Formstarker Gegner wartet auf den BVB

„Losfee“ Karl-Heinz Riedle konnte sich ein kurzes Lächeln nicht verkneifen, als er Fußball-Bundesligist Borussia Dortmund den italienischen Meister Juventus Turin für das Achtelfinale der Champions League zuloste. Ausgerechnet Juventus, ausgerechnet Riedle: Der heute 49-Jährige war beim letzten Aufeinandertreffen dieser Vereine einer der Protagonisten, an dem wohl denkwürdigsten Europapokal-Abend der Dortmunder Vereinsgeschichte. Im Jahre 1997, beim 3:1-Endspielsieg der Borussia über Juventus in der Champions League, legte Riedle mit zwei Treffern binnen fünf Minuten den Grundstein für den späteren Erfolg von Schwarz-Gelb.

Freude pur herrschte bei Arturo Vidal (rechts) und Paul Pogba (Mitte) nach dem Erreichen des Achtelfinales. Foto: Calcio Mercato/flickr.com

Freude pur herrschte bei Arturo Vidal (rechts) und Paul Pogba (Mitte) nach dem Erreichen des Achtelfinales. Foto: Calcio Mercato/flickr.com

14 Jahre später begegnen sich der BVB und der aktuelle Tabellenführer der italienischen Liga erneut in der Endrunde dieses Wettbewerbs – diesmal allerdings schon im Achtelfinale. Die Italiener waren im Vorfeld von vielen Dortmunder Anhängern als das „kleinere Übel“ deklariert worden, hätte Dortmund doch auch auf die finanzstarken Teams von Manchester City oder Paris Saint-Germain treffen können. Angesichts der derzeitigen Verfassung von Borussia Dortmund ist es allerdings falsch, von einem „einfachen Gegner“ zu sprechen. Auch wenn die Turiner durchaus zu knacken sind: Borussia Dortmund wird es alles andere als einfach haben. Ein Porträt des Gegners.

Die Mannschaft
Mit einem Durchschnittsalter von über 28 Jahren ist Turin eine der vergleichsweise „älteren“ Mannschaften im Wettbewerb. Das Team lebt von seinen routinierten Spielern, gepaart mit einigen international unerfahrenen, aber hochtalentierten Akteuren. Der Kopf des Teams steht im Tor: Gianluigi Buffon ist dem Verein seit 2001 treu und hat bereits über 400 Pflichtspiele auf dem Buckel. Seine Ruhe zwischen den Pfosten macht ihn trotz seiner 36 Jahre nach wie vor zu einem der besten Torhüter der Welt. Spielmacher Andrea Pirlo (35) wurde erst am Dienstag trotz einer schwachen Weltmeisterschaft zu Italiens Fußballer des Jahres gewählt und ist besonders wegen seinen gefährlichen Eck- und Freistößen gefürchtet. In der Offensive sorgen der Ex-Leverkusener Arturo Vidal und Carlos Tevez ständig für Torgefahr. Und auch der junge Paul Pogba, der trotz vieler Angebote aus dem Ausland erst kürzlich seinen Vertrag verlängerte, macht regelmäßig mit schnellen Dribblings und einer famosen Schusstechnik auf sich aufmerksam.
Der Trainer
Seit Beginn dieser Saison ist Massimiliano Allgeri Trainer in Turin. Foto: Calcio Mercato/flickr.com

Seit Beginn dieser Saison ist Massimiliano Allgeri Trainer in Turin. Foto: Calcio Mercato/flickr.com

Massimiliano Allegri kennt sich in der italienischen Liga, der Serie A, bestens aus. Als Aktiver schnürte der Italiener für insgesamt 13 (!) Profivereine des Landes die Schuhe und auch als Coach verschlug es ihn nicht über die Landesgrenzen hinaus. Vor seinem Engagement beim AC Mailand (2010-2014) wurde er zwei Mal in Folge zu Italiens Trainer des Jahres gewählt. In Mailand musste er nach einer Niederlagenserie seinen Hut nehmen, zu Beginn der Saison 2014/2015 trat er jedoch bereits seine neue Stelle bei Juventus Turin an. Der 47-Jährige gilt eigentlich als ruhiger Vertreter seiner Zunft, dass er jedoch auch impulsiv sein kann, bewies er am vergangenen Wochenende in der Liga. Er beleidigte einen Schiedsrichter-Assistenten und wurde prompt für eine Partie gesperrt. Allegri lässt, anders als seine Vorgänger, ein klassisches 4-4-2-System mit einer Mittelfeldraute spielen. Der schnelle Tevez fungiert dabei meist als Bindeglied zwischen Mittelfeld und Angriff, als sogenannte „hängende Spitze.“

Der Weg ins Achtelfinale
In einer mit Atlético Madrid, Olympiakos Piräus und Malmö FF allenfalls mittelmäßig besetzten Gruppe tat sich Juventus Turin dennoch lange schwer. Durch Niederlagen in Piräus und Madrid mussten die Turiner lange zittern, ehe ein torloses Remis im abschließenden Gruppenspiel gegen Madrid zum Weiterkommen reichte. Bedanken kann man sich bei der Naivität von Olympiakos Piräus: Der griechische Meister gewann zwar den direkten Vergleich gegen Juventus, das entscheidende Kriterium bei Punktgleichheit, verlor jedoch mit 0:2 bei Fußball-Zwerg Malmö FF und verspielte so seine hervorragende Ausgangsposition für das Weiterkommen.
Nationale Erfolge
Eine lebende Legende: Gianluigi Buffon blieb trotz des Zwangsabstiegs bei Juventus. Foto: Luca/flickr.com

