Bootsfrau: Auf Umwegen zum Traumjob

Sechs Grad und Nieselregen am grauen Dortmunder Hafen. Sabrina Kohlpoth (27) sitzt im gemütlichen Aufenthaltsraum der „de Albertha“ und wärmt die kalten Hände an einem Kaffee. Sie könnte davon träumen, wie es im Sommer war, und wie es im nächsten Sommer wieder sein wird: 23 Grad und Sonnenschein am Arbeitsplatz in der Ostsee, mit ihr setzt ein Trupp gut gelaunter Kinder die Segel der „de Albertha“. Doch obwohl Sabrina das Segeln liebt, ärgert sie sich nicht darüber, dass „ihr“ Schiff bis März keine Seemeile fahren wird. Winterpause, vor ein paar Tagen musste die Mannschaft die Leinen legen.

Sabrina ist glücklich. Nicht obwohl, sondern gerade weil sie nicht im Büro oder in einer Schule arbeitet. Weil ihr Lebenslauf von einem Zickzack-Kurs erzählt, gegen den Wind. Weil ihr Masterplan anders aussah als der vieler Studenten. Weil er funktionierte.

Sabrina hat keine Angst vor Gegenwind, sie genießt ihn.

Sabrina fürchtet Gegenwind nicht, sie genießt ihn. Foto: privat

2002: Nach ihrem Abitur studiert Sabrina Chemie und Mathe auf Lehramt. Mathe schmeißt sie bald hin und schreibt sich stattdessen für Sport und Philosophie ein. Nicht, dass ihr sonst langweilig wäre: Im Nebenjob kellnert sie nicht nur, sondern verkauft auch Schuhe. Als ihr Chef der Dortmunderin eine duale Ausbildