„Gleichgültig und alles scheißegal“ – Was Hirndoping auslöst

Wenn es vor den Klausuren mal wieder eng wird. Foto: Jana Brauer

Teaser-Bild: Rainer Sturm / pixelio.de

Egal ob Ritalin, Modafinil oder Betablocker: Hirndoping ist immer wieder Thema in den Medien. Die Zahlen scheinen anzusteigen, aber kaum jemand gibt zu, es selbst zu tun. Zwischen Leistungsmythen und Nebenwirkungen ist aber eigentlich unklar, wie die „Dopingmittel“ auf lange Sicht wirken. Stefan* hat eigene Erfahrungen mit Ritalin gemacht.

Er sitzt wie immer in der letzten Reihe. Zwischendurch nickt er eigentlich gerne mal ein. Was da vorne an der Tafel vor sich geht, interessiert Stefan meistens nicht. Es ist anstrengend, den Erläuterungen zu folgen. Heute ist das anders. Stefan ist vollkommen fokussiert, lässt sich nicht ablenken. Die Zeit vergeht wie im Flug. „Das war total komisch: Man guckt zur Tafel und weiß einfach alles, man versteht wirklich alles, das ist das Krasse“, erzählt der 21-Jährige. Am Morgen hat er eine kleine weiße Pille geschluckt. Ritalin.

Eine solche Wirkung erhoffen sich immer mehr Schüler und Studenten, wenn sie zu verschiedenen Mitteln greifen, um ihr Gehirn zu pushen. Wenn Medikamente, wie zum Beispiel Ritalin, von gesunden Menschen zur Leistungssteigerung eingenommen werden, spricht man von Hirndoping: Mit Modafinil gegen den Drang einzuschlafen, wenn mal wieder eine Nachtschicht ansteht. Eigentlich wird das Medikament gegen die Schlafkrankheit Narkolepsie verschrieben. Mit Betablockern gegen Prüfungsangst. Normalerweise hilft das Medikament bei zu hohem Blutdruck. Amphetamine um den Körper aufzuputschen, wenn nach einem langen Uni-Tag keine Kraft mehr bleibt, um zu lernen.

Eine ähnliche Wirkung wie Kokain

Stefan hat vor allem Ritalin geschluckt. Er ließ sich immer schon leicht ablenken und konnte sich nur schwer zum Lernen motivieren. „Ich wollte das einfach mal ausprobieren und gucken, ob das mein Hirn echt so pusht“, erzählt er.

Bei dem Wirkstoff Methylphenidat handelt es sich allerdings um ein starkes Psychopharmakon, das im Gehirn wirkt und die Psyche verändert. Normalerweise wird es Patienten mit der Aufmerksamkeitsstörung ADHS verschrieben. „Methylphenidat wirkt ähnlich wie Kokain“, erklärt Dorothea Posur, Ärztin am Marien Hospital in Herne. „Es erhöht Dopamin und Noradrenalin, zwei Botenstoffe, die vor allem wichtig sind für die Aufmerksamkeit. Auf die Dauer verändert sich dadurch dann natürlich auch die Struktur des Gehirns, denn es werden entsprechend mehr Rezeptoren ausgebildet.“

Wie Ritalin auf den Markt kam
Ursprünglich wurde der Wirkstoff Methylphenidat im Jahr 1944 von dem Chemiker Leandro Panizzon erfunden. Als seine Frau Rita das Mittel an sich selbst testete, entdeckte sie, dass sie danach besser Tennis spielte und fröhlicher wurde. Stolz benannte Panizzon das Mittel nach ihr: Rita-lin. In den USA wurde es zuerst als Wohlfühlmittel verkauft und sollte nach einer unruhigen Nacht wieder fit machen. Auch in Deutschland wurde es frei verkauft. Als dann aber eine immer größere Anzahl an ungewollten Nebenwirkungen bekannt wurde, wurde es in Deutschland unter das Betäubungsmittelgesetz gestellt. Heute ist es nur noch gegen ein Rezept in der Apotheke erhältlich.

Udo Lehmann, Neuroethiker an der Ruhr Uni Bochum hat aber Bedenken, wenn gesunde Menschen solche Psychopharmaka konsumieren. Die Wirkung auf ein gesundes Gehirn ist noch nicht erforscht, so Lehmann. „Man darf nicht vergessen: Das sind Medikamente, die sind für Krankheiten gedacht und nicht als Lifestyle-Möglichkeit, um die eigene Leistungsfähigkeit zu verbessern!“ Die Pillen wirken ohnehin nicht wie ein Wundermittel: Das Hirn wird nicht zur allwissenden Festplatte, denn die jeweilige Wirkung entfaltete sich nur direkt nach der Einnahme. Das Hirn wird also durch Doping nicht an sich schlauer oder besser. Auch deshalb warnt Lehmann davor, diese Medikamente anzuwenden, um das Gehirn zu pushen. „Man hat ja noch keine wirklichen Langzeitstudien und weiß nicht, wie das auf längere Sicht wirkt.“

