Facebook-Freunde tracken:
Einmal selbst Big Brother spielen

5711112603_d84b2dd1f2_zFacebook sammelt Daten über uns. Wo wir sind, mit wem wir da sind, was wir machen, was uns interessiert. Dass das so ist, daran zweifelt wohl niemand mehr. Viel gruseliger ist, dass nun auch unsere Freunde an diese Daten kommen können- mithilfe eines einfachen Codes. 

Sieben Zeilen Code gebe ich in meinen Laptop ein und dann legt er los. Kein Vorwissen, keine speziellen Programmierskills, keine teure Überwachungssoftware habe ich dafür gebraucht. Alle zehn Minuten speichert mein Computer nun, wer von meinen Facebook-Freunden gerade online ist. Postet meine Schwester gerade übers Handy oder ist sie am PC?  War mein Kommilitone wirklich zwei Stunden online oder hat er Facebook nur im Browser offen gelassen?

Mithilfe einer Webapp kann ich über die Profilbilder meiner Freunde auswählen, welches Aktivitätsprofil ich mir genauer ansehen möchte. Per Klick öffnet sich eine Zeitleiste, die mir sagt, wann und wie lange dieser Freund online war. War er lange nicht erreichbar, muss er wohl geschlafen haben, vermutet mein PC.

Die Web-App berechnet durch lange offline-Pausen die Schlafgewohnheiten deiner Facebook-Freunde

Die Schlaf-Webapp interpretiert lange Offline-Pausen als Schlafzeit

Daten vom Facebook Messenger

Je öfter und regelmäßiger meine Freunde Facebook nutzen, desto genauer ist das berechnete Schlafspektrum. Allerdings: Das Ganze funktioniert aber nur bei den Usern, die den Facebook Messenger benutzen. Denn er zeigt zusätzliche Informationen an: Ist jemand online, erscheint neben seinem Usernamen ein grüner Punkt. Ist er gerade offline, dann zeigt ein Zeitstempel, wie lange das schon so ist.

Ich kann also selbst Big Brother spielen. Doch wie ist das möglich? Hinter allem steht Alexander Hogue. Auf seinem Blog beschreibt der Australier, wie er sich im Quellcode von Facebook auf die Suche nach dem Ursprung dieser Zeitstempel gemacht und fündig geworden ist. Zwar für den Laien alles andere als erkennbar, liegen hier frei zugänglich allerhand Live-Informationen über die eigenen Facebook-Freunde. Hogue schrieb nach seiner Entdeckung ein Programm, das diese Datenströme regelmäßig anzapft und die Informationen weiter verarbeitet. Enstanden ist dabei eine Webapp, die er selbst als irgendwie gruselig beschreibt.

Look I’m not really sure why but I think I made a thing that makes graphs of when people are online on Facebook. It sounds kinda creepy and – uh – it is. Read along so you, too, can be the NSA. 

Den Code zur Anwendung hat er online gestellt. Nachmachen erwünscht. Wem Hogues Erklärungen noch zu technisch sind – denn er setzt doch ein wenig Programmierkenntnisse voraus – dem kann zum Beispiel die Anleitung von Søren Louve-Jansen weiter helfen. Der dänische Entwickler hat kurz nach dem Australier eine ähnliche App entwickelt, die nach der Eingabe von nur sieben Zeilen Code ins Terminal von selbst läuft. Über die Issue-Seite bekommt man sogar auf scheinbar dumme Fragen sehr schnell eine Antwort, meiner Erfahrung nach. Dem Tracking der eigenen Freunde steht also nichts mehr im Wege.

Screenshot von der regelmäßigen Datenabfrage der Webapp

Screenshot von der regelmäßigen Datenabfrage der Webapp

Datenschutz, wo bist du?

Dass der Facebook Messenger in Sachen Datenschutz miserabel abschneidet, ist keine Neuigkeit. Die Stiftung Warentest benotete ihn im letzten Jahr vor allem deshalb so schlecht, weil Facebook all unsere Nachrichten mitliest. Außerdem macht der Konzern von Mark Zuckerberg unsere Daten mit personalisierter Werbung zu Geld, was den Meisten ebenfalls bekannt sein dürfte.

Beunruhigend ist, dass Facebook nicht mal seine eigenen Datenschutzregelungen durchsetzen kann. Zwar verkauft es laut eigenen Angaben keine Daten an Dritte und verbietet zum Beispiel den Handel mit unseren Facebook-ID’s. Trotzdem gibt es immer wieder Fälle, bei denen Firmen die Daten aus selbst gebauten Webapps verkaufen. Und Verwendung für unsere persönlichen Daten finden die genug: Unter anderem sollen Banken auf Nutzerprofile und das Freundenetzwerk zurückgreifen, wenn es um die Einschätzung der Kreditwürdigkeit eines potentiellen Kunden geht.

Was ist die Facebook Nutzer-ID?
Jeder registriete Nutzer von Facebook bekommt eine individuelle Erkennnummer zugewiesen, die User-ID (USD). Mark Zuckerberg selbst hat zum Beispiel die Nummer 4. Das sogenannte Scraping dieser USD’s, also das Sammeln und Auswerten, erlaubt Facebook laut seinen Datenrichtlinien eigentlich nicht. Trozdem ist es durch Lücken wie dem Messenger Zeitstempel kinderleicht, an diese USD’s heran zu kommen. Da das soziale Netzwerk Daten wie Name, Profilbild und Verbindungen für jedermann zugänglich macht, können Dritte die USD’s ohne Weiteres Profilen zuordnen. Nichts anderes macht auch die Schlaf-Webapp.

Für Facebook selbst sind die Zeitstempel des Messengers nur Tropfen auf dem heißen Stein. Schließlich registriert der Konzern durch GPS, Bildanalyse, unser Likeverhalten und unsere Teilnahme an Veranstaltungen sehr viel mehr Informationen als nur die Zeitpunkte, an denen wir gestern online waren. Dass Aktivitätsprotokolle von wirklich jedem unserer nicht selten 300 Facebook-Freunden abrufbar sind, setzt der Sache wohl höchstens noch die Krone auf und bricht das allgemeine Datenschutzproblem von sozialen Medien nur stärker auf uns selbst herunter.

Die Moral von der Geschicht‘

Facebooks Datenrichtlinien sind ohnehin schon kaum mit deutschen Datenschutzgesetzen vereinbar, geschweige denn mit denen irgendeines Landes. Gruppen wie Europa versus Facebook bieten dem sozialen Netzwerk die Stirn und kämpfen für mehr Datenschutz im Internet, feiern die kleinen Erfolge. Nach eigenen Angaben arbeite Facebook selbst beständig daran, Sicherheitslücken wie im Messenger zu schließen. Entwickler Louve-Jansen kann sich deshalb durchaus vorstellen, dass das soziale Netzwerk seinen kleinen Hack bald unterbinden wird. In seinem Beitrag schreibt er dazu:

Facebook might block this little “hack”, so your friends no longer can track you, but Facebook will always be able to do their own data analysis which is undoubtably way better than what I’ve come up with. They are likely using this data for profiling, and creating more user-specific ads.

 

Beitragsbild: flickr/Gergaly Vida

Screenshots: Marie-Louise Timcke