VroniPlag Wiki – Den Plagiaten auf der Spur

Quelle: Screenshot VroniPlag Wiki: http://de.vroniplag.wikia.com/

Die „Plagiatsdetektive“ P.Schwartz und Hindemith sind nur zwei von vielen Pseudonymen der Community-Mitglieder bei VroniPlag Wiki. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Dissertationen nach Fremdtextübernahmen zu prüfen. Über ihre Identität gibt es meistens keine Angaben. Egal, ob Professor, wissenschaftlicher Mitarbeiter oder Bäcker – jeder kann bei VroniPlag Wiki ehrenamtlich Arbeiten überprüfen und hinter einem Nickname Detektiv sein. Anders die Autoren, bei deren Arbeiten in der Regel mindestens zehn Prozent der Seiten Plagiatsstellen aufweisen. Sie werden namentlich genannt. Grenzt das schon an öffentliche Bloßstellung? pflichtlektüre hat mit Prof. Dr. Debora Weber-Wulff, ihrerseits Aktivistin bei VroniPlag Wiki, und Thomas Meier*, einem dort namentlich genannten Autor, gesprochen.

Das grüne Häkchen am oberen rechten Bildrand zeigt: P.Schwartz und Hindemith haben einen Treffer gelandet. Die untersuchte Arbeit in der linken Spalte hat sich an dem Quellentext zur Rechten bedient, die Fußnote fehlt jedoch. Vergessen könnte man nun sagen, „verschleiert“ heißt es bei VroniPlag Wiki. Die Anmerkung, hier fehle ein Verweis auf die Quelle, bestätigt die Botschaft: deutliche Textübernahme. Nicht nur in diesem Abschnitt, sondern Seite für Seite finden sich diese farbigen Markierungen, ergänzt durch die immer wiederkehrende Anmerkung am Ende. Ersichtlich für jeden.

Guttenberg-Affäre als Startschuss

Die Geschichte von VroniPlag Wiki geht bis in das Jahr 2011 zurück. Angelehnt an das Guttenplag Wiki, das die Dissertation des damaligen CSU-Politikers Karl-Theodor zu Guttenberg überprüfte, entstand VroniPlag Wiki, benannt nach Edmund Stoibers Tochter Veronica Saß, deren Dissertation als erste untersucht wurde. Doch dabei blieb es nicht. Anders als beim Vorbild folgten weitere Prüfungen. Anfängliche Vorwürfe, die Betreiber handelten politisch motiviert aus dem linken Lager, verstummen zunehmend. Es sind längst nicht mehr nur Politiker der CDU oder FDP, auf deren Dissertationen die „Detektive“ mit einem kritischen Auge schauen. Mittlerweile umfasst die Datenbank 150 Namen, feinsäuberlich sortiert. Inklusive Angaben über die Institution, den zuständigen Hochschullehrer und den prozentualen Anteil der Seiten, die Plagiate enthalten. Bei einigen Dissertationen liegt diese Zahl jenseits der 70 Prozent.

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff Foto: 2015, Nina Zimmermann

Prof. Dr. Debora Weber-Wulff Foto: 2015, Nina Zimmermann

Die Folgen solcher vermeintlichen Täuschungen sind ebenfalls ersichtlich. In über 30 Fällen ist der Doktortitel durchgestrichen – er wurde aberkannt. Eine beachtliche Quote, doch Debora Weber-Wulff, Hochschullehrerin an der HTW Berlin, Autorin des Buches „False Feathers: A Perspective on Academic Plagiarism“ und unter dem Pseudonym „WiseWoman“ als Administratorin der Seite aktiv, sieht bei den Hochschulen weiterhin Verbesserungsbedarf: „Ich will auf das Plagiatsproblem aufmerksam machen. Die Hochschulen können ja entscheiden, was sie für Konsequenzen ziehen wollen. Ich finde es allerdings bedenklich, dass einige Hochschulen zwar offiziell Verfahren haben, wie sie mit Fällen von wissenschaftlichem Fehlverhalten umgehen, sich jedoch nicht daran halten, teilweise nicht wissen, dass sie auf ihren Webseiten so ein Verfahren publiziert haben.“

