Die Werkstätten Gottessegen:
Ein großes Stück Erfüllung

Die Sonne scheint durch die lange Fensterreihe auf die Werkbänke. Meterlange Holzleisten, Späne und Kisten mit unverarbeiteten Holzblöcken stapeln sich zwischen Maschinen und Tischen. Alle paar Sekunden hört man die Fräsen laut durch die Gänge hallen. Es riecht nach frischem Holz und nach Öl. Konzentriert schneiden und schleifen die Männer und Frauen das robuste Material. Am Ende werden daraus Vogelhäuser, Frühstücksbrettchen oder Kinderspielzeug. Man sieht den Produkten an, mit wie viel Liebe zum Detail sie gefertigt worden sind – hier in den Werkstätten Gottessegen, einer Behinderteneinrichtung in Dortmund.

Die Holzwerkstatt ist eine der größten Abteilungen der Werkstätten. Dreißig Frauen und Männer arbeiten hier, nur in der Mosterei sind noch mehr von ihnen beschäftigt. Thomas ist einer von ihnen. Seine Aufgabe ist es, Holzklötze mit einem Brennstempel zu versehen. Der steht später für die Reinheit des Holzes.

Er sitzt auf einem Drehstuhl, vor ihm eine hohe Werkbank mit der Maschine, die ihm beim Bedrucken des Holzes hilft. Der Block hat bereits die richtige Größe, ein Kollege hat das in einem früheren Arbeitsschritt erledigt. Thomas nimmt ein Stück vom Stapel neben ihm und legt es in die Passform der Maschine. Mit seiner rechten Hand drückt er fest auf das schwarze Pedal am Rand des Tisches. Ganz langsam fährt nun von oben ein Stempel hinab und brennt die Kennzeichnung auf das Holz. Nach etwa zwanzig Sekunden hat die Maschine ihre Arbeit getan und Thomas kann den Block wieder entnehmen. Er legt ihn zu den anderen Klötzen auf die Europalette und greift zum nächsten, in aller Ruhe. Der 57-Jährige macht diese Aufgabe den ganzen Tag, und er macht sie gewissenhaft: Nach jedem Druck schaut er sich den Holzblock genau an. Ist ein Stempel nicht gut genug zu sehen, druckt er ihn erneut auf das Holz.

Thomas weiß seine Arbeit sehr zu schätzen, und so geht es den meisten seiner Kollegen. Auf dem Arbeitsmarkt würde kaum einer von ihnen einen Job bekommen. Sie alle haben eine Einschränkung, körperlich oder geistig, und können deshalb nur sehr einfache Arbeiten verrichten, die genau auf sie zugeschnitten sein müssen. Viele hier haben etwa das Downsyndrom und können sich nicht lange konzentrieren. Wer nicht in der Holzwerkstatt arbeiten kann oder will, hat in den Werkstätten Gottessegen die Möglichkeit, einen Job in der Bäckerei, der Wäscherei, der Landwirtschaftspflege und vielen weiteren Bereichen zu finden.

Die Angebote der Werkstätten Gottessegen

Jeden Morgen holt ein Fahrdienst einen Teil der 350 Mitarbeiter an der Haustür ab und bringt sie mit Kleinbussen direkt vor die Türen der Werkstätten. Dort werden sie von Mitarbeitern empfangen. Sie achten darauf, dass jeder Beschäftigte sicher aus dem Bus steigt. Der Arbeitstag beginnt um acht Uhr mit einem Morgenkreis, eine Besonderheit anthroposophisch orientierter Einrichtungen. Es ist laut im großen Saal, man kennt und grüßt sich hier, führt Smalltalk, gibt einander die Hand. Einige der Angestellten sitzen, die meisten aber stehen hinter ihren Stühlen oder lehnen an der Wand. Viele sind im Rollstuhl unterwegs und deshalb auf die Hilfe der Mitarbeiter oder Kollegen angewiesen. Andere Beschäftigte wiederum laufen scheinbar desorientiert umher – und doch geht es geordnet zu: Nach wenigen Minuten formiert sich eine Art Kreis aus der Menschenmenge. Aufgeregt warten alle darauf, dass das morgendliche Ritual beginnt.

Drei Musiker, selbst Angestellte in den Werkstätten, stehen mit Blockflöte, Mundharmonika und Akkordeon am Rand des Kreises. Trotz der noch immer großen Lautstärke beginnen sie zu spielen: „Geh aus, mein Herz, und suche Freud“, ein geistliches Sommerlied von Paul Gerhardt. Die Leute beginnen sofort zu schunkeln, hüpfen auf und ab oder klatschen im Takt. Müdigkeit ist ihnen trotz der frühen Stunde nicht anzumerken. Hin und wieder ruft jemand etwas Unverständliches in die Menge, in der Hoffnung, gehört zu werden. Andere dagegen sitzen still in ihren Rollstühlen, schauen auf den Boden oder schließen die Augen.

Als das Lied zu Ende ist, sagen die Angestellten im Chor einen Vers des Anthroposophen Rudolf Steiner auf, der die Anthroposophie-Bewegung begründete und damit die Grundlage für das Menschenbild des Hauses legte. Den Text kennt jeder hier in- und auswendig. Eine Mitarbeiterin begrüßt anschließend die Beschäftigten und verliest die wichtigsten Informationen des Tages: das Datum, die Geburtstage und die Speisen zum Mittagessen. Es gibt Salat, Hering und Erdbeeren mit Sahne. Ein freudiges Raunen geht durch die Menge. Auf das Mittagessen scheinen sich die meisten hier bereits zu freuen.

