Praktikum in den USA – bist du bereit?

Hier sitze ich also, in der Wartehalle des US-Konsulats in Frankfurt. Ich warte darauf, dass irgendwann mal meine Nummer aufgerufen wird. Denn ich plane, in den USA ein Praktikum zu machen – doch dass der ganze Prozess so nervenaufreibend, bürokratisch und langwierig sein würde, hatte ich nicht gedacht. Für ein sechswöchiges, unbezahltes Praktikum bei einer Tageszeitung in der Nähe von Chicago stecke ich seit sechs Monaten im Bewerbungsprozess. Und habe bislang fast 2000 Euro ausgegeben. Doch damit ist die Prozedur noch lange nicht zu Ende.

Wer in den USA ein Praktikum macht, muss mit viel Papierkram rechnen.

Wer in den USA ein Praktikum macht, muss mit viel Papierkram rechnen. Fotos: Marie Denecke

Doch von vorn: Durch einen Besuch in Chicago im letzten Jahr kannte ich die Daily Herald, die Tageszeitung, bei der ich ein Praktikum machen wollte. Hierfür, wird mir von einem Bekannten Mitte Januar geraten, sollte ich mich an den „Human Resources Manager“ wenden. Manager menschlicher Ressourcen – nett, denke ich, klingt das nicht gerade. Über den Namen muss man jedoch hinwegsehen: Es handelt sich hierbei einfach um den Personaler einer Firma.

Schnell habe ich also Heather Ritter am Telefon, eben jenen Human Resources Manager. Sie ist baff, dass sich jemand aus Deutschland meldet, um nach einem Praktikumsplatz zu fragen. Doch, wie es die amerikanische Art ist, stellt sie sich nur mit Vornamen vor, gibt mir ihre Mailadresse und sagt, sure, natürlich könne ich ihr gern meine Bewerbung schicken.

Die erste Hürde: die amerikanische Bewerbung. Deutsche Bewerbungen habe ich schon zur Genüge geschrieben, aber amerikanische? Ein Besuch eines Info-Nachmittags des Referat Internationales an der TU Dortmund sowie ein paar Tipps von dessen Internetseite reichen aber aus, um mich schon mal auf den richtigen Weg zu bringen. Um nur ein paar Unterschiede zu nennen: Ein Foto sowie die Nennung von Geschwistern oder Hobbys ist tabu. Stattdessen muss ich richtig auf den Putz hauen, denn im Lebenslauf sowie im Anschreiben muss ich betonen, was meine „leadership skills“ sind, was ich bei welchem noch so kleinen Praktikum vollbracht habe und was mich, Marie Denecke, zu genau der richtigen Person für genau diese Stelle macht. Ich formuliere mir also mein Gehirn wund und komme mir vor, als würde ich eine Bewerbung für die Position des Geschäftsführers verfassen. Aber egal: Bescheidenheit ist hier fehl am Platz.

Alles zu Ende, bevor es angefangen hat?

Und zum Glück ist da Laura Hope, Leiterin des Referat Internationales, deren Bürotür für jeden Dortmunder Studenten offen steht, der ins Ausland will. Okay, am Layout und an einigen Formulierungen müsse ich noch feilen und hier und da kürzen, aber ansonsten sei das schon viel versprechend. Und wie gut, denke ich mir, dass Frau Hope selbst gebürtige Amerikanerin ist.

Einmal tief durchatmen: pflichtlektuere.com-Autorin Marie Denecke nach dem Besuch im US-Konsulat.

Tief durchatmen: pflichtlektuere.com-Autorin Marie Denecke nach dem Besuch im US-Konsulat.

Es ist der 23. Februar, als ich die „Internship Application“ des Daily Herald ausfülle und dabei merke, dass die Bewerbungsfrist für ein Sommer-Praktikum eigentlich der 15. Februar war. Mir wird heiß und kalt: Sollte alles schon vorbei sein, bevor es überhaupt angefangen hat? Ich entscheide mich, in die Offensive zu gehen. Ich schreibe in meiner Mail an Heather, dass ich wohl die Bewerbungsfrist überschritten habe, aber dass ich hoffe, dass mir das nachgesehen wird. Meine Strategie scheint zu funktionieren: Nach einem schriftlichen Test, einem Interview und einem Telefonat teilt mir Heather Mitte April mit, dass ich das Praktikum für August und September in der Tasche habe.

Hier, jedoch, beginnt die Arbeit erst. Denn im Fall der USA ist es nicht so, dass es ausreicht, ein Praktikum zu bekommen: Ohne Visum läuft gar nichts. Und ein Visum bekommt man nicht ohne einen sogenannten Sponsor, eine Organisation, die vom US State Department anerkannt ist und sich um den ganzen Papierkram kümmert. Gegen gutes Geld natürlich – doch mit rund 1000 Dollar (knapp 800 Euro) Bearbeitungsgebühr gehörte mein Sponsor noch zu den billigeren Anbietern. Und zum Glück gibt es Stipendien, die zumindest für einen Teil der Kosten aufkommen.

