Facebook Live:
Wenn Gewalt viral wird

Ein Mann in Chicago filmt sich, als er von einem Unbekannten erschossen wird. Eine Frau in Schweden wird vor laufender Kamera vergewaltigt. Und ein geistig Behinderter wird live auf Facebook von vier Männern gequält und gefoltert. Hunderte Nutzer sehen live im Netz, wie sich Gewalt verbreitet. Wollen wir das wirklich akzeptieren?

Oh, die schöne neue Internet-Welt! 18 Jahre ist es her, als sich Boris Becker vor einem riesigen Monitor noch verwundert fragte, ob er schon drin sei, oder was. Heute hat jeder ein winziges Gerät in der Tasche, mit dem er live und in Farbe alles streamen kann, was er möchte.

Für Facebooks Chef Mark Zuckerberg ist das die Innovation des 21. Jahrhunderts. „Wer in Echtzeit interagiert, ist persönlicher verbunden“, so Zuckerberg, als er die Live-Funktion für alle 1,6 Milliarden Nutzer des Netzwerkes Anfang des vergangenen Jahres freischaltete. Per Knopfdruck kann dadurch jeder das streamen, was er gerade vor die Linse bekommt.

Der Islamist Larossi Abballa rühmt sich nach seiner Tat in einem Live Video. Screenshot: YouTube / Narada News

Wie groß diese persönliche Nähe ausfällt, konnten wir bereits mehrfach beobachten: Morde, Vergewaltigungen und Folter, die ungefiltert einem großen Publikum gezeigt werden. Nicht nur das: Auch Terroristen machten sich die Live-Funktion schon zu Nutze. Der Islamist Larossi Abballa filmte sich vergangenen Juni in der Nähe von Paris im Haus seine Opfer, nachdem er zwei Polizisten ermordet hatte. In dem Live-Video, das hunderte Nutzer sahen, rief er sogar zur Nachahmung auf.

Groß war die Empörung auch im Januar, als in der schwedischen Stadt Uppsala eine Frau von drei Männern brutal vergewaltigt wurde. Besonders grausam: Die Männer haben ihre Tat live auf Facebook übertragen. Rund 200 Menschen schauten dabei zu. Erst die Polizei hat den Stream gestoppt, als sie nach mehreren Stunden die Wohnung stürmte. 

Live ist eben live

Live-Videos schaffen Menschen eine Plattform, die eigentlich keine Plattform verdient haben. Sie bieten Platz für unzensierte Gewalt, für Propaganda und Hass. Und ihre Urheber erlangen unglaubliche Aufmerksamkeit. Denn das Perfide an den Videos ist, dass sie nicht kontrolliert werden können. Live ist eben live. Während normale Videos in Sozialen Netzwerken gesperrt werden, bevor sie sich verbreiten, sind Live-Videos nicht zensierbar. Einmal gestartet und jeder Zuschauer sieht in Echtzeit, was passiert.

Aber wie weit soll das noch gehen? Was wäre, wenn solche abscheulichen Übertragungen künftig zum Alltag gehören? Terroristen, die ihre Anschläge live filmen – und damit tausende Menschen vor den Bildschirmen schockieren? Wenn Blut und Gewalt im Netz ungefiltert Platz finden? Vielleicht würden wir abstumpfen, es einfach so hinnehmen. Schließlich ist das das reale Leben, oder?

Aber ist das wirklich erstrebenswert: ein Netzwerk voller Gewalt und Hass? Sollen blutige Szenen, brutale Vergewaltigungen und entsetzliche Morde unseren Alltag prägen? Die Täter würden das bekommen, was sie oftmals wollen: Aufmerksamkeit und Nachahmer. Das können wir nicht zulassen.

Kontrolle nicht möglich

Facebook versucht bereits, gegen Gewalt in Live-Videos vorzugehen – aber geht dabei genau den falschen Weg. Das Netzwerk nimmt seine Nutzer in die Pflicht, derartige Inhalte zu melden. Ein Team könne den Livestream dann unterbrechen, schreibt das Unternehmen auf einer Sonderseite. Doch wenn es einschreitet, ist es bereits viel zu spät. Schließlich haben dann schon hunderte Nutzer das Video live auf der Plattform gesehen.

Facebook sollte sich daher dringend überlegen, ob Live-Videos für alle Nutzer wirklich so sinnvoll sind. Einen echten Mehrwert haben die Videos nicht. Wenn Facebook die Funktion nur großen Seiten oder Nachrichtenportalen anbietet, sähe das anders aus. Die könnten mit den Live-Videos journalistisch arbeiten. Und: Kriminelle oder Terroristen hätten keine Möglichkeit mehr, die Livestreams für eigene Zwecke zu missbrauchen.

Das aber wird Facebook nicht machen. Für das Netzwerk überwiegen die Vorteile: persönliche Nähe und mehr Realität. Und: Die Nutzer verbringen dadurch mehr Zeit in dem Sozialen Netzwerk, was Facebook Geld bringt.

Ist das die schöne neue Internet-Welt, die wir uns vorgestellt haben?

Bild: Facebook / live.fb.com/about/