Stummer Kollege im OP

OP

Roboter im OP-Saal sind bisher nur Assistenten. Den Menschen werden sie so schnell nicht ersetzen. Foto: Janna Cornelißen.

Die moderne Technik der sogenannten roboterassistierten Chirurgie ist in vielen Operationssälen für einige Eingriffe nicht mehr wegzudenken. Gerade im Ruhrgebiet arbeiten viele Kliniken mit dem Roboter. Nachdem so manches Modell in der öffentlichen Kritik stand und nun ihr Dasein in der sprichwörtlichen Abstellkammer fristet, beherrscht ein Modell den Markt: Der DaVinci Si.

DaVinci ist ein Sklave. Er steht im Operationssaal bereit, um den Befehlen seines Masters zu folgen. Master-Slave-System nennt sich diese Zusammenarbeit von Roboter und Mensch. Der Master ist der operierende Chirurg, der im Gegensatz zur konventionellen Chirurgie in drei Metern Entfernung am Bedienpult sitzt und mittels Joysticks und Pedalen die vier Greifarme des Roboters am Patienten steuert.

Bedienpult

Das Bedienpult: Von hier steuert der "Master". Zitternde Hände sind dabei nicht mehr so relevant. Foto: Janna Cornelißen

Die Greifarme werden mit stabartigen Instrumenten bestückt und führen im Patienten die Operation durch. Ein Arm ist mit einer Kamera ausgerüstet, welche die Bilder vom Operationsfeld an das Bedienpult überträgt. Sehen kann der Chirurg durch eine bis zu zehnfach vergrößernde Optik, wie durch ein Mikroskop. „Der riesen Vorteil ist, dass man durch dieses System eine drei-dimensionale Sicht auf das Operationsfeld bekommt und dass die Greifarme eine 360-Grad-Rotation durchführen können“, erklärt Pauline Wimberger, stellvertretende Leiterin der Gynäkologischen Klinik des Universitätsklinikums Essen.

Durch diese präzise Arbeit der Greifarme, an die die benötigten Instrumente angedockt werden, können Blutverluste und Wundkomplikationen gering gehalten werden, sodass viele der Patienten nach der Operation schneller mobilisiert werden können. Ein Faktor, der in Zeiten starrer Fallpauschalen, auch eine Kostenersparnis für das Krankenhaus erbringt.

Robodoc scheiterte

Doch es lief nicht für alle Operationsroboter so gut wie für den DaVinci. Das Modell Robodoc wurde 2002 vom Markt genommen. Laut eines Artikels im „Spiegel“ mit dem Titel „Roboter außer Kontrolle“ wurde Robodoc nach zehn „Berufsjahren“ wegen großer Mängel verbannt. Patienten hatten per Sammelklagen Schmerzensgeld gefordert, weil sie seit Hüftoperation mit Robodoc unter großen Schmerzen leiden und gehbehindert sind. Mit DaVinci kann man Robodoc jedoch nicht vergleichen. „Wenn man OP-Roboter überhaupt klassifizieren kann, dann über den Autonomiegrad“, so Bernhard Kübler vom Institut für Robotic des deutschen Luft- und Raumfahrtzentrums (DLR).

DaVinci

Die Operationsvorbereitung nimmt mehr Zeit in Anspruch, da der Patient optimal an den Roboter angedockt werden muss. Im Notfall kann er innerhalb von Sekunden abgedockt werden. Foto: Janna Cornelißen

Bei DaVinci sei der Autonomiegrad gleich null, weil er nichts ohne die Steuerung des Arztes macht. Verlässt der Chirurg das Bedienpult, bleibt der Roboter stehen. Robodoc besaß aber einen hohen Grad an Selbstständigkeit. „Eingesetzt wurde er für den Einsatz künstlicher Hüftgelenke, da er eine Passgenauigkeit von über 90 Prozent erreichte“, so Kübler. Nach Berechnungen für den jeweiligen Patienten lief dann ein vorprogrammiertes „Fräßprogramm“ ab.

Bernhard Kübler glaubt nicht, dass Robodoc der Medizin einen schlechten Dienst erwiesen hat. Dieser Roboter wäre durch die schlechte Presse ins Abseits gedrängt worden und Langzeitstudien seien nicht erfolgt. Auch die medizintechnische Forschung hätte durch die Kritik an Robodoc starke Rückschläge erlebt. „Forschungsgelder wurden eingeschränkt oder gar ganz gestrichen, erst ab 2007 gab es wieder einen Aufschwung.“

DaVinci beim Militär

DaVinci hat bisher keine schlechte Presse bekommen. Die amerikanische Firma „Intuitive Surgical“ hat mit ihrem Roboter, der eigentlich für das Militär arbeiten sollte, eine weltweite Monopolstellung. „Jedes Unternehmen wird sich gut überlegen, ob es einen Konkurrenten auf den Markt bringen will. Die Patentklagen von „Intuitive Surgical“ kann ein Unternehmen nur überleben, wenn es wahnsinnig viel Geld hat“ , so Bernhard Kübler.

Instrumente

Die Instrumente für die Laparoskopie: bipolare Zangen und Skalpell. Der Roboter kann präzise Bewegungen ausführen, sodass vor allem feine Nervensysteme geschont werden. Foro: Janna Cornelißen.

Dabei lief es zu Beginn gar nicht so gut. Angedacht war es, DaVinci in Kriegsgebieten einzusetzen. Er sollte es den Ärzten ermöglichen auf Distanz zu arbeiten, um sich besser zu schützen. Dieser Plan ging aber nicht auf. Dann sollte DaVinci in der Herzchirurgie eingesetzt werden, um die belastende Brustöffnung zu vermeiden. Bis auf wenige Krankenhäuser, die den Roboter dafür einsetzen, konnte sich diese Technik aber nicht etablieren. Erst mit der Urologie fand DaVinci einen neuen Abnehmer. Vor allem die Prostataentfernung bei Männern wird vielfach mittels Roboterassistenz durchgeführt.

Einsatz in der Gynäkologie

Mittlerweile wird der Roboter in einigen Kliniken auch in der Gynäkologie verwendet. „Gerade stark übergewichtige Patientinnen profitieren enorm von der minimalinvasiven Technik mit DaVinci“, sagt Pauline Wimberger. Für rein diagnostische Zwecke sei der Einsatz aber zu teuer, dann verfährt man mit der normalen Laparoskopischen Technik oder dem herkömmlichen Bauchschnitt. Eines ist aber sowieso klar: Ein schlechter Chirurg kann seine handwerklichen Fähigkeiten mit dem Roboter nicht ausgleichen. Es bedarf vieler Übungseinheiten mit anschließender Zertifizierung, um die Technik zu beherrschen.

Bedienpult

Die Kamera im Körper des Patienten, liefert auf dem Monitor ein bis zu zehnfach vergrößertes Bild in HD-Qualität. Foto: Janna Cornelißen.

Rückkopplung von Widerständen fehlt

Was dem DaVinci noch fehlt, ist die Vermittlung von Gefühl. „Bei einer Operation ist es immer gut, wenn man auch Widerstände oder das pulsieren von Arterien fühlen kann“, sagt Pauline Wimberger. In der Forschung gibt es bereits Prototypen, die diesen Rückkopplungsmechanismus  besitzen.

Die Kosten seien natürlich auch nicht kleinzureden. Bei der Anschaffung muss man etwa 2,5 Millionen Euro für den Stahlkollegen auf den Tisch legen. Doch vor allem die Folgekosten sind enorm. Die Instrumente könne man nur zehn Mal benutzen, dann müsse man einen kompletten Satz bei der Firma bestellen, so Wimberger. Im Normalfall müssen die Patienten nichts zuzahlen. Einige Privatkliniken verlangen jedoch eine Selbstbeteiligung.

Wem es jetzt davor graut, dass bald Roboter im Alleingang an einem „herumdoktern“, kann vorerst beruhigt werden. „Es ist nicht unser Ziel, dass eine Operation ohne Ärzte durchgeführt wird. Die Kontrolle soll der Mensch behalten“, betont Bernhard Kübler.