Die Kunst im Smartphone

Kunst als unnahbare und hochtrabende Angelegenheit für Wenige? Nicht in Arnsberg im Sauerland. Mithilfe einer App hat die Stadt ihre Kunst digitalisiert. Objekte im öffentlichen Raum können nicht mehr nur analog mit einem Flyer vor Ort besucht werden, sondern auch von unterwegs mit dem Smartphone. Das Fazit nach dem Test: So könnte die digitale Kunstvermittlung der Zukunft aussehen.

Jahrelang bin ich in Arnsberg zur Schule gegangen und kenne die Stadt gut. Doch vor drei Jahren habe ich mitten auf einem Platz in der Stadt einen etwa 70 cm dicken Baumstumpf bemerkt. Zum ersten Mal, denn ich war mir sicher: Der war vorher noch nicht da und ein ausgewachsener Baum erst recht nicht. „Das ist Kunst!“, wurde ich später aufgeklärt. Aha, der abgesägte Baum ist also Kunst, aber mit einem scheinbar gewöhnlichen Stumpf kann ich überhaupt nichts anfangen. Kunstinteressiert bin ich zwar, aber den Zugang zum Kunstwerk finde ich nicht immer auf Anhieb, erst recht nicht ohne Hinweisschilder.

Die „Blitzaleiter-Anlage“ als weiteres Kunstwerk der Tour. Foto: Daniel Weber

Kunst sollte meiner Meinung nach den Impuls zum Weiterdenken ermöglichen. Für diesen Baumstumpf gab es so einen Impuls aber bisher nur durch einen Infoflyer, den die Stadt herausgegeben hat und den man sich extra im Kulturbüro oder der Tourist-Information abholen musste. Der abgesägte Baum ist nämlich eine von insgesamt elf Stationen, die Teil der sogenannten „Kunsttour“ von Arnsberg sind. Die Kunstwerke selbst sind nicht mit Tafeln oder Schildern gekennzeichnet, sodass man immer auf zusätzliche Informationen aus dem Flyer angewiesen war. Seit drei Monaten geht das Ganze aber auch anders: digital mit einer App.

So funktioniert die digitale Kunsttour

Die Idee hinter der App „Kunsttour-Arnsberg“ ist einfach: Hat man sie heruntergeladen, schaltet man Bluetooth ein und bewegt sich – gezielt oder planlos – durch die Stadt. Nähert man sich einem der Kunstobjekte, erhält man durch kleine, an den Kunstwerken angebrachte Sender, sogenannte Beacons, eine Push-Benachrichtigung. Öffnet man die Nachricht, findet man Wissenswertes zum Gegenstand. Es gibt nicht nur Texte, sondern auch die dazugehörigen Audioausgaben sowie Fotos und Videos, die die Kunstobjekte aus mitunter schwer erreichbaren Perspektiven zeigen. Auch mit Augmented Reality, also „ergänzter Wirklichkeit“ wird gearbeitet, sodass man durch 360°-Aufnahmen auch virtuell um das Kunstwerk herumlaufen kann, ohne direkt vor Ort zu sein. 

Beim Baumstumpf-Kunstwerk sieht die Erkundung in der App so aus:

Entscheidet man sich für den virtuellen Rundgang von Kunstwerk zu Kunstwerk ohne tatsächlich durch die Stadt zu laufen, könnte die Navigation in der App etwa wie in der Abbildung oben aussehen. Auf einem Stadtplan sind die verschiedenen Stationen der Kunsttour eingetragen und manuell auswählbar. Hinter der Nummer Drei verbirgt sich „History Apparatus“, wie der Baumstumpf mitten auf Platz heißt. Wählt man die Station aus, stehen im nächsten Schritt die bereits erklärten Optionen zur Auswahl, mit deren Hilfe man sich informieren kann. Der Stumpf stammt von einem 400 Jahre alten Kastanienbaum, der nachträglich in das Stadtbild eingefügt wurde. Als analoge Manipulation lässt er Betrachter sich die Ausmaße eines gewaltigen Baumes mit imposanter Krone vorstellen; der Effekt des Kunstwerks findet also in erster Linie im Kopf statt. 

Barrierefrei und ortsungebunden

Andreas Jansen (l.) und Ingo Männer stellen ihre App vor. Foto: Pressestelle Arnsberg

Für Ingo Männer, einen der App-Entwickler, „ist eine App kein Ersatz für etwas, sondern eher eine Erweiterung“ – dementsprechend freut er sich, dass durch diese digitale Tour auch ein größerer Personenkreis angesprochen wird. Gerade junge Leute und Menschen mit Beeinträchtigungen sollen die Kunst in der Öffentlichkeit so erleben können, wie es ihnen am besten passt. Die Kunst solle durch die App „weniger elitär“ und für möglichst viele Menschen erreichbar sein.

Gleichzeitig stellt die App einen Ansatz dar, in der Kunst- und Wissensvermittlung neue Wege zu beschreiten. Im Museumsbereich etwa bestehe laut Männer die Möglichkeit, den visuellen Eindruck von Ausstellungsstücken und klassischen Lesetafeln mithilfe neuer technischer Hilfsmittel zu erweitern. Ihm ginge es darum, eine spannende Interaktion zwischen den Menschen und dem Gezeigten herzustellen – frontale Wissensvermittlung sei weder effektiv noch zukunftsweisend.

Die Köpfe hinter der App

Digitalisierung findet nicht nur in Großstädten statt

Eine Frage hat sich mir aber noch gestellt: Warum ausgerechnet Arnsberg? Warum geht man mit einer App aufs Land, und nicht beispielsweise in eine große Stadt wie Köln? Die Antwort: Zum einen hatte Arnsberg mit seiner Kunsttour schon ein bestehendes Projekt, das nicht erst entwickelt werden musste. Somit konnte bei der Entwicklung der App auf das bereits vorhandene Konzept und bestehende Netzwerke zurückgegriffen werden. Zum anderen war es Arnsberg und dem Start-Up-Unternehmen wichtig, die Digitalisierung ein Stück weit auch in die Provinz zu bringen. Mit seiner räumlichen Nähe zu größeren Städten wie Dortmund, Essen und Münster hat Arnsberg quasi permanent vor Augen, wie das digitale Leben auch im städtischen Bereich fortschreitet. So bietet etwa die Stadt Essen die App ESSEN.Erfahren an, mit der man die Radrouten der Metropole erkunden kann. 

Eine digitale Kunsttour ist aber etwas Neues und, wie ich finde, Zukunftsweisendes für die Vermittlung von Wissen. Natürlich spricht auch die App in erster Linie Menschen an, die sowieso schon Interesse an Kunst haben und gerne mit dem Smartphone unterwegs sind. Wer generell keinen Spaß an Kunst hat, wird durch die App mit Sicherheit nicht zum Kunstliebhaber konvertieren – und ein Must-Have als Summer-Gadget 2017 ist diese App wahrscheinlich auch nicht. Sie ist viel eher eine sinnvolle Erweiterung, wenn es darum geht, mit Kunst in Kontakt zu kommen und sich mit ihr auseinanderzusetzen. Und es muss ja auch nicht bei Kunst bleiben: Wissen umgibt uns in unserem Alltag überall, und die Weitergabe via Smartphone ist nun einmal das Konzept der Zukunft – indivduell auf den Nutzer zugeschnitten und durch die neuen Technologien oft spannender als in analoger Form. 

 

Beitragsbild und Screenshots aus der App: Daniel Weber

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