Sorge dich nicht, lebe!

Viele Studenten pendeln mit Scheuklappen vom Hörsaal in die Bib und ins Praktikum. Dabei verlieren sie den Blick fürs Wesentliche. Ein Plädoyer fürs Innehalten – und eine kleine Anleitung zum Glücklichsein.

Der Stress an der Uni nimmt einem schnell jegliche Freiheit

Der alltägliche Uni-Stress kann einem schnell die Freiheit rauben

Wir haben Angst. Vorm Versagen, vor  Arbeitslosigkeit, vor einer unsicheren Zukunft. Wir wünschen uns Sicherheit, und mancher ist bereit, dafür alles zu tun. Schlaf wird zweitrangig. Kommilitionen werden Konkurrenten – um die Gunst der Profs,  das begehrte Praktikum oder den hoch dotierten Job. Viele begreifen das Leben als eine Art Rennstrecke. Wer bremst, verliert. Es geht darum, möglichst vorne mitzufahren und schnell ans Ziel zu kommen. Die entscheidende Frage aber lautet: Was ist eigentlich das Ziel?

Zuweilen scheint es, als gehe es nur noch darum, sich möglichst gut zu verkaufen. Es ist nicht lange her, da war sich selbst zu verkaufen gleichbedeutend mit Selbstverrat. Doch heute ist jeder käuflich. Mancher biedert sich sogar an – Hauptsache, der Lohn ist ein kleines bisschen Sicherheit.

Die Wissenschaft bestätigt dieses Bild: Die aktuelle Shell-Studie beschreibt uns als „pragmatische Generation“. Man studiert, um einen sicheren Arbeitsplatz zu bekommen. Demnach sind wir zunehmend verunsichert: Blickten 2002 noch 69 Prozent  von uns optimistisch in ihre Zukunft, waren es vier Jahre später nur noch 56 Prozent. Seit 1998 ist es Studenten immer wichtiger geworden, später einen festen Job zu bekommen. Eine Studie der Uni Konstanz zeigt: Vor elf Jahren wählten nur 23 Prozent ihr Fach nach den späteren Karriereoptionen aus. 2007 waren es schon 36 Prozent. Laut Studienleiter Tino Bargel sind „die  Studenten konservativer und egoistischer geworden“.

Stromlinienförmige Streber statt Ecken und Kanten

Die Nahrung für die Zukunftsangst kommt nicht von uns selbst. Wir bieten nur den Nährboden für die Panik. Geschürt wird die Angst durch Meinungsmacher in Politik, Wirtschaft und Medien. Das klingt platt, trifft aber den Kern. Politiker aller Parteien sprechen von steigenden Herausforderungen in einer globalisierten Welt. Laut  Bundesbildungsministerium verstärkt der demografischen Wandel diese noch. Deutschland müsse aufpassen, nicht von China und Brasilien überholt zu werden. Da ist es schon wieder, das Bild von der Rennstrecke: Wer zögert oder zweifelt, verliert den Anschluss.

Den Unternehmen soll es recht sein. Sie leben von Konkurrenz. Je mehr Konkurrenz zwischen den Bewerbern, desto besser der Gewinner – so zumindest die Theorie. Die Wirklichkeit heißt zuweilen Burnout (siehe Infokasten). Die Medien schließlich verstärken die Panik mit haufenweise negativen Nachrichten.  Jeder Quelle-Katalog, jeder Opel erinnert an die Wirtschaftskrise. Pausenlose Katastrophenmeldungen aus den Unternehmen erschüttern jedes Selbstbewusstsein und ersticken jeden Funken Zuversicht. Dabei ist die Lage längst nicht so düster, wie viele denken (siehe Text auf Seite 10).

Doch wir Studenten ergeben uns der irrationalen Angst. Das Streben nach beruflichem Erfolg überlagert alles. Wir vernachlässigen Freunde, solange deren Väter keine Personaler sind. Wir verabschieden uns von Hobbys, wenn diese keinen beruflichen Nutzen bringen. Alles wird auf Sicherheit getrimmt. Was verloren geht, ist die Freiheit, die Studieren eigentlich mit sich bringen sollte.

Entspannung im Uni-Alltag

Entspannen, durchatmen - davon steht nichts auf der Literaturliste zum Bachelor-Seminar

Zwei Fragen sollte jeder Student im Auge behalten: Was will ich wirklich? Worum geht es mir im Leben? Und nicht: Was will der Personalchef? Friedrich Schiller hat in seiner Antrittsvorlesung in Jena 1789 zwei Typen von Studenten unterschieden: den „philosophischen Kopf“, der mit idealistischem Enthusiasmus studiert – und den  „Brotgelehrten“, der nur für „Amt, Geld und Ansehen“ zur Uni geht. Natürlich hat sich der Querdenker Schiller über die Brotgelehrten lustig gemacht. Heute versucht jeder, der fleißigste Brotgelehrte zu werden: eine Generation stromlinienförmiger Streber, in der es keinen Raum gibt für Ecken und Kanten. Dabei sollte das Studium gerade dazu dienen, eine eigene Persönlichkeit zu entwickeln.
Viele meinen zu wissen: Glück – das ist ein sicherer Job und eine erfolgreiche Karriere.  Aber stimmt das? Marilyn Monroe hat gesagt: „Karriere ist etwas Herrliches, aber man kann sich in einer kalten Nacht nicht an ihr wärmen.“ Und schon der antike griechische Philosoph Epikur wusste: Glücklich ist, wer Augenblicke auskostet, Zukunftsängste vermeidet, Ehrgeiz zügelt. Dauerhaftes Glück bringen seiner Ansicht nach nur soziale Beziehungen. Aber Freundschaften zu pflegen, braucht Zeit – Zeit, die beim Hetzen vom Hörsaal zur Karrieremesse nicht bleibt.

Das Leben ist keine Autobahn

Klar, ein Bummelstudium mit anschließendem Vegetieren in Praktika oder Arbeitslosigkeit macht auch nicht glücklich. Jeder will eigenes Geld verdienen und einen Job, der Spaß macht. Verkrampftes Lebenslauf-Pimpen führt aber nicht ans Ziel. Der Münsteraner Psychologe Alfred Gebert rät, auch mal zu entspannen.  „Selbst Gott hat am siebten Tag Pause gemacht. Das Gehirn strukturiert sich, wenn man Pause macht“, sagt Gebert. „Unser innerer Schweinehund meint es gut mit uns.“ Wenn der Körper nach Pausen verlangt, sollte man sie ihm gönnen. Sonst rackert man sich zwar ab, arbeitet und lernt aber ineffizient.

So sehr wir uns verkrampfen – wir können unsere Zukunft nicht planen. Die Karriere ist keine Autobahn, auf der wir bloß die richtige Ausfahrt nehmen müssen. Auch wenn wir vermeintlich falsch abgebogen sind, muss das kein Drama sein: So wenig gute Uni-Leistungen eine erfolgreiche Karriere bedingen, so wenig verbauen schlechte Leistungen zwangsläufig den Weg. Der Tipp des Psychologen Alfred Gebert: „Durchbrechen Sie Vorschriften, sammeln Sie fachfremde Erfahrungen, machen Sie ruhig mal ein Semester Pause.“ Man muss sich nur die unzähligen Vorbilder ansehen, die Karriere gemacht haben, obwohl – oder vielleicht gerade weil – sie aus Strukturen ausgebrochen und ihren eigenen Weg gegangen sind. Star-Regisseur Sönke Wortmann („Das Wunder von Bern“) spielte nach dem Abi drei Jahre lang Fußball unter anderem bei Westfalia Herne, studierte anschließend ein Semester Soziologie in Münster und ging danach sechs Jahre lang auf die Filmhochschule in München. Seinen Abschluss machte er mit 30. Auch Apple-Gründer Steve Jobs, Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und Microsoft-Gründer Bill Gates sind Studien-abbrecher, die inzwischen Milliarden besitzen. Geplant hatte das keiner von ihnen.

Nur eines ist sicher: Wer sein gesamtes Studentenleben in der Bibliothek oder im Praktikum verbringt, wird es am Ende bereuen. Wer in blinder Angst das heutige Glück gegen ein vages Sicherheitsversprechen für morgen tauscht, wird womöglich am Ende ohne alles dastehen. Ohne Sicherheit – aber vor allem: ohne Glück.

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