„Sehenden Auges“ – Christoph Bölls Hommage an Max Imdahl

Eine Büste von Giacometti, eine große Tanne, Richard Serras Skulptur „Terminal“ und ein tanzender Mann werden abwechselnd zu rhythmischen Klängen einer Percussion in Christoph Bölls Kurzfilm gezeigt. An manchen Stellen werden die Bilder überblendet: Aufgrund der ähnlichen Form scheint sich ein Gegenstand aus dem anderen zu generieren, ihre Strukturen überschneiden sich. Fast acht Minuten lang werden dem Zuschauer die sich ständig wiederholenden Bilder gezeigt, die unser Sehen und Wahrnehmen von Gegenständen und insbesondere von Kunst thematisieren.

Hommage an den Kunsthistoriker Max Imdahl

Der Bochumer Filmemacher Christoph Böll präsentierte in der Unibib der RUB erstmalig Ausschnitte aus seinem Filmprojekt „Sehenden Auges“, in dessen Mittelpunkt der Kunsthistoriker Max Imdahl (1925-1988) steht.

Der Bochumer Filmemacher Christoph Böll präsentierte in der Unibib der RUB erstmalig Ausschnitte aus seinem Filmprojekt „Sehenden Auges“, in dessen Mittelpunkt der Kunsthistoriker Max Imdahl (1925-1988) steht.

Christiph Bölls filmische Laufbahn begann im Studienkreis Film an der Ruhr-Uni Bochum. Sein Film Der Sprinter (1983/84) gewann als erster deutscher Film den Großen Preis auf dem Komödienfestival in Vevey. Darüberhinaus drehte Böll zahlreiche Filme, die in der ARD, auf 3sat oder arte jahrelang gezeigt wurden.

Nun präsentierte Böll an seiner früheren Wirkungsstätte erstmalig Ausschnitte seiner aktuellen Arbeit Sehenden Auges, eine Hommage an den Kunsthistoriker Max Imdahl. Interviews mit Freunden und Kollegen des Kunsthistorikers sowie Bilder der Museumsanlage „Situation Kunst“ und der dort ausgestellten Kunstwerke erlauben einen Einblick in Imdahls Denkweise und Zugang zur Kunst. Imdahl war der erste Lehrstuhlinhaber für Kunstgeschichte an der 1964 gegründeten Ruhr-Universität Bochum. Sein besonderer Verdienst liegt in der intensiven Beschäftigung mit moderner Kunst, die zu seiner Zeit noch nicht als geschichtswürdig angesehen wurde. In Auseinandersetzung mit dieser entwickelte er eine neue Rezeptionsmethode, die auf unmittelbarer Anschauung basiert. Durch Erkennen der Bildstrukturen und nicht durch fachliches Vorwissen über Bildgegenstände und Kontext soll der Betrachter das Werk analysieren. Durch intensive Augenarbeit könne auch ein Laie ein Kunstwerk erschließen.

Kunst erfahren – sich erfahren

Imdahls Wunsch, den Menschen Kunst näherzubringen veranlasste ihn, auf dem Campus der Ruhr-Universität Bochum die Kunstsammlungen zu gründen. Arbeiten unterschiedlichster Materialien, Epochen und Künstler werden dort ausgestellt. So fanden dort sowohl antike Skulpturen als auch Arbeiten renommierter zeitgenössischer Künstler ihren Platz. Imdahls Vorhaben blieb jedoch nicht nur auf den Campus begrenzt: 1979 kaufte die Stadt Bochum trotz Protesten von Seiten der Bochumer Bürger Richard Serras Stahlskulptur Terminal und installierte diese vor dem Bochumer Bahnhof. Wie aus den von Böll gezeigten Interviews hervorgeht, hatte sich vor allem auch Imdahl für die Installierung der Skulptur eingesetzt. Dass es teilweise sehr schwierig war, die Menschen für dieses Werk und generell für zeitgenössische Kunst zu begeistern zeigt eine Sequenz aus Bölls Film, die einen O-Ton aus der Radiosendung des WDR „Hallo Ü-Wagen“ einspielt: Eine in der monumentalen Skulptur stehende Frau antwortet auf die Frage, wo sie sich denn gerade befände, „in einem Haufen Schrott“.

Situation Kunst – Für Max Imdahl

In Erinnerung an Imdahls Engagement entstand in den achtziger Jahren angrenzend an das Parkgelände von Haus Weitmar in Bochum die Museums-Anlage, „Situation Kunst“, die unter anderem Arbeiten von Dan Flavin, Arnulf Rainer, Ad Reinhardt und Maria Nordman präsentiert.

Nordmans Room with two doors (1989) spielt eine Hauptrolle in einem der Kurzfilme Bölls. „Wann darf ich gehn“ ist der Titel des Films, der zwei Menschen zeigt, wie sie den dunklen Raum erfahren. Durch die Türen kommend werden sie zu Lichtgestalten, die sich im Raum begegnen. Singend und erzählend durchschreiten sie die Räumlichkeit und erfahren dabei die von ihnen verursachten Geräusche und ihre eigene Existenz in der Dunkelheit des leeren Raumes.

Der Bochumer Filmemacher Christoph Böll präsentierte in der Unibib der RUB erstmalig Ausschnitte aus seinem Filmprojekt „Sehenden Auges“, in dessen Mittelpunkt der Kunsthistoriker Max Imdahl (1925-1988) steht.

Filmausschnitt: Eine Buddha-Figur, die in Situation Kunst zu sehen ist.

In einem anderen Filmausschnitt zeigt Böll den Bau des neuen Gebäudes KUBUS von „Situation Kunst“, das im Mai 2010 eröffnet wird. Dafür nutzt Böll Musik. Beethovens Eroica läuft jedoch nicht unterschwellig im Hintergrund, sondern wird zum Protagonisten: Das Drehbuch ist nach der Musik geschrieben. Zu heroischen Klängen werden Szenen gezeigt, in denen Wände verstellt und Flächen umgegraben werden. Zu leisen Melodien werden Bauarbeiter bei ihrer Tätigkeit gezeigt. Böll bezieht nicht zufällig Musik in seinen Film ein. Imdahl selbst behauptete, seine Sensibilität für Kunst durch intensive Beschäftigung mit Musik entwickelt zu haben.

Imdahls emotionale Herangehensweise an Kunst zog viele Studenten in seine Vorlesungen, die stets überfüllt waren. Er schaffte es nicht nur, den Zugang zur Kunst zu demokratisieren, sondern auch die Kunst selbst aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Vor allem hat die Kunst des 20. Jahrhunderts, die das heutige Bild des Ruhrgebiets, der Kulturhauptstadt 2010 prägt, durch ihn an Anerkennung gewonnen.