Das Menschenbild des Anthroposophen Rudolf Steiner

Wenige Minuten später trotten alle langsam in ihre Werkstätten. Diejenigen, die im Rollstuhl sitzen, werden von ihren Kollegen geschoben. In kleinen Gruppen beschlagnahmen sie ihre Arbeitsplätze und füllen die Werkstätten mit Leben. Den weitesten Weg hat die Montagegruppe zurückzulegen. Ihr Arbeitsplatz liegt oberhalb des großen Geländes in einem abgetrennten Gebäude.

Sofort machen sich die 27 Beschäftigten an die Arbeit. Jeder scheint genau zu wissen, was er zu tun hat: Einige bauen große Schrauben mit Muttern aus Einzelteilen zusammen und verpacken sie. Später dienen diese im Baugewerbe als Befestigungsmaterial. Ein anderer Teil der Gruppe – der deutlich größere – sortiert lose Plastikpäckchen mit Nahrungsergänzungsmitteln in eine Pappschachtel. Jeder von ihnen sitzt vor einer breiten Werkbank und hat viel Platz – die Kollegen verteilen sich insgesamt über drei Räume. Es ist sehr ruhig, im Hintergrund hört man leise das Radio klingen.

In der Montagegruppe gibt es zudem drei Gruppenleiter. Sie bereiten die Arbeitsschritte vor, stellen Hilfsmittel zur Verfügung und kümmern sich bei Bedarf auch um die Toilettengänge und die Pflege der Menschen. Außerdem kontrollieren sie alle Arbeitsaufträge – und wenn es mal eng wird mit dem Liefertermin arbeiten sie auch selbst mit. Für die Nahrungsergänzungsmittel-Gruppe haben die Gruppenleiter große Zählbretter gebaut. Dreißig Packungen sollen in einer Schachtel landen. Das Zählbrett hilft den Beschäftigten, aufzupassen, dass es nicht zu viele oder zu wenige werden.

Josef ist am längsten in der Montagegruppe dabei. Wie lange genau? „Das weiß ich nicht mehr“, sagt er. Am Anfang arbeitete er in der Bäckerei, später in der Kerzenwerkstatt. Die Montagegruppe mache ihm aber am meisten Freude, sagt er. Viel redet Josef ansonsten nicht, seine Arbeit aber macht er stets mit einem Lächeln auf den Lippen. Seine Augen glänzen durch die leicht milchige Hornbrille, wenn er sie jemandem zeigen darf. Um seinen Kopf trägt er einen schwarzen, weichen Schutzhelm. Er hat eine geistige Behinderung.

Immer wieder greift Josef, in die Kiste mit den kleinen Päckchen und nimmt eins heraus. Anschließend dreht er es so, dass die Seite mit der deutschen Beschreibung oben liegt. So will es der Auftraggeber. Nach und nach legt er die Päckchen auf das Zählbrett vor sich. Seine Hände zittern, als sei er ein bisschen aufgeregt. Manchmal landen die Päckchen nicht genau auf dem nummerierten Feld, dann liegen auf einem Feld gleich zwei Stück. Aber das ist nicht so schlimm: Lieber zu viele, als zu wenige, sagt man sich hier. Peter, einer der Gruppenleiter, kontrolliert die Anzahl im Anschluss ohnehin noch einmal, sicher ist sicher. Sobald Josef das letzte Päckchen auf das Feld mit der 30 gelegt hat, kann er die Tüten einzeln in die Verpackung einsortieren. Danach beginnt er mit der nächsten Schachtel.

Man merkt schon nach kurzer Zeit, wie akribisch die meisten Beschäftigten hier arbeiten. Denn so einfach die Abläufe auch sein mögen: Für die Beschäftigten ist es eine gute Chance, dem Alltag zu entfliehen. Stress macht sich hier niemand. Neben den Werkstätten bietet die Einrichtung auch Freizeitprogramme mit Sport oder anderen Aktivitäten sowie Gesprächsrunden an. Von den Beschäftigten werden diese gerne angenommen. Nach jedem Arbeitstag besprechen die Gruppen zudem, was ihnen auf dem Herzen liegt. Wer einmal eine andere Arbeit ausprobieren möchte, kann jederzeit wechseln. Doch die meisten sind mit ihrer Arbeit zufrieden. Sie sind stolz darauf, Aufträge lokaler Unternehmen erfüllen zu dürfen, etwa vom Dortmunder Pumpenhersteller Wilo. Seit 20 Jahren vergibt dieser schon Aufträge an die Werkstätten.

Die Arbeit in den Werkstätten Gottessegen ist für die meisten hier mehr als nur irgendein Job. Sie ist eine Gemeinschaft, in der jeder seinen Platz hat, als Teil eines großen Ganzen gesehen wird und sein Bestes geben kann – egal welche Behinderung er hat. Der Umgangston ist nie rau, immer freundlich. Alle, ob Beschäftigte oder Angestellte, geben einander hier das, was viele von ihnen im Alltag wohl häufig vermissen: Aufmerksamkeit, Freude am Leben und das Gefühl, gebraucht zu werden.

 

Fotos: Robert Tusch

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