Die Liste mit Nebenwirkungen ist lang

Auf dem Beipackzettel von Ritalin finden sich viele mögliche Nebenwirkungen. Neben Herzrasen sind auch Erscheinungen wie Stimmungsveränderungen, Selbstmordgedanken, Halluzinationen, Psychosen oder Epilepsie aufgelistet. Einige dieser Nebenwirkungen hat Stefan selbst erlebt. „Ich hatte danach immer Herzrasen. Da schlägt das Herz so ein bisschen doller in der Brust. Das ist nur kurz und danach wird man dann müde. Man merkt, dass der Körper ’n bisschen geschädigt ist durch die Sache.“ Das Ritalin hatte er damals auch an Freunde weiter gegeben, die in der Schule besser funktionieren und ihr Abi bestehen wollten. „Die Persönlichkeit hat sich bei einer Kollegin von mir ziemlich verändert. Die war anders, die war streitlustiger, aggressiver. Man hat immer gemerkt, dass die nicht so richtig da war. Die wurd‘ ziemlich gleichgültig, alles scheißegal… “

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Der Griff zu Hrindoping-Medikamenten kann ungewollte Nebenwirkungen haben. Foto: Jana Brauer

Trotz riskanter Nebenwirkungen sollen laut einer Studie der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) fünf Prozent der deutschen Studenten verschreibungspflichtige Medikamente zur Leistungssteigerung an der Uni nehmen. Weitere fünf Prozent der Studenten nehmen andere Pillen, wie Koffein-Tabletten oder pflanzliche Mittel, um dem Uni-Stress zu trotzen. Zum Vergleich: Um die sieben Prozent der Deutschen Bevölkerung leiden an Diabetes. Das sind drei Prozent weniger und trotzdem scheint die Krankheit viel präsenter in der Gesellschaft zu sein als das Thema Hirndoping.

Unter Studenten ist Hirndoping fast eine Art Phantom: Immer präsent, aber niemand hat wirklich selbst damit zu tun. Direkt gefragt, würde kaum jemand zugeben, selbst Medikamente zu schlucken, aber viele kennen irgendwen, der es schon mal versucht hat oder hat von jemandem gehört. Neuroethiker Lehmann erklärt das Phänomen so: „Das Wort Doping an sich ist ja schon ein wertender Begriff. Man verschafft sich ungerechtfertigte Vorteile gegenüber den Anderen.“ Zuzugeben, dass man seine Leistungen nicht aus eigener Kraft erbringt, wirkt schließlich nicht sehr eindrucksvoll und kostet Überwindung.

„Das kann ordentlich schief gehen.“

Stefan nimmt mittlerweile kein Ritalin mehr. „Da sollte man nicht so unvorsichtig mit umgehen. Das kann echt auch ordentlich schief gehen. Ich kenn Leute, die hatten schreckliche Depressionen. Die beiden waren zu Hause und haben nur geweint, weil das Leben scheiße war.“

Als sie auf den Markt kamen, wurden Ritalin und Co. vor allem von Pharmaunternehmen als wirksame Hilfsmittel gegen Stress angepriesen. Als Tonikum, das „ermuntert und belebt – mit Maß und Ziel“, so wurde Ritalin in den 50ern in Deutschland vermarktet. Heute ist bekannt, dass solche Medikamente tief in den menschlichen Organismus und die Psyche eingreifen und die Struktur des Gehirns sogar auf Dauer verändern können. Durch Nebenwirkungen wie Depressionen, Herzrasen oder gar Persönlickeitsveränderungen kommt das bei vielen Anwendern zum Ausdruck. Auch deshalb interessiert die Forschung sich mittlerweile für die Langzeitfolgen. Konkrete Ergebnisse bleiben abzuwarten.

*Name von der Redaktion geändert

 

1 Comment

  • Stimmungskanone sagt:

    Medikamente wie Ritalin, Modafinil oder Betablocker sind eben auch für Menschen mit entsprechenden Indikationen gedacht. Wer sie Missbraucht, ist selber Schuld. Aber jeder Mensch hat nun mal unzählige Möglichkeiten, sich bewusst oder unbewusst selbst zu schädigen. Dann gibt es auch Nebenwikungen. Menschen mit ADHS reagieren z.B. paradox mit einer verlangsamten Herzfrequenz auf Ritalin. Auch werden diese i.d.R. nicht psychotisch, da das Gehirn nicht überstimuliert wird, sondern dann so funktioniert wie bei normalos.

    Ob mehr Rezeptoren gebildet werden? Ich nehme als Erwachsener seit einem Jahr Ritalin in einer relativ geringen, verordneten Dosis, habe damit keine Nebenwirkungen und die Wirkung ist immer noch die wie am ersten Tag…

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