Christopher Street Day – Bunte Party oder Gedenktag?

Heute (28.Juni) vor 48 Jahren begann 1969 in New York die Protestbewegung Homosexueller gegen Diskriminierung und Ausgrenzung in der Gesellschaft. Seitdem wird an diesem Tag jährlich ein Gedenktag gefeiert: der Christopher Street Day. Zeitgleich zu diesem historischen Ereignis hat Kanzlerin Angela Merkel aktuell die Abstimmung über die „Ehe für alle“ freigegeben. Diesen Diskurs mussten sich Homosexuelle jahrelang erkämpfen. 

Noch vor vier Jahren gestand Merkel im Bundestagswahlkampf, dass sie sich schwer mit der Ehe für alle tue. Im Interview mit der Zeitschrift „Brigitte“ am 26. Juni 2017 distanzierte sie sich plötzlich von ihrem bisher standhaften „Nein“ zur gleichgeschlechtlichen Ehe. Die Grünen, die Linke und die FDP haben sich im Bundeswahlkampf aktiv für die Homo-Ehe eingesetzt, während sich die Union dagegen ausgesprochen hat. Die SPD setzte Merkel unter Druck, indem sie verkündete, notfalls ohne die CDU über die Ehefrage abstimmen zu lassen. Merkel ebnete nun den Weg für die komplette Gleichstellung, indem sie den Fraktionszwang in der Union für die von der SPD geforderte Abstimmung aufhob. Es gehe bei der Abstimmung um eine Gewissensentscheidung, sagte Merkel. Daher könne jeder Abgeordnete frei entscheiden, ob er für die Ehe homosexueller Paare stimme. 

In den Niederlanden wurde bereits im April 2001 gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht zugesprochen, zu heiraten. Damit hat das Königreich eine weltweite Vorreiterrolle eingenommen. Daraufhin schlossen sich 17 weitere Staaten dem niederländischen Beispiel an, darunter auch Belgien. Irland ließ im Mai 2015 die Entscheidung über die Eheschließung homosexueller Paare als erstes Land per Volksentscheid treffen. 

Gegen die Willkür der Polizei

Der mittlerweile tendenziell liberalen Entwicklung in vielen Regionen der Welt sind etliche Jahrzehnte vorangegangen, in denen Homosexuelle für ihre Rechte gekämpft haben. Der Christopher Street Day – kurz CSD – ist ein Straßenfest, bei dem für die Rechte Homosexueller demonstriert wird. Er hat sich inzwischen weltweit etabliert und soll an den ersten bekanntgewordenen Aufstand von Homosexuellen gegen die Polizeiwillkür in der New Yorker Christopher Street am 28. Juni 1969 erinnern. 

Der New Yorker Sommer 1969 wurde beflügelt durch die seit Jahren immer heftigeren Protestbewegungen der Nachkriegsgeneration. Die Menschen protestierten gegen den Vietnamkrieg, Atomwaffen und auch für die freie Liebe. Der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung wurde offen geäußert – Homosexualität war bisher kein Grund, auf die Straße zu gehen. Schwule und Lesben hatten aber nur wenige Orte, um sich auszuleben. Dazu zählten einige Bars in den Küstenmetropolen. 

Zu diesen Bars gehörte auch das „Stonewall Inn“ in der New Yorker Christopher Street. Bei Besuchen der Bar mussten Gäste immer wieder mit Razzien und öffentlichen Erniedrigungen rechnen, berichtete Bestsellerautor und LBGT-Aktivist (Anmerkung der Redaktion: Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender) Perry Brass der Bundeszentrale für politische Bildung.

Historischer Ort in der Geschichte Homosexueller: das „Stonewall Inn“ in der Christopher Street in New York. Foto: flickr.com/MicheleMerkelConnors lizenziert nach Creative Commons

Geburtsstunde einer politischen Bewegung

Als er am Morgen des 28. Juni 1969 vor dem „Stonewall Inn“ eintraf, hatte der gewaltsame Aufstand gegen eine Razzia schon seinen Höhepunkt erreicht. Die Protestanten ermutigten sich mit Sprechchören wie „Gay Power, Gay Power“ gegenseitig, den vielen Polizisten standzuhalten und bewarfen die Beamten mit allen Dingen, die sie zur Verfügung hatten, wie beispielsweise mit Pferdeäpfeln. Acht Polizisten verbarrikadierten sich in der Bar, woraufhin die aufgebrachten Protestanten versuchten, die Tür aufzubrechen. Eine Spezialeinheit der Polizei konnte die Lage später unter Kontrolle bringen.

In der folgenden Nacht flammten die Proteste jedoch erneut auf. Über die Jahre hatte sich in der Szene ein ziemlicher Ärger aufgestaut. Und der entlud sich jetzt mit voller Wucht, kommentierte Perry Brass die Protestbewegung. 

Im Anschluss an die Unruhen von Stonewall gründeten sich erste politische Gruppen in New York, wie beispielsweise die Gay Liberation Front, die Toleranz und mehr Rechte einforderte. Es fanden weiterhin Razzien statt, aber die Gegenbewegung war bereits in Gang gesetzt worden. Auch die Medien griffen das Thema auf und die Homosexuellen nahmen die Razzien nicht mehr so stillschweigend hin wie früher. 

