Inflation schadet Studenten

In keinem anderen europäischen Land ist die Angst vor einer Inflation so groß wie in Deutschland. Der Grund liegt in der Vergangenheit, denn zwei Mal haben die Deutschen seit den 1920er Jahren ihr komplettes Vermögen verloren. Bei jungen Menschen gerät das allerdings zunehmend in Vergessenheit. „In der jüngeren Generation ist das Thema Inflation nicht mehr präsent“, bestätigt der Essener Inflationsexperte Wim Kösters. Erstaunlicherweise haben im Laufe der Geschichte besonders Studenten vom Zerfall der Währung profitiert.

Alles, was Experten für kommende Inflationsraten für möglich halten, ist im Spiegel der Vergangenheit winzig. Zehn Prozent Inflation jährlich? Lächerlich! Während der sogenannten Hyperinflation in der Weimarer Republik verlor die Mark mehrere tausend Prozent an Wert – pro Tag. Kostete ein Briefporto Anfang 1918 noch 15 Pfennig, waren es im November 1923 eine Milliarde Mark. Ein US-Dollar entsprach damals 4,2 Billionen Mark. Heute sprechen Ökonomen bereits ab einem jährlichen Preisverfall von fünf Prozent von einer starken Inflation.

Zwei Währungsreformen traumatisierten die Deutschen

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Prof. Dr. Carl-Ludwig Holtfrerich von der FU Berlin: "Studenten haben von der Hyperinflation in Weimar profitiert." Foto: FU Berlin

Hauptauslöser dieser Entwicklung war die Niederlage des Deutschen Reiches im ersten Weltkrieg. Die Regierung musste hohe Reparationszahlungen vor allem an Frankreich leisten und schmiss dafür einfach die Notenpresse an. Es wurde Geld gedruckt, obwohl es dafür keinen Gegenwert gab. „Darüber hinaus kämpfte die Weimarer Republik ums Überleben. Widerstände von rechts gefährdeten die öffentliche Ordnung. Es ging darum, die Demokratie zu verteidigen“, sagt Carl-Ludwig Holtfrerich, Wirtschaftshistoriker am John-F.-Kennedy-Institut der FU Berlin. Nach beiden Weltkriegen kam es zu einer Währungsreform. „Die Deutschen haben zwei Mal 90 Prozent ihres Vermögens verloren. Dieser Schock sitzt bei älteren Menschen bis heute tief“, sagt Wim Kösters.

Die Geldexzesse der 1920er Jahre hinterließen auch in der deutschen Bildungspolitik ihre Spuren. Zu den Verlierern an Hochschulen gehörten besonders Akademiker in Beamtenpositionen des höheren Dienstes, also vor allem Professoren. „Ihre Gehälter wurden nicht der Inflation angepasst, weshalb sie real stark an Kaufkraft verloren. Das trug zu ihrem relativ geringen Eintreten für den Erhalt der Weimarer Republik bei“, berichtet Holtfrerich. Ein Universitätsprofessor habe letztlich nur noch das doppelte eines Briefträgers verdient. 1914 war es noch das Sechsfache.

Umfrage zur Angst vor Inflation in Deutschland
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Interview HoltfrerichDie zweite Verlierergruppe war der wissenschaftliche Nachwuchs, der promovieren oder sich habilitieren wollte. Im Kaiserreich gab es noch keine Wissenschaftlichen Mitarbeiter, weshalb zumeist nur Menschen mit einem hohen Privatvermögen eine akademische Laufbahn einschlagen konnten. Weil die Vermögen aber an Wert verloren, konnten immer weniger Menschen wissenschaftlich arbeiten. „Als Reaktion darauf wurden Assistenten- und Wissenschaftliche Mitarbeiter-Stellen an den Hochschulen eingeführt, damit sich der wissenschaftliche Nachwuchs mit solchen Stellen an der Universität ein Arbeitseinkommen verschaffen konnte“, erklärt Holtfrerich. Die große Nachkriegsinflation sei so etwas wie die Geburtsstunde des wissenschaftlichen Mittelbaus gewesen.

Interview KöstersStudenten haben hingegen von der massiven Geldentwertung profitiert. Anders als im Ausland kam es in Weimar nämlich zu einer Vollbeschäftigung, wodurch sich Studenten mit einem Nebenjob ihr Studium finanzieren konnten. Gleichzeitig wurden die Studiengebühren, die im Kaiserreich noch extrem hoch gewesen waren, nicht an die Inflationsraten angepasst. Ein Studium war somit nicht mehr nur für die höheren Schichten erschwinglich.

Dennoch weckt eine Inflation in Deutschland immer noch böse Erinnerungen. Wie sehr Medien und Politik heute noch mit dieser Angst spielen, lest Ihr auf Seite drei.

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