Nimm mich wahr! – Chronik der Selbstdarstellung

Eine Menschengruppe nimmt ein Foto mit dem Smartphone auf

Kim Kardashian, Justin Bieber oder Rihanna sind die „Profis“ auf dem Gebiet der Selbstdarstellung. Hunderte ihrer Selfies kursieren durchs Netz. Das Selbstportrait ist längst zu einem Gesellschaftstrend geworden. Aber wie kam es eigentlich zu dieser Entwicklung und was sagt sie über unsere Gesellschaft aus? Eine Chronik.

Und heute?

Auch nicht-technologische Neuheiten entwickeln das Selfie weiter. Der Trend für Touristen: eine Selfiestange. Man bringt das Smartphone an der Stange an und kann sie in der Länge verstellen. Der „verlängerte Arm“ kann so mehr Menschen oder Hintergründe aufnehmen.

Das Selfie wird zunehmend auch als politisches Statement verwendet. Noch vor Kurzem waren Selbstportraits mit dem Plakat „Je suis Charlie“ in der Hand ein bekennendes Zeichen gegen den Terror.

Ein Smartphone an einer Stange, für Aufnahmen mit einem "verlängerten Arm".

Neuster Trend: Eine Selfiestange als verlängerter Arm. Foto: R4vi / flickr.com

Selbstportraits nicht nur als Ausdruck von Narzissmus, sondern mit politischer Relevanz und Bekennung zur Menschlichkeit. Selbstdarstellung 2.0 – wie geht es wohl weiter?

Sicher ist: Der „Selfie-Kult“ verändert unsere Gesellschaft. Das „Ich“ rückt immer mehr in den Mittelpunkt. Digital Natives werden oft misstrauisch, wenn sie im Internet nach einer Person suchen, die weder ein Foto von sich auf Facebook, noch auf Instagram hochgeladen hat. Wir folgen und verfolgen „Stars“, die wöchentlich ein „I woke up like this …“ Foto in sozialen Medien posten und die verkörperte Perfektion präsentieren wollen.

Eine Generationenfrage 

Doch nicht jede Generation macht diesen Trend mit. Vor allem sind es junge Menschen aus bestimmten Subkulturen, die mit der Selbstdarstellung im Netz vertraut sind. Ältere Menschen wissen oft gar nicht, warum diese so exessiv Selbstportraits schießen. Eine Art Generationenkonflikt. Warum Selfies gerade bei Jugendlichen so populär sind, weiß Dr. Beate Großegger vom Institut für Jugendkulturforschung in Wien:

 „Selfies sind im Grunde genommen eine jugendkulturelle Interpretation dessen, was man gemeinhin mit dem Begriff ‚Inszenierungsgesellschaft‘ beschreibt. Das Prinzip ist einfach. Regel Nummer 1 lautet: ‚Das, was du tust, was du bist und was du hast, musst du auch herzeigen, sonst zählt es nicht, sonst kannst du damit weder Aufmerksamkeit, noch Anerkennung finden.‘ Und als Regel Nummer 2 gilt: ‚Erfolg hat, wer sich gut präsentieren kann.'“

Eine Mädchen macht von sich und ihrer Oma ein Selfie.

Nicht jede Generation kann den Selfie Trend nachvollziehen. Foto: Laura Wilton / flickr.com

Die Erwartungen an den Einzelnen sind eigentlich nicht zu erfüllen. Beate Großegger hat eine Vermutung, wie sich der Selbstdarstellungstrend dennoch verändern wird:

„Der Trend zu Selfies setzt voraus, dass für den Mainstream der Internet-NutzerInnen ‚Privacy Management‘ kein großes Thema ist. Das ist derzeit noch der Fall, doch es deutet sich bereits eine Trendwende an. In der Jugendkultur formiert sich eine digitale Avantgarde, die sich selbst nicht mehr an der Anzahl der Facebook-Freunde oder der durch strategische Selbstpräsentation erzielten Likes misst, sondern andere Prioritäten setzt. Das Ganze geht in Richtung weniger Kontakte und weniger Schnickschnack, dafür aber mehr Beziehungsqualität.“

Beitragsbild: Claudio Riccio / flickr.com.

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