Die Euphorie als Staubtuch der klassischen Musik

Die Luft ist schwer, der Kopf ebenso. Ab dem dritten Satz der Symphonie kämpft man aktiv gegen das drohende Einschlummern. Vielen mag dieser Dämmerzustand in einem klassischen Konzert bekannt vorkommen: „Nein, nein, ich hab nicht geschlafen. Ich habe nur der Musik mit geschlossenen Augen gelauscht!“ — von wegen! Kein Wunder also, dass das klassische Konzert oft als trocken und langweilig abgestempelt wird. Man stelle sich bei einem 08/15 Popkonzert einnickende Teenager vor — undenkbar. Sie kreischen, jubeln, sind euphorisch und leben den Moment. Zwei wichtige Stichworte: Moment und Euphorie. 

Zuerst der Moment. Dieser ist es doch, welcher die Kunstform der Musik ausmacht. Musik kann nichts Vergangenes sein. Sie passiert immer jetzt und hier, ob beim Pfeifen auf dem Fahrrad oder eben im Konzert, ob Palestrina oder Ligeti, ob Modern Talking oder Eminem. Keine andere Kunst kann den Menschen so unvermittelt, ungefiltert treffen.

Techno in der Klassik

Warum ist die Klassik dennoch vermeintlich anders? Sie ist es nicht. Das Problem ist die Verherrlichung der Vergangenheit: historische Aufführungspraxis (damit ist nicht das historisch informierte Spielen gemeint, das war schließlich ein neuer, mutiger Ansatz), das frontale Konzertformat, Etikette und Konventionen an jeder Ecke. Es wird nicht die Musik an sich vermittelt, sondern das verstaubte Kulturgut. Und der Kulturbetrieb als solcher ist langsam und konservativ — so erreicht man keine jungen Menschen, deren Lebensrealität eine völlig konträre ist: schnell und modern. Also Schluss mit der Totengräberei der „klassischen Musik“! Beim Finale einer Bruckner Symphonie darf ruhig die Assoziation zu einem Techno-Konzert entstehen, es darf zwischen den Sätzen geklatscht werden, wenn es uns unmittelbar berührt hat und das Stück darf gefallen (oder auch nicht), auch ohne das Programmheft gelesen und diskutiert zu haben. Der Moment zählt!

Auch so kann ein klassisches Konzert aussehen (hier beim PODIUM Festival Esslingen).

Denken wir zurück an dieses 08/15 Popkonzert. Das Publikum tanzt, lacht, weint oder fällt vor lauter Reizüberflutung sogar in Ohnmacht. Auch bei Mozart war das so. Er war der Popstar der damaligen Zeit. Und schon schwirrt wieder dieses böse „damals“ durch den Raum. Die heutige Zeit erfordert andere Popstars. Kein Problem, denn die Musik eines Mozarts ist glücklicherweise geblieben, nur wird sie in den allermeisten Fällen nicht mit derselben Euphorie gespielt. Schade eigentlich, denn: Euphorie ist entscheidend! 

Euphorie im Zwischenmenschlichen

Ein Beispiel: Man stelle sich einen lieben Freund vor, der ganz neutral und emotionslos von seinem letzten Konzertbesuch (von einer dir gänzlich unbekannten Musik) erzählt und dich fragt, ob du ihn das nächste Mal begleiten möchtest. Ziemlich sicher: „nein“. Erzählt er dir über dasselbe Konzert voller Inbrunst und Euphorie, steigt die Wahrscheinlichkeit, „ja“ zu sagen, exponentiell. Der Mensch ist schließlich von Natur aus neugierig.

Natürlich ist Euphorie etwas sehr Persönliches und Subjektives. Sie kann aber trotzdem getriggert werden, zum Beispiel durch kuratiertes Konzertdesign. Das Konzert soll dadurch als Gesamtkunstwerk konzipiert werden. Also mit Licht, Ton oder anderen Kunstformen eine neue Unterhaltungsebene bieten. Der Zuschauer würde an die Hand genommen, überrascht, positiv überfordert und bestenfalls berührt werden. Dadurch würden mit ziemlicher Sicherheit auch die vielen Unkenrufe über die verstaubte Kunstmusik enden. Gedankliche Bremsklötze wie die strikte Trennung von ernst und unterhaltsam oder Kunst und Publikum sind unsäglich, nicht mehr zeitgemäß und eines der grundlegenden Probleme des heutigen klassischen Kulturbetriebes. 

Warum nicht den klassischen Kanon der Stücke zeitgemäß erweitern, Konzertsituationen auf den Kopf stellen und Mut zum Scheitern haben? Oder pathetisch gesagt: Entweder man wartet auf die Zukunft, oder man gestaltet sie.

 

Teaserbild und Beitragsbilder:  ⓒ Leonard Higi

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