Bodypainting als Therapie

Die Geschichte einer Frau, deren Körper Fluch und Segen zugleich ist.

Niemand hätte in dem kleinen Café in Witten erwartet, dass eine nackte Frau ein Eis kaufen würde. Sam Janssens trägt schwarze Treckingsandalen und eine dunkelbraune Unterhose. Anstelle von Kleidung ziert das Bild eines silbrig glänzenden, geflügelten Pferdes ihren sportlichen Körper.Fasziniert beobachten die Gäste, wie die Belgierin ihr Eis genießt. Erst bei näherem Hinsehen fällt auf, dass mit dem Körper der Frau etwas nicht stimmt: Sam Janssens hat keine Brüste.  

Vorfreude: Gesine Marwedel (rechts) und Sam Janssens.  Foto: Luisa Heß

Vorfreude: Gesine Marwedel (rechts) und Sam Janssens. Foto: Luisa Heß

Farbe für den Körper

Sieben Stunden zuvor ist Sam aus Brügge in Witten angekommen. Sich von einer Bodypainterin bemalen zu lassen, wünscht sich die 43-Jährige schon lange. Aufrecht sitzt die Belgierin auf dem Boden eines Fotostudios. Abgesehen von einer Unterhose ist sie nackt. Ihre braun gebrannte Haut bildet einen farblichen Kontrast zur hellblauen Fleecedecke unter ihr. Routiniert bereitet die Bodypainterin Gesine Marwedel ihr Werkzeug vor: Rechts die Farbdosen, links die Pinsel. Die gelernte Psychotherapeutin hat schon viele Brustkrebs-Patientinnen bemalt. Vielen von ihnen musste der Busen amputiert werden. Mit dem Bodypainting möchte die 27-jährige Künstlerin den erkrankten Frauen helfen. Sie sollen sich wieder wohl in ihren Körpern fühlen.

Sam ist in Antwerpen geboren. Mit 15 Jahren hat sie angefangen als Model zu arbeiten; sechs Jahre später ließ sie sich nackt fotografieren. Dem Modeljob folgte die Arbeit in einer PR-Agentur in Brügge. Parallel dazu: Ein Studium für Behindertenpädagogik. Im April 2012 – Sam war gerade im vierten Semester – erhielt sie die Diagnose: Brustkrebs. Den Knoten in ihrer linken Brust hatte sie bereits zwei Jahre zuvor ertastet. Damals hatte der zuständige Arzt ihr jedoch versichert, dass sie nur geschwollene Drüsen habe. Als der Knoten anwuchs, entschied sich Sam, einen zweiten Arzt aufzusuchen. „Vielleicht hätte die Diagnose zwei Jahre vorher etwas geändert, aber darüber denke ich nicht nach.“

Das Bodypainting beginnt. Weiß zeichnet Gesine die Konturen eines Pegasus auf den Bauch der Belgierin. Das Motiv ist Sams Wunsch. Geheimnisvoll soll es sein. Für Gesine sind die Patientinnen lebende Leinwände. Mit geschlossenen Augen fühlt Sam die Pinselstriche auf ihrer Haut nach. Dort wo einst ihr Busen war, zeugen nur noch zwei feine Linien von ihrem Leben vor der Krankheit. „Ich habe kein Empfinden an meinen Narben. Durch die OP mussten auch die Nerven durchtrennt werden.“

Weiß zeichnet Gesine die Konturen des Pegasus vor. Foto: Luisa Heß

Weiß zeichnet Gesine die Konturen des Pegasus vor. Foto: Luisa Heß

Bewusst anders sein

Als feststand, dass ihre linke Brust amputiert werden musste, entschied Sam, sich auch ihre rechte, gesunde Brust abnehmen zu lassen. Die Angst vor dem Krebs war größer als das Idealbild eines ästhetischen Körpers. Heute ist Sam stolz auf ihr Aussehen. „Ich brauche den Busen nicht, um Frau zu sein. Deshalb mache ich beim Bodypainting mit. Ich möchte die Botschaft verbreiten, dass Frauen ohne Busen auch schön sind.“ Dafür ließ sich das Model bereits kurz nach der Amputation wieder fotografieren. Im Schwimmbad trägt Sam nur eine Badehose. Die Leute sollen sehen, dass es auch „andere“ Körper gibt.

Seit drei Stunden bemalt Gesine Sams Haut. Erst hat sie den Bauch, dann die Beine, die Füße und schließlich die Arme mit Farbe bedeckt. Leuchtendes Gelb mischt sich mit feurigem Rot und mündet in sattem Schwarz. Während Sam atmet, galoppiert das silbrige Pferd auf ihrem Bauch. Vom langen Liegen auf der Seite schmerzen ihre Gliedmaßen. Nur langsam kann sie sich aufrichten, um etwas zu trinken. „Wegen dem Krebs habe ich weniger Energie als früher. Ich versuche zu lernen, was mein Körper noch kann.“

Der letzte Schliff. Foto: Luisa Heß

Der letzte Schliff. Foto: Luisa Heß

Katapult in die Zukunft

Nach der OP hat Sam eine Chemotherapie gemacht. Die Behandlung hat sie nachhaltig geschwächt – ein Makel, der die Belgierin stört. Alle drei Monate muss Sam zur Kontrolluntersuchung. Obwohl sie diese Termine gelassen wahrnimmt, ist die Angst vor dem Krebs geblieben. Mit dem Tod hat sich Sam intensiv auseinander gesetzt. „Ich fühle mich schon jetzt 15 Jahre in die Zukunft katapultiert. Plötzlich muss ich mich mit dem Thema Sterben auseinandersetzen.“ Die Krankheit hat Sam geprägt: Sie möchte ihr Leben zum Leben nutzen. Dafür hat sie sogar eine To-Do-Liste für die Dinge angefertigt, die sie unbedingt einmal erleben möchte. Das Bodypainting stand ganz weit oben.

Gesine ist fast fertig. Nur noch das Gesicht und Sams mittellanges, graumeliertes Haar müssen bemalt werden, um das Kunstwerk zu vollenden. Inmitten der schwarz-rot-gelben Gesichtszüge stechen Sams blaue Augen hervor. Gesine verstaut die Farbdosen und Pinsel in einer Kiste. Anstatt auf die Fleecedecke, legt sich Sam nun auf eine schwarze Leinwand. Routiniert folgt das Model den Anweisungen der Fotografin. Für Sam ist das Fotoshooting ein Genuss. Genau wie das Eis, das sie danach kaufen geht.

 

 Das Bodypainting in Bildern:

 

weiterlesen: Das Interview mit Künstlerin Gesine Marwedel

reinschauen: Der do1-Beitrag zum Bodypainting 

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