Plagiatssuche für jedermann

Weber-Wulff gehört damit zu den wenigen Usern, die ihre Identität offen darlegen. Als Hochschullehrerin und wissenschaftliche Autorin sind ihre Kompetenzen in diesem Gebiet wohl unbestritten. Doch was ist mit der Vielzahl an weiteren Usern, die bei VroniPlag Wiki Dissertationen überprüfen? Kontrolleure, wie P.Schwartz oder Hindemith, die eben nicht bekannt sind. Sollte jeder beliebige Bürger Doktorarbeiten der Medizin kontrollieren? Thomas Meier, der auf der Seite mit seinem richtigen Namen genannt wird, hegt Zweifel: „Wenn sie in dem Fach, aus dem die Arbeit kommt, langjährige Erfahrung mit der Betreuung von Dissertationen haben, dann ja. Ansonsten muss VroniPlag erkennen, dass es keine wissenschafts-weltweiten, einheitlichen Kriterien zur Bewertung von Dissertationen gibt, sodass die Maßstäbe von VroniPlag nicht immer „gültig“ sind.“

In der Tat fehlt ein allgemeingültiges Regelwerk, das international anerkannt wird. Für die Arbeit der „Plagiatsjäger“ sei dies aber auch nicht nötig, entgegnet Weber-Wulff: „Für die Art der Plagiate, die bei VroniPlag Wiki dokumentiert werden, reicht es völlig aus, ein Leseverständnis auf dem Niveau der sechsten Klasse zu haben. Die Plagiate sind in der Regel sehr plumpe und umfangreiche textuelle Übereinstimmungen. Ich versichere Ihnen, dass alle Aktiven über weit mehr Bildung als der sechsten Klasse verfügen.“

„Wir wissen nur, was gefunden wurde“

Bei ihrer Arbeit ist die Community allerdings auf externe Hinweise angewiesen. In den meisten Fällen werden diese in den Chatroom der Seite gestellt. „Wir wissen nur, was gefunden und dokumentiert wurde, aber natürlich nichts über das, was nicht gefunden wurde“, weiß auch Weber-Wulff um die Problematik. Kurzum bedeutet das, dass in Münster an der Westfälischen Wilhelms-Universität vermutlich nicht häufiger betrogen wird, als in Dortmund an der TU, auch wenn hier kein einziger Fall in der Datenbank auftaucht, während es gleich 30 aus Münster sind. Über die Informanten werden ebenfalls keine Auskünfte gegeben. Auch Thomas Meier hat keine Anhaltspunkte. „Vielleicht war es auch Zufall oder Pech“, sagt er. „Letzten Endes ist es komplett irrelevant, wem es aufgefallen ist, dass eine Arbeit plagiiert ist. Ist die Arbeit veröffentlicht, ist es für jeden nachprüfbar, wenn die Quellen auch bekannt sind“, entgegnet Weber-Wulff.

Transparenz als höchstes Gut

Beinhaltet ein Hinweis einen konkreten Anfangsverdacht, wird die genannte Arbeit genauer unter die Lupe genommen. Sollte sich der Verdacht dabei bestätigen, wird ein sogenannter „Barcode“ erstellt. Dieser zeigt dem Nutzer die genauen Seiten, in denen Fremdtextübernahmen stattgefunden haben sollen. Per Mausklick kann er den gewünschten Abschnitt wählen und erhält einen direkten Vergleich zwischen Dissertation und Original-Text.

Ein sogenannter "Barcode" bei VroniPlag Wiki: Quelle: vroniplag.wikia.com/wiki/lbw

Ein sogenannter „Barcode“ bei VroniPlag Wiki.

Der größte Streitpunkt bleibt jedoch die Namensnennung der jeweiligen Verfasser der Dissertationen. Der Punkt, an dem die so wichtige Transparenz für viele einen gewissen Beigeschmack der Bloßstellung bekommt. Ist es wirklich notwendig, die Namen zu nennen, wenn die Person nicht Verteidigungsminister ist oder in der Öffentlichkeit steht?

„Die Holzhammer-Methode“

„Das mit der Transparenz ist so eine Sache. Es wäre aus meiner Sicht besser, den Namen des Beschuldigten nicht zu nennen, sondern zum Beispiel nur Uni und Fachrichtung, da allein das Auftauchen des Namens auf VroniPlag erhebliche Konsequenzen haben kann, auch wenn nachher nichts von den dortigen Anschuldigungen bleibt“, findet Thomas Meier, gegen den bis heute ein Verfahren an der Uni läuft.

VroniPlag Wiki dokumentiere lediglich ohne Wertungen, widerspricht Weber-Wulff. „Hat man ein Werk veröffentlicht, dann muss man auch Kritik ertragen“, führt sie weiter aus. Für Meier eine „Holzhammer-Methode“. Sie habe ihn zu der Erkenntnis gebracht, besser keine Dissertation geschrieben zu haben: „Es hätte mir viel Ärger, Zeit und Geld erspart.“

*Name von der Redaktion geändert

Teaserbild: glawo / pixelio.de
Beitragsbild: Screenshot VroniPlag Wiki

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