„Die Gefahr einer Entgleisung besteht nicht mehr“

Der Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich sagt, dass die Erinnerung an zwei Währungsreformen bis heute die deutsche Angst vor der Inflation begründet. Doch aus historischer Perspektive müssen sich vor allem Studenten nicht vor einer Inflation fürchten: Die haben in der Geschichte nämlich enorm vom Zerfall des Geldes profitiert.

pflichtlektuere: Mit Beginn des Ersten Weltkrieges schmiss die deutsche Regierung die Notenpresse an, um den Krieg und später die Reparationen an Frankreich, Großbritannien und andere europäische Siegermächte finanzieren zu können. Heute wird befürchtet, dass die EZB eine Inflation in Kauf nimmt, damit sich Euro-Krisenstaaten entschulden können. Gibt es Parallelen in diesen beiden Entwicklungen oder sind die Rahmenbedingungen zu verschieden?

Der Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich findet die deutsche Inflationsangst übertrieben. Foto: FU Berlin

Der Wirtschaftshistoriker Carl-Ludwig Holtfrerich findet die deutsche Inflationsangst übertrieben. Foto: FU Berlin

Carl-Ludwig Holtfrerich: Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges mit der Niederlage des Deutschen Kaiserreichs kamen ungeheure Lasten auf die damalige Regierung zu. Die Reparationen, die vor allem an Frankreich gezahlt wurden, waren extrem hoch. Die Weimarer Republik musste beispielsweise den Großteil der Handesflotte abliefern. Zudem ging Elsass- Lothringen und damit viel Industrie verloren. Die Fabrikbesitzer, die dort produziert hatten, wurden quasi enteignet und mussten von der Regierung entschädigt werden. Da musste der Staat Schulden machen, weil die Steuereinnahmen zur Tilgung der Zahlungsverpflichtungen nicht ausreichten. Die Weimarer Wirtschaft erreichte erst 1928 das Vorkriegsniveau.
Darüber hinaus kämpfte die Weimarer Republik ums politische Überleben. Widerstände von rechts gefährdeten die öffentliche Ordnung. Es ging darum, die Demokratie zu verteidigen. Das ist heute ganz anders. Wir haben in Europa eine starke Wirtschaft, gerade in Deutschland.

Wie reagierte die Reichsregierung zwischen 1914 und 1923 auf die Inflation? Wie wirkte sich die Inflation etwa auf die Bildungspolitik aus?

Bildungspolitik war auch damals schon Ländersache und damit nicht einheitlich. Ein Problem bestand allerdings überall: Die Gehälter der Beamten wurden nicht der Inflation angepasst – und damit verloren Akademiker in Beamtenpositionen des höheren Dienstes real besonders stark an Kaufkraft. Das trug zu ihrem relativ geringen Eintreten für den Erhalt der Weimarer Republik bei, auch in der Professorenschaft.
Schlecht war die Situation auch für den Hochschulnachwuchs, der promovieren oder sich habilitieren wollte. Im Kaiserreich gab es noch keine Wissenschaftlichen Mitarbeiter wie heute,weshalb zumeist nur Menschen mit einem hohen Privatvermögen eine akademische Laufbahn einschlagen konnten. Daher stammt die Bezeichnung „Privatdozent“, für einen habilitierten Wissenschaftler, der ohne Bezahlung verpflichtet war, Lehrveranstaltungen durchzuführen. Man sprach in der Großen Nachkriegsinflation auch von der „Not der geistigen Arbeit“, weil die Geldvermögen, von denen Wissenschaftler vor ihrer ersten Berufung auf eine Professorenstelle meist lebten, von der Inflation entwertet worden waren. Als Reaktion darauf wurden Assistenten- und Wissenschaftliche Mitarbeiter-Stellen an den Hochschulen eingeführt, damit sich der wissenschaftliche Nachwuchs mit solchen Stellen an der Universität ein Arbeitseinkommen verschaffen konnte. Die Große Nachkriegsinflation war die Geburtsstunde des Wissenschaftlichen Mittelbaus.

Wie wirkte sich die Inflation auf die Universitäten aus?
Sie haben die Gehälter ihrer Mitarbeiter nicht voll an die Inflation angepasst. Die obere Beamtenschicht hat unter der Inflation sehr gelitten. Weil die Einkommensschere zusammenklappte, verdiente ein Ministerialrat oder Universitätsprofessor letztlich nur noch etwa das Doppelte eines Briefträgers statt etwa das Sechsfache vor 1914. Studenten hingegen haben von der Geldentwertung enorm profitiert. Zum einen, weil die Große Inflation in den Anfangsjahren der Weimarer Republik zu einer Vollbeschäftigung führte, während im westlichen Ausland 1920-1921 eine Deflation und Depression mit hoher Arbeitslosigkeit virulent war, die man vor der Erfahrung der noch größeren nach 1929 in den zwanziger Jahren als „die Große Weltwirschaftkrise“ bezeichnete. Die deutsche Vollbeschäftigung ermöglichte es vielen Studenten seit 1919, mit einem Nebenjob das Studium zu finanzieren.
Zum anderen, weil nun auch Menschen aus unteren Gesellschaftsschichten ein Studium aufnehmen konnten. Im Kaiserreich waren die Studiengebühren hoch und somit für viele nicht bezahlbar. Da die Studiengebühren allerdings nicht an die Inflation angepasst wurden, war ein Studium nun für viele erschwinglich geworden. Das war auch bewusste Politik z.B. der neuen links-liberalen Koalitionsregierung im Land Preußen, mit zwei Dritteln der Bevölkerung und des Territoriums der mit Abstand größte Einzelstaat des Deutschen Reiches.

