Der völlig falsche Ansatz

Nach dem bösen Foul an Neymar und dem damit verbundenen WM-Aus des brasilianischen Ausnahmetalentes diskutiert die Fußball-Welt nach dem Viertelfinale zwischen Brasilien und Kolumbien einmal mehr über die Schiedsrichter. Für den Unparteiischen dieser Partie, den Spanier Carlos Velasco Carballo, war die Attacke an Neymar nichtmals gelbwürdig. Es ist eben diese großzügige Linie vieler WM-Schiedsrichter, die bei neutralen Betrachtern für Kopfschütteln sorgt. Ein Kommentar von Leonidas Exuzidis.

 

Ob die FIFA die Referees tatsächlich dazu angehalten hat, die Karten zunächst in der Tasche zu lassen, um mögliche Gelbsperren zu vermeiden, ist nicht bekannt. Die teils konfuse Zweikampfbewertung von Carballo unterstreicht diese These allerdings. Sollte diese Behauptung stimmen, so müsste sich die FIFA den Schuh zu 100 Prozent selbst anziehen. Denn dieser Ansatz ist völlig falsch und nicht im Sinne des Fußballsports. Wenn der Weltverband tatsächlich Gelbsperren vermeiden möchte, muss er sein Reglement ändern und die Wahrscheinlichkeit einer Sperre reduzieren.

 

Da ist auch die Kritik des oft gescholtenen TV-Experten Mehmet Scholl voll angebracht. Es geht nicht darum, einzelne Spieler wie Neymar, Messi oder Robben zu schützen. Das ist nicht die Aufgabe der Referees. Es geht vor allem darum, den Fußballsport zu schützen. Wenn böse Tritte, übermotivierte Grätschen und rücksichtslose Attacken nicht angemessen sanktioniert werden, geht der Esprit, der Glanz des Fußballs, irgendwann flöten.

 

Bitter: Dr. Felix Brych darf trotz starker Leistungen bei der WM nicht mehr zur Pfeife greifen. Foto: Leonidas Exuzidis

Bitter: Dr. Felix Brych darf trotz starker Leistungen bei der WM nicht mehr zur Pfeife greifen. Foto: Leonidas Exuzidis

Bittere Pille für Dr. Felix Brych

 

Der deutsche WM-Schiedsrichter Dr. Felix Brych hat in der Vergangenheit bewiesen, dass er genau das kann. Souverän im Umgang mit den Spielern, sicher in den persönlichen Strafen: Es hätte sein Turnier werden können. Und doch ist es nach nur zwei Auftritten in der Gruppenphase vorzeitig beendet, obwohl Brych selbst wenig dafür kann. Denn durch das Weiterkommen der Deutschen fällt Brych für die Leitung eines Halbfinals oder des Endspiels weg. Brych ist nicht der einzige Referee, dem dieses Schicksal widerfährt. Auch der Argentinier Nestor Pitana und Björn Kuipers aus den Niederlanden konnten im Turnier voll überzeugen, müssen sich durch den Einzug ihrer Nationen in die Runde der letzten Vier jedoch vorzeitig zurückziehen. Besonders Kuipers galt als großer Favorit für das Endspiel.

 

Fakt ist: Der Fußball wird immer schneller, die Spieler immer variabler. Eine großzügige Linie ist demnach durchaus zu befürworten. Allerdings gibt es auch hier Grenzen. Wie man diese setzt und einhält, hat der Engländer Howard Webb im Achtelfinale zwischen Brasilien und Chile bewiesen. Im WM-Finale 2010, das Webb ebenso pfiff, wurde er dafür scharf kritisiert. Der Kung-Fu-Tritt von Nigel de Jong gegen Xabi Alonso kursiert nach wie vor durch das Internet. Webb zeigte für dieses überharte Einsteigen lediglich die gelbe Karte.

 

Webb ist im Finale 2010 gereift

 

Hart, intensiv, spannend, aber niemals unfair – dieses Spiel zwischen Brasilien und Chile bot nahezu alles, was das Fußball-Herz begehrt. Webb trug diesmal seinen Part dazu bei, legte eine ruhige Körpersprache an den Tag und traf nahezu alle wichtigen Entscheidungen gemeisam mit seinen Assistenten richtig. Er scheint aus dem WM-Finale 2010 gelernt zu haben: Er agiert mit großzügiger Linie, greift jedoch ein, wenn das Spiel überhart wird. Mit dieser Vorgabe hat die FIFA ihre Schiedsrichter wohl ins Turnier geschickt. Manche setzen es, wie Webb, bravourös um, andere weniger. In der jetzigen Verfassung ist der Engländer erneut der heißeste Kandidat für die Leitung des WM-Endspiels.

 

 

Teaserfoto: Globovisión/flickr.com