Eine lebende Legende: Gianluigi Buffon blieb trotz des Zwangsabstiegs bei Juventus. Foto: Luca/flickr.com

Mit 30 nationalen Meisterschaften ist Juventus Turin Rekordmeister in Italien. Der nationalen Dominanz hatte insbesondere in der jüngeren Vergangenheit kein Gegner etwas entgegenzusetzen: In den letzten drei Jahren hieß der Meister immer Juventus Turin. Der Manipulationsskandal aus dem Jahre 2005, in den Turin ebenfalls verwickelt war, gerät dabei fast in Vergessenheit. Der damalige Manager, Luciano Moggi, hatte mit korrupten Vertretern des italienischen Fußballverbandes die Ergebnisse diverser Meisterschaftsspiele entscheidend beeinflusst. Juventus wurden zwei Meistertitel aberkannt und die Turiner mussten als einer von drei Vereinen zwangsweise in die zweite Liga absteigen. Die Mannschaft blieb jedoch im Kern beisammen und schaffte den sofortigen Wiederaufstieg.

Internationale Erfolge

In den 1990er-Jahren war Juventus Turin international das Maß aller Dinge. Von 1996 an stand Juventus unter der Regie von Trainer-Legende Marcello Lippi drei Mal in Folge im Finale der Champions League. Dass daraus allerdings nur ein Triumph resultierte, relativiert diese Statistik. 1997 verlor Juventus gegen Borussia Dortmund mit 1:3, ein Jahr später zog die Mannschaft gegen Real Madrid mit 0:1 den Kürzeren. Alles lange her, daher lechzen die Verantwortlichen nach einer erneut starken Platzierung auf internationaler Ebene. Zuletzt war für Turin kein Titel drin. Besonders bitter: Das Finale der Europa League im eigenen Stadion verpasste Juventus in der Saison 2013/14 nach einem bitteren Halbfinal-Aus gegen Benfica Lissabon.

Die Statistik
Aus der Sicht von Juventus Turin ist der BVB ein willkommener Gegner. Aus bislang sieben Vergleichen gingen die Italiener bei einem Unentschieden vier Mal als Sieger hervor, unter anderem im Endspiel des Uefa-Cups 1993. Der Sieger wurde damals noch nach Hin- und Rückspiel ermittelt. Juve ließ keine Fragen offen und gewann mit 3:1 und 3:0. Das wichtigste Duell jedoch, das Finale der Champions League vier Jahre später, entschied Borussia Dortmund mit 3:1 für sich. Es war das bislang letzte Aufeinandertreffen der beiden Teams. Der BVB hat außerdem den Vorteil, dass er aufgrund des Gruppensiegs zunächst auswärts im Juventus-Stadion (Dienstag, 24. Februar 2015) antreten wird. Im Rückspiel im heimischen Stadion (18. März) kann Dortmund dann auf die Unterstützung seiner Anhänger zählen.
Stimmen zur Auslosung
Pavel Nedved zu seiner aktiven Zeit. Foto: Storedicalcio/flickr.com

Pavel Nedved zu seiner aktiven Zeit. Foto: Storedicalcio/flickr.com

Die sportlich miserable Situation von Borussia Dortmund stimmt die Italiener optimistisch. „Das ist nicht luxuriös, aber es hätte schlimmer kommen können“, kommentierte Turins Sportdirektor Pavel Nedved. Man müsse „sehr aufmerksam“ sein, so der Blondschopf, der selbst jahrelang die Schuhe für Turin schnürte. Trainer Massimiliano Allegri hat die Endspiel-Pleite von 1997 nach wie vor im Sinn. „Wir müssen die Final-Niederlage von 97 rächen“, twitterte der Coach. 

Deutlich diplomatischer fielen die Reaktionen aus dem schwarz-gelben Lager aus. „Juve hat große internationale Erfahrung und ist ein starker Gegner“, sagte BVB-Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke. Die Chancen stünden, so Watzke, 50:50. Sportdirektor Michael Zorc versuchte hingegen, die aufkommende Euphorie und Vorfreude zu ersticken und verwies auf den derzeitigen Tabellenstand in der Fußball-Bundesliga. „Ich habe die Hoffnung, dass wir uns bis Februar leistungsmäßig nach oben entwickeln können. Aktuell beschäftigt uns aber ausschließlich die Bundesliga“, so Zorc, der beim Triumph vor 17 Jahren noch selbst am Ball war.

Auch wenn der Trophäenschrank von Juventus Turin durchaus gefüllt ist: Borussia Dortmund ist trotz der sportlichen Krise auf nationaler Ebene der Favorit in diesem Achtelfinal-Duell. Denn die Dominanz der Turiner in der Liga ist auch auf die Schwäche der anderen Vereine zurückzuführen. Die Stadtrivalen Inter und AC Mailand sind lediglich ein Schatten vergangener Tage und der Zweitplatzierte AS Rom, der in der Liga mit Juventus Schritt halten kann, musste schon in der Gruppenphase der Champions League die Segel streichen. Die deutschen Teams hingegen konnten allesamt die Endrunde erreichen. Die Bundesliga hat dem italienischen Fußball den Rang abgelaufen und ist auch in der Fünf-Jahres-Wertung vorbeigezogen. Italien verliert nach und nach einen Teil seiner internationalen Konkurrenzfähigkeit.

Die Spieltermine der deutschen Teams

Schachtjor Donezk – Bayern München (Hinspiel 17.2; Rückspiel 11.3.)

Schalke 04 – Real Madrid (18.2.; 10.3.)

Juventus Turin – Borussia Dortmund (24.2.; 18.3.)

Bayer Leverkusen – Atlético Madrid (25.2.; 17.3.)

Foto oben: JustineF0402/flickr.com