Es wird gesagt, dass die zwei großen Nachkriegsinflationen die Deutschen traumatisiert hätten. Ist das noch zeitgemäß oder unterscheiden sich die Deutschen heute nicht mehr stark von anderen Völkern?

Inflationsangst ist in den 1950er Jahren bewusst geschürt worden, damit die Bevölkerung die restriktive Geldpolitik der Bank deutscher Länder, dem Vorläufer der Deutschen Bundesbank bis 1957 akzeptiert. Eine geringe Inflationsrate wurde auch durch relativ geringe Steigerungen der Lohn-Stück-Kosten – wegen maßvoller Lohnsteigerungen bei sehr hohen Produktivitätsfortschritten – erreicht. Das hat entscheidend zur Entwicklung der starken internationalen Wettbewerbsposition Westdeutschlands seit den 50er Jahren beigetragen. Und heute ist das nicht anders: Von der großen Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre hat die deutsche Wirtschaft gegenüber den anderen Ländern des Euroraums in Form einer hohen Beschäftigungsquote stark profitiert. Der Motor waren die auch gegenüber der „Wirtschaftwunderzeit“ der 1950er und 1960er Jahre extrem hohen Leistungsbilanzüberschüsse der Bundesrepublik.

Und diese Erinnerung soll bis heute Ängste wecken?

Wegen dieser positiven Erfahrungen und der stets wachgehaltenen Erinnerung der Deutschen an zwei große Enteignungen von Geldvermögen nach dem Ersten und nach dem Zweiten Weltkrieg ist die Inflationsangst in Deutschland in der Tat extrem hoch. Deutschlands wirtschaftliche Depression seit 1929 war im Vergleich zu den USA relativ kurz. In den USA ist das ganz anders: Dort hat es Währungszerrüttungen noch nicht gegeben. Die Amerikaner fürchten mehr eine Deflation als eine Inflation – in Erinnerung an die „Great Depression“ von 1929-1939. Meines Erachtens lagen alle großen Zentralbanken der Welt, also auch die EZB, mit ihrer lockeren Geldpolitik richtig. Denn es ging seit dem Ausbruch der Finanz- und Wirtschaftskrise 2007/2008 darum, eine drohende Deflation – wie während der Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre mit Massenarbeitslosigkeit – nicht entstehen zu lassen, sondern zu verhindern. Und genau das ist weitgehend gelungen, wenn man von den jetzigen Krisenstaaten im Euroraum absieht. Aber selbst hier hat die Ankündigung des EZB- Präsidenten Mario Draghi im September 2012, deren Staatsanleihen unbegrenzt aufzukaufen, um den Euro zu verteidigen, zu einer deutlichen Verbesserung der Situation geführt, ohne dass die EZB bis heute irgendeine dieser Krisenanleihen aufgekauft hat.

Glauben Sie, dass sich aus der Geschichte Erkenntnisse für heute ableiten lassen?
Vieles ist sicher nicht mehr auf heute zu übertragen. Die Gefahr einer Entgleisung etwa, wie sie in der Weimarer Republik zu beobachten war, ist heute nicht mehr gegeben. Ich halte die Ängste der Deutschen ohnehin für völlig verkehrt, da sie in die falsche Richtung gehen, nämlich in Richtung Inflation, während in Wirklichkeit eine Deflation droht.

Wie meinen Sie das?

Die Geldmenge der Zentralbanken ist nur noch ein Bruchteil der gesamten Geldmenge. Der Großteil ist sogenanntges Buchgeld. Es liegt auf Girokonten, Tagesgeldkonten, Terminkonten, Sparkonten usw. Deren Wachstum hängt vor allem von der Kredtivergabe der Banken ab. Banken vergeben aber seit dem Ausbruch der Finanzkrise im Sommer 2007 viel weniger Kredite als zuvor, weshalb das Wachstum der Geldmenge viel geringer ist als vor der Krise. Wenn die EZB mit ihrer Zentralbankgeldmenge und Niedrigzinspolitik nun eine expansive Geldpolitik betreibt, dann verhindert sie damit, dass die gesamte Geldmenge schrumpft und wir es mit einer Deflation zu tun bekommen.

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