Fastenbrechen mit Volksfest-Charakter: Europas größtes Ramadanfest in Dortmund

DSC08958

Das größte Ramadanfest Europas würde man wohl eher in der Türkei vermuten – tatsächlich findet ihr es direkt vor eurer Haustür hier in Dortmund. Vom 3. Juni bis zum 3. Juli verwandelt das „Festi Ramazan“ die Parkplätze an den Westfalenhallen in einen türkischen Markt. Von Döner über türkisches Eis bis hin zu traditioneller Kleidung ist alles dabei.

Es riecht nach gegrillten Dönerspießen, Fleisch brutzelt auf dem Rost und das Zischen der Kohle vermischt sich mit den Klängen türkischer Musik. Von den Dächern der weißen Zelte steigt heller Rauch auf. Vor den Essensständen stehen die Besucher zusammen. Ein Mann unterhält sich mit dem Verkäufer. Er möchte wissen, was der Unterschied zwischen „Kuzu Sis Dürüm“ und „Tavuk Sis Dürüm“ ist. Die Frage ist schnell beantwortet: Im ersten Wrap ist Lammfleisch, im zweiten Hähnchen.

Während die Nicht-Muslime um 18 Uhr bereits ihr Abendessen kaufen, müssen sich die Muslime noch ein paar Stunden gedulden. Sie dürfen im Fastenmonat Ramadan erst nach Sonnenuntergang essen und trinken. Trotzdem sind viele Gläubige schon auf dem „Festi Ramazan“ unterwegs. In der Zwischenzeit gehen sie stattdessen zum Beispiel einkaufen. Die insgesamt 180 Stände auf dem Fest bieten dafür genügend Gelegenheit. Die meisten Verkäufer sind extra aus der Türkei angereist und haben ihre Waren mitgebracht.

An einem Stand reihen sich Kleiderständer aneinander, an denen türkische, lange Kleider in verschiedensten Farben hängen. Daneben wird Literatur auf Arabisch verkauft – von Kinderbüchern bis hin zum Koran. „Kalem Kur’an 69 €“ steht auf dem handgeschriebenen Schild über einem Set, bestehend aus einem Koran und einem elektronischen Lesestift. Für manche Deutsche wird der Einkauf somit zur Herausforderung, da sie sich teilweise mit Händen und Füßen verständigen müssen – außer sie haben Glück und jemand hilft beim Übersetzen.

Wir waren mit der Kamera vor Ort. Hier könnt ihr euch durch die Fotos klicken:

[metaslider id=208042]

Hohe Selbstbeherrschung gefragt: Essen verkaufen, aber selbst fasten

Manche Muslime an den Ständen vertreiben sich die Zeit bis zum Sonnenuntergang auch damit, schon einmal für sich selbst Essen vorzubereiten. Während vorne an der Theke Döner, Spieße oder Süßwaren verkauft werden, schneiden ganze Familien im hinteren Bereich ihres Zeltes Gemüse, Kartoffeln und Brot für das Fastenbrechen. Für sie ist die Zeit zwischen Sonnenaufgang und -untergang doppelt schwierig, da sie für andere kochen, aber selber weder essen noch trinken dürfen. Aber auch für die übrigen Muslime ist das Fasten nicht immer leicht: Vor allem an heißen Tagen vermissen sie es, etwas zu trinken.

Fastenmonat Ramadan

Der Ramadan ist eine der fünf Säulen des Islam und damit für Muslime sehr wichtig. In diesem Monat sollen sie von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang weder essen noch trinken, außer Kinder, Kranke und Schwangere. Die Muslime sollen sich durch die Enthaltsamkeit bewusst von weltlichen Einflüssen abwenden und sich auf ihren Glauben konzentrieren. Deshalb wird in dieser Zeit auch viel gebetet.

Ramadan findet jedes Jahr zu einer anderen Zeit statt – 2016 von 6. Juni bis zum 4. Juli. Das hängt mit dem islamischen Kalender zusammen, die sich am Neumond orientiert. Im Monat Ramadan hat der Prophet Mohammad laut der Überlieferung den Koran empfangen.

Im Juni geht die Sonne zwischen halb 10 und 10 Uhr abends unter. Wenn es dann soweit ist, bilden sich lange Schlangen vor den Essensständen. In kürzester Zeit gehen die türkischen Spezialitäten von den Verkäufern zu den hungrigen Muslimen über. Dann füllen sich auch schnell die ca. 5000 Sitzplätze in den Zelten mit Familien und Freunden, die gemeinsam das Fasten brechen.

Spätabends müssen die Muslime ihre Mahlzeiten noch einmal unterbrechen, wenn das Nachtgebet ansteht. Für die passenden Räumlichkeiten ist auf dem „Festi Ramazan“ gesorgt: Unter einem Vordach wurden zwei kleine „Moscheen“ eingerichtet: durch weiße Planen abgetrennte Bereiche, die mit Gebetsteppichen ausgelegt sind. Eine der Gebetsstätten ist für Frauen, die andere für Männer.

Ein kontroverses Thema: Feiern im Fastenmonat

Der Imam der Ditib Moschee in Eving, Ali Soylu, findet das jedoch nicht ausreichend. Er meint, dass Feiern grundsätzlich kein Problem ist. Während des Fastenmonats Ramadan hingegen solle man sich ganz auf den Glauben konzentrieren. „Der Ramadan ist ein Bildungs- und Erziehungsmonat. Ein Monat, in dem Muslime in sich gehen und sich mit sich selbst befassen.“ Speziell in diesem Monat sei also kein Platz, um zu feiern.

Mit dieser Kritik haben wir den Veranstalter Fatih Ilhan konfrontiert. Er hat das „Festi Ramazan“ 2012 ins Leben gerufen und organisiert es bis heute. Für ihn stehen Ramadan und Feiern nicht im Widerspruch, man könne sehr wohl nach Sonnenuntergang das Fastenbrechen genießen. „Das Festi Ramazan ist eine besondere Gelegenheit, bei der Familien und Freunde etwas zusammen unternehmen.“ So erinnert das „Festi Ramazan“ auch an ein Volksfest: mit zahlreichen Verkaufsständen, Karussell und Zelten mit Biertischen.

Von Sandra Schaftner und Elisa Brinkhoff

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.