Felicitas (33) war klinisch tot

Felicitas Rohrer

Felicitas Rohrer (33) wäre fast an der Antibabypille gestorben. Das hat sie verändert.

Mit der Antibabypille verhütet jedes zweite Paar in Deutschland. Auch bei Felicitas Rohrer hat sie gewirkt. Sie ist nicht schwanger geworden. Doch stattdessen wäre sie fast an ihrer Pille gestorben. Für Felicitas ist durch die Pille ihr Leben zusammengebrochen. Für die Arzneimittelindustrie ist sie aber nur ein Einzelfall.

20 Minuten lang hat ihr Herz nicht geschlagen und ihre Lungen haben nicht geatmet. 15 Ärzte haben versucht, sie zu reanimieren – ohne Erfolg. Felicitas war klinisch tot. Ihre letzte Chance: eine Notoperation. Die Ärzte öffneten ihren Brustkorb und schlossen sie an eine Herz-Lungen-Maschine an. So wurde ihr stilles Herz wieder belebt. Dass Felicitas das überlebt hat, ist Wahnsinn. „Ich hatte eine Überlebenschance von gerade mal drei Prozent“, sagt sie. Im OP-Saal haben die Ärzte zahlreiche Blutgerinnsel aus ihrer Lunge geholt. Die kamen aus ihrem linken Bein. Da hatten sie sich zu einem Thrombus gesammelt, gelöst und sind über die Blutbahnen in die Lunge geschossen. Die Diagnose: Thrombose, Lungenembolie, Herzstillstand.
  
Als sie zusammenbricht, ist Felicitas unterwegs zu einem Sprachtest an der Uni Freiburg. Sie ist eine junge, gesunde Frau; raucht nicht, treibt Sport. Zwar hat sie Schmerzen im Rücken bemerkt und dass ihr etwas schneller die Puste ausgeht. Sie hat sich auch gewundert, dass ihr Bauch geschwollen ist. Es hat sich nämlich Wasser im Bauch abgelagert, weil ihr Herz wegen der Blutgerinsel in der Lunge nicht mehr richtig arbeiten kann. Aber das kann Felicitas zu dem Zeitpunkt noch nicht deuten. Als sie zusammenbricht, zerplatzen alle Träume, die sie als 25-Jährige hatte.
 
Die Ärzte suchen nach einer Antwort. Warum musste Felicitas fast sterben? Als Erklärung für die Embolie bleibt am Ende nur die Antibabypille. Felicitas hat mit der Pille Yasminelle von Bayer verhütet. Diese Pille enthält Drospirenon. Das ist so ähnlich wie das Hormon Progesteron, jedoch kein Hormon, sondern ein Arzneimittel. Es soll ein paar nette Nebeneffekte haben, weil es antiandrogen wirkt. So soll es zum Beispiel gegen Akne helfen. Deshalb wird Drospirenon in die aktuelle vierte Generationen der Antibabypille gemischt. Die verschiedenen Generationen sind verschiedene Rezepturen. Problem: Drospirenon erhöht wahrscheinlich das Thromboserisiko. Das wusste Felicitas nicht. Drospirenon entzieht dem Körper Wasser, sodass das Blut schneller verklumpt und sich ein Thrombus bildet. So erklärt Felicitas es.
 
Woraus besteht die Pille?
Hauptsächlich aus Östrogen und Progesteron. Das sind zwei Hormone, die Frauen sowieso in sich haben. Allerdings anders dosiert. Progesteron ist ein spezielles Gestagen, ein spezielles Gelbkörperhormon.
Wie wirkt die Pille?
Die Antibabypille verhindert den Eisprung der Frau. Und zwar, indem schon die Eibläschen beim Wachsen gestört werden. Die Eibläschen oder Follikel sind die Hülle um die Eizelle. Darin wächst das Ei, bis es reif ist. Dann schlüpft es normalerweise aus der Hülle und wandert durch den Eileiter. Aus dem Rest der Hülle bildet sich ein Gelbkörper, der das Gelbkörperhormon Progesteron produziert und den Körper auf eine mögliche Schwangerschaft vorbereitet. Durch die Antibabypille ist das Progesteron jedoch schon vorher erhöht im Körper, sodass die Eibläschen nicht wachsen. Dadurch wird auch die Ovulation, also der Eisprung, verhindert.
Wie zuverlässig ist die Pille?
Die Antibabypille wirkt sehr gut. Gemessen wird die Wirkung mit dem Pearl Index. Der gibt an, wie viele von 1000 Frauen, die die Pille immer vorbildlich nehmen, trotzdem schwanger werden. Im Durchschnitt sind das eine bis drei Frauen. 

In Deutschland ist die Antibabypille das am häufigsten verwendete Verhütungsmittel. Mehr als die Hälfte der deutschen Paare verhütet damit. Das sagen Zahlen des Statistischen Bundesamts. Als die Pille vor mehr als 40 Jahren in Deutschland zugelassen wurde, ging die Geburtenrate plötzlich so stark zurück, dass Historiker vom „Pillenknick“ sprechen. Doch die Pille war vor allem eines: ein Befreiungsschlag für die Frauen. Sie waren nicht mehr abhängig davon, dass ihr Partner verhütet.