Um die Erinnerung an den ersten Jahrestag des Aufstandes aufrechtzuerhalten, wird in New York seitdem jährlich immer am letzten Samstag im Juni der Christopher Street Liberation Day mit einem Straßenumzug gefeiert. Der Gedenktag entwickelte sich in den folgenden Jahren zu einer internationalen Tradition. In Deutschland fanden 1979 in Berlin und Bremen die ersten Demonstrationen unter dem Namen CSD statt.

Christopher Street Days 2017 in NRW

9. Juli: Köln 

  • Motto: „Nie wieder“
  • 2002 (als Europride) mit 1,2 Millionen Beteiligten zum ersten Mal mehr Besucher als der Rosenmontagszug und war damit der bisher größte CSD in Europa
  • Demo startet um 12 Uhr auf Deutzer Brücke
  • CSD-Straßenfest ist eine Mischung aus Party und Bühnenauftritten mit insgesamt einem 60 Stunden andauernden Programm
  • Veranstalter: Kölner Lesben- und Schwulentag e.V.
  • http://www.colognepride.de/de/home/

15. Juli: Mönchengladbach 

  • Motto: „Unsere Alternative heißt Liebe“
  • In diesem Jahr erst der dritter CSD der Stadt
  • Veranstalter: CSD Mönchengladbach e. V.
  • https://www.csd-mg.de/

29. Juli: Duisburg 

  • Motto „No hate area – Liebe macht keinen Unterschied“
  • Zum 15. Mal Duisburger CSD
  • Veranstalter: Verein DUGay e.V. – Verein Duisburger Lesben und Schwule
  • http://dugay.de/csd-2017/

29. Juli: Siegen 

  • Im Jahr 2000 wird in Siegen erstmals ein eigener kleiner CSD veranstaltet: eine Party in den Räumen und im Garten einer Szene-Diskothek in Siegen-Geisweid
  • Veranstalter: CSD Siegen e.V.
  • Demo ab 12 Uhr, Start- & Zielpunkt: Scheinerplatz
  • http://www.csd-siegen.de/home/

4./5. August: Essen (Ruhr CSD)

  • Ort: Kennedyplatz
  • Veranstalter: ruhrPRIDE e.V.
  • Immer am 1. August-Wochenende mit etwa 12.000 Gästen aus der gesamten Region
  • http://www.ruhr-csd.de/

26. August: Münster

9. September: Dortmund 

  • Größter CSD Deutschlands, jedes Jahr mehr als 10.000 Besucher
  • Veranstalter: Dachverband der Lesben-, Schwulen- und Transidentenvereine in Dortmund – SLADO e.V.
  • Ort: Friedensplatz
  • Zum 21. Mal, seit 1991, ältester CSD im Ruhrgebiet
  • http://www.csd-dortmund.de/

Der Christopher Street Day sollte ursprünglich eine Demonstration für die Rechte von Schwulen und Lesben darstellen. Heute wird auch von Homosexuellen selbst immer wieder kritisiert, dass er seinen ursprünglichen Charakter verloren habe. Die feiernde, leichtbekleidete Masse, die zu wummernden Bässen tanzt, habe nichts mehr mit der eigentlichen Intention des Tages zu tun. Aus diesen Gründen lehnte auch Judith Butler, US-amerikanische Philosophin und Philologin, den Preis für Zivilcourage ab, der ihr in Berlin auf dem CSD hätte verliehen werden sollen.

Diese Veränderung der Wahrnehmung beobachtet auch Heiko Taissen vom Autonomen Schwulenreferat der TU Dortmund. Er war vergangenes Jahr auf den CSDs in Köln und Dortmund. 

Das sagt Heiko Taissen vom Autonomen Schwulenreferat TU Dortmund

Welche Eindrücke hast du auf dem CSD bekommen?

Heiko Taissen: Ich war in Köln und Dortmund auf den CSDs. Die waren beide sehr unterschiedlich. In Köln sind die meisten CSD-Besucher eher Paradiesvögel. Viele wollen auch absichtlich alle Klischees – wie das der nur halbbekleideten Schwulen erfüllen – und tragen diese auch nach außen. „Normale“ Leute trifft man in Köln eher weniger. Der Dortmunder CSD war viel gesitteter. Da gab es vorwiegend Aufklärungsstände sowie Stände von Parteien und Verbänden.

Erfüllt deiner Meinung nach der CSD noch seine ursprüngliche Intention?

Heiko Taissen: Eigentlich nicht. Die Leute wollten in Köln hauptsächlich Party machen. Ich glaube auch, dass mit mehr gesellschaftlicher Akzeptanz das Gefühl abnimmt, dass man so für seine Rechte kämpfen muss.

Findest du, dass es sich weiterhin lohnt, zum CSD zu gehen?

Heiko Taissen: Ich finde es auf jeden Fall interessant, das einmal mitzubekommen, wenn man vorher noch nie dabei war. Es ist als Homosexueller wichtig, hinzugehen und Farbe zu bekennen, damit nicht nur die Klischees in den Köpfen der Öffentlichkeit festsetzen. Wenn mehr Leute einfach nur hingehen, um sich zu zeigen, kann vielleicht auch das Abdriften in die Partyszene aufgehalten werden. 

Siehst du eine bessere Alternative zum CSD, um die Rechte von Homosexuellen zu vertreten?

Heiko Taissen:  Eine Alternative sehe ich nicht. Der CSD hat ja durchaus seine geschichtliche Begründung. Daher ist es gut, dass er an diesem Tag stattfindet.  

Beitragsbild: flickr.com/mathiaswasik lizenziert nach Creative Commons

Thinglink-Weltkarte: Flickr.com/OwenBlacker lizenziert nach Creative Commons

 

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