Die Safari durch den Zahlendschungel beginnt

Auch wenn mir also der Sponsor so Einiges an Arbeit abnimmt, gibt es immer noch genug für mich zu tun: Für die Bewerbung beim Sponsor muss man seinen Lebenslauf einreichen, sich seinen Notenspiegel und Immatrikulationsbescheinigung übersetzen lassen, nachweisen, dass man genug Geld auf dem Konto hat (rund 2000 Dollar pro Monat werden empfohlen) und Fragen des Sponsors beantworten: Welche Erwartungen hat man an das Praktikum, was verbindet man mit den USA, wie will man die Firma durch sein Dasein als Praktikant bereichern? Diese Frage selbstbewusst zu beantworten, ist nicht mehr schwer – ich habe ja gerade die Bewerbung geschrieben.

Die Safari durch den Zahlendschungel beginnt. Es gibt gefühlt 1000 wichtige Formulare mit unzähligen Nummern, vom DS-2019 über das Einreiseformular I-94 zum Training Plan mit der Nummer DS-7002. Das einzige Formular mit ein bisschen Unterhaltungswert ist da das DS-160, das ich brauche, um beim US-Konsulat einen Termin zu machen, um mein Visum zu bekommen. „Kommen Sie in die USA, um sich zu prostituieren?“, werde ich da zum Beispiel gefragt. Oder: „Hatten Sie jemals vor, Terroristen finanziell oder anders zu unterstützen?“ In dem Stil geht es auf insgesamt drei Seiten weiter.

Nachdem ich mich also durch alle Formulare gekämpft und so ziemlich jeden Aspekt meines Lebens vor der amerikanischen Regierung offen gelegt habe, schickt mir die Sponsor-Organisation diese Formulare mit Original-Handschriften und –Stempeln per Post zu, damit ich endlich bei der US-Vertretung meiner Wahl (Berlin, Frankfurt oder München) anrufen kann. Denn um ein Visum für die USA zu bekommen, muss man immer noch persönlich dort aufkreuzen.

Kommt das Visum noch vor meinem Abflug?

Hier sitze ich also, in dieser riesigen Wartehalle des US-Konsulats in Frankfurt. Mit nicht viel mehr in der Tasche als mein Pass und die unterschriebenen Dokumente, denn Handy oder MP3-Player müssen zu Hause bleiben. Sogar meine Haustürschlüssel wurden mir abgenommen. Das ist jetzt auch schon egal, denke ich mir: Wer ein Visum möchte, muss sich nun mal komplett in die Hände der US-Regierung begeben. Nach etwa einer Stunde wird meine Nummer ausgerufen und ich gehe zu einem Schalter, um dort einer freundlichen, doch recht unverbindlichen Mitarbeiterin des Konsulats Pass und Papiere anzuvertrauen. Und das war’s. Ich staune: Und deswegen habe ich mir Druck gemacht?

Spannend bleibt es aber doch noch: Mein Botschaftstermin ist an einem Mittwoch, am folgenden Dienstag geht mein Flug. Wie lang es denn dauere, bis mir mein Pass mit meinem Visum-Sticker darin zurückgeschickt würden? Sieben bis zehn Tage, teilt mir die Dame am Schalter mit. Ich schlucke. Mehrmals. Gibt es denn keinen Weg, den Prozess zu beschleunigen?

Endlich da! Drei Tage vor Abflug kommt der Pass - mit Visum.

Endlich da! Drei Tage vor Abflug kommt der Pass - mit Visum.

Das, so die Dame am Schalter, solle ich doch mit einem „consulate officer“ besprechen. Also wieder zurück in die Wartehalle, wieder auf meine Nummer warten. Mein „officer“ schließlich ist ein großer, älterer Herr mit Brille und Fliege, der es toll findet, dass ich ein Praktikum bei einer Tageszeitung machen möchte. Ob ich denn den Film „Teacher’s Pet“ mit Doris Day aus den 50ern kenne? Toller Film, darin gehe es um Journalismus. Doch was meinen Pass angeht, könne er mir auch nicht helfen: Einige Tage werde die Bearbeitung meines Visum schon dauern.

Hat sich das alles also gelohnt?

Während der nächsten Tage kaue ich mir vor lauter Anspannung die Nägel blutig: Wie schnell würde die Botschaft sein, wie schnell DHL? Waren vier Werktage genug?

Waren sie: Am Samstagmorgen liegt der Express-Umschlag mit Pass und Visum darin in meinem Briefkasten. Ich könnte die Welt umarmen! Der Kommentar meines Bruders: „Punktlandung“. Vielleicht war ich dem „consulate officer“ mit seiner Doris-Day-Geschichte auch einfach nur sympathisch.

Hat sich das Ganze also gelohnt? Ich glaube: Ja. Klar, über das Praktikum kann ich noch nicht viel sagen begonnen, in zwei Monaten bin ich schlauer. Aber ich habe mir in den Kopf gesetzt, ein Praktikum in den USA zu machen, und es hat funktioniert. Es war anstrengend, aber lehrreich. Ich wollte es, und es hat geklappt. Ich bin hier, in den USA. Jetzt heißt es nur noch, sich auf das freuen, was da kommt.

Ach ja, und eine amerikanische Sozialversicherungsnummer brauche ich auch noch. Dazu benötige ich ein neues Dokument und vier von denen, die ich schon habe. Ein Klacks also.

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