Antibabypille, Foto: Marie Eickhoff

Für Felicitas Rohrer war die Pille keine Befreiung, sondern fast das Ende. Sie verhütet mittlerweile mit der Temperaturmessmethode und muss jeden Tag Medikamente nehmen, die ihr Blut verdünnen. Gesund wird sie nie wieder. Wegen der Thrombose hat sie zum Beispiel ein Lymphödem am linken Bein. In den Zellzwischenräumen sammelt sich dort immer wieder Flüssigkeit. Deshalb muss Felicitas einen Kompressionsstrumpf tragen und regelmäßig zur Lymphdrainage. Ein Kind kann sie jetzt nur noch mit großem Risiko bekommen. Das ist für sie fast am schlimmsten.

Aber auch psychisch hat sie sich verändert. Durch die Nahtoderfahrung ist sie viel pessimistischer und ängstlicher geworden. Anfangs hat sie sich nicht allein vor die Tür getraut. „Dieser Tod, dem man ins Auge geblickt hat, der ist dann irgendwie die ganze Zeit neben einem. Und man hat das Gefühl, der Tod will sich einen wieder holen, weil man ihm damals von der Schippe gesprungen ist.“

Um auf das Risiko der Antibabypille aufmerksam zu machen, hat Felicitas Rohrer die Initiative risiko-pille gegründet. Online sammelt die Initiative viele Berichte von Frauen, die Ähnliches erlebt haben wie Felicitas. 28 Frauen seien in Deutschland sogar an drospirenonhaltigen Pillen gestorben, heißt es auf der Internetseite.

Gynäkologe Dr. Georg Kunz hält die Antibabypille trotzdem für die sicherste Verhütungsmethode. Er leitet die Gynäkologie und Geburtshilfe am St.-Johannes-Hospital in Dortmund. Die Pille erhöht das Thrombosrisiko. Das ist Fakt. Doch in der Schwangerschaft zum Beispiel sei das Risiko höher. Kunz empfielt, mit einer Pille zu starten, die nur Gestagene, also Gelbkörperhormone, enthält. Dann kann die Patientin gemeinsam mit dem Arzt auszuprobieren, welche Pille für sie am besten ist.

Felicitas will Schadenersatz

Felicitas klagt seit sechs Jahren gegen Bayer. Sie fordert: 200.000 Euro Schadenersatz und Schmerzensgeld. Bayer hält ihre Ansprüche für unbegründet. In den USA hat der Konzern aber schon Geld an Frauen ausgezahlt. Mit dem Verkauf der Pillen Yaz, Yasmin, Yasminelle hat Bayer im vergangenen Jahr laut Geschäftsbericht einen Umsatz von 678 Millionen Euro gemacht. Das sind 1,5 Prozent der Jahreseinnahmen.

Die Pille ist in Deutschland das führende Verhütungsmittel. Aber nicht alternativlos. Hier einige alternative Methoden:

die Minipille
Die Minipille enthält kein Östrogen, sondern reines Gelbkörperhormon. Das kann alternativ auch alle drei Monate in den Muskel gespritzt werden oder als Kunststoffstäbchen in den Arm gesetzt werden. Die Spritzen oder Stäbchen würde Gynäkologe Prof. Georg Kunz vom St.-Johannes-Hospital in Dortmund nur für Frauen empfehlen, die sonst zu unzuverlässig sind.
das Hormonpflaster oder der Vaginal-/Nuva-Ring
Diese Methoden sind wie die Antibabypille kombinierte Hormonpräparate. Sie haben jedoch den Vorteil, dass sie nicht wie die Pille durch die Leberpassage müssen. Da wird nämlich schon ein Teil der Pille verstoffwechselt und es werden Substanzen ausgeschüttet, die die Blutgerinnung und den Blutdruck aktivieren. Das kann für Frauen mit hohem Thromboserisiko gefährlich sein. Dann sind ein Pflaster oder ein Ring eine Alternative. Diese Methoden müssen nicht so hoch dosiert sein, weil ja nichts in der Leberpassage verstoffwechselt wird.
die natürlichen Methoden
Eine natürliche Methode ist zum Beispiel die Kalendermethode. Dabei wird ein Zyklus-Tagebuch geführt, um die fruchtbaren Tage kurz vor dem Eisprung zu bestimmen. Sicher ist diese Zeitmethode jedoch erst nach dem Eisprung, erklärt Gynäkologe Georg Kunz. „Wenn man dann noch 24 Stunden wartet, ist die Verhütung eigentlich hervorragend.“ Um sicher zu sein, dass der Eisprung wirklich war, sollte die Frau zusätzlich ihre Temperatur kontrollieren. Und selbst dann warnt Kunz ein bisschen vor der Methode. Der weibliche Zyklus sei ein biologisches System und deshalb besonders unsicher.
die Pille für den Mann
Noch wird an der Pille für den Mann geforscht und Gynäkologe Georg Kunze glaubt nicht, dass sie in naher Zukunft auf den Markt kommen wird. Denn dafür zu sorgen, dass im Ejakulat des Mannes wirklich kein Spermium mehr ist, sei viel schwieriger, als mit der Pille dafür zu sorgen, dass die Frau keinen Eisprung hat. Die Dosis der Pille für den Mann müsste viel höher sein.

In einem Beitrag von eldoradio* spricht Felicitas Rohrer über ihre Geschichte und ihr Leben heute:

Fotos: Marie Eickhoff