das Ende vom Lied war, dass ich fix und fertig zurück zum Wohnmobil getrudelt bin“, erzählt Isa und lacht.

„Ich plane mittlerweile vor meiner Reise immer nur noch einen Halt. Wenn ich dann da bin, gucke ich dann nach meinem nächsten Stopp“, erklärt Isabel. So ist sie viel flexibler mit ihren Aufenthalten und kann so lange an einem Ort bleiben, wie sie möchte. 44.000 Kilometer ist sie seit 2013 mit „Omi“ gefahren. Im Juli geht es für zwei bis drei Monate nach Dänemark: „Da freue ich mich schon sehr drauf! Das wird bestimmt eine spannende Zeit.“

Beitragsbild: Noah Matzat

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