Willkommen im Hotel Mama

Jeder zweite Europäer zwischen 18 und 29 wohnt bei seinen Eltern. Gerade in den wirtschaftlich angeschlagenen Staaten Südeuropas ist es üblich bei der Familie zu bleiben. Meistens sind die „Daheimbleiber“ Männer. Die Hauptgründe: Finanzielle Not und eine enge Bindung an die Familie. Das zeigt eine Studie zur sozialen Situation von jungen Menschen der europäischen Stiftung Eurofound. Doch auch hierzulande entscheiden sich viele junge Menschen dagegen,  zum Studium den Weg in die erste eigene Wohnung oder WG anzutreten – so auch Alexander.

Für manche Studenten markiert das Studium den Übergang in eine neue Lebens-, aber in keine neue Wohnphase: Die Eltern bleiben in direkter Reichweite. Im Jahr 2011 lebten laut der Eurofound-Studie rund 23 Prozent der deutschen Studenten bei den Eltern – Alexander Bönn ist einer von Ihnen. Er ist 22 Jahre alt, studiert Chemieingenierwesen, und entschied sich bewusst bei seinem Vater und seiner Mutter mitten in Dortmund wohnen zu bleiben.

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Alexander Bönn wohnt mit seinen Eltern mitten in Dortmund in einer Zweietagenwohnung.

Zu Hause Wohnen bleiben? Alexander kann die Entscheidung hierfür rational begründen:

Alexander kann bei seinem kranken Vater sein und spart Geld. Er findet: Noch bei den Eltern zu wohnen, hat gute und schlechte Seiten. Dabei kennt er die Vor- und Nachteile nur zu gut:

Sich als Kind oder Jugendlicher mal mit den Eltern zu streiten, ist für viele normal. Als Erwachsener begegnet man seinen Eltern jedoch gewöhnlich auf Augenhöhe. Zu Streit und Konflikten kann es trotzdem kommen – gerade wenn man noch mit den Eltern zusammen wohnt.

Alexander Bönn nennt eine ganze Etage sein eigen. Fotos: Annabell Brockhues

Kein kleines WG-Zimmer: Alexander Bönn nennt eine ganze Etage sein eigen. Fotos: Annabell Brockhues

Auch wenn Mutter und Vater ständig in Alexanders Nähe sind; der 22-Jährige führt ein eigenständiges Leben. Vor zwei Jahren ist er aus seinem Kinderzimmer in das ausgebaute Wohnzimmer gezogen. Ihm gehören jetzt mehr als 30 Quadratmeter auf einer eigenen Etage.

Auch wenn Alexander mit dem Umzug ein Stockwerk höher seine Kindheitswelt verlassen hat, konnte er sich von einigen Erinnerungsstücken doch nicht trennen:

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Der Gorilla aus dem Kindergarten wurde zwar in eine Ecke verbannt – durch seine Größe ist das überdimensionale Kuscheltier aber immer noch präsent.

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Neben seiner Schallplattensammlung, Klassikern und Uni-Büchern finden auch diese alten Schätze ihren Platz: In den lustigen Taschenbüchern von Mickey Mouse und Donald Duck blättert Alex gelegentlich noch heute.

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Kein Kinderprogramm: Alexanders Kühlschrank ist voll mit Bier – „so, wie es sich für einen richtigen Studenten gehört“, sagt er. Ein eigener Kühlschrank, Mikrowelle und ein kleines Bad machen Alexander ziemlich unabhängig von seinen Eltern. Ein Familienleben mit gemeinsamen Kochen oder Abenden zu dritt? Das gibt’s hier nicht.

Alexanders Mutter schmeißt den ganzen Haushalt. Dafür ist Alexander der Handwerker im Haus: Das Reparieren des PCs, Tapezieren oder einfach mal das Auswechseln von Glühbirnen sind dann sein Job. Doch seine Hauptarbeit ist natürlich die Uni. Alexander ist jetzt im sechsten Semester, der Bachelor naht. Ausziehen möchte er in naher Zukunft aber vorerst nicht.

Alexander fühlt sich wohl in seiner Rolle als Nesthocker und sieht dabei keine Nachteile für sich. Experten gehen aber davon aus, dass zu langes Wohnen bei den Eltern sich auf die eigene Entwicklung nachteilig auswirken könne.

Seite 2: Expertengespräch: Wie wir uns entwickeln, wenn wir im Nest hocken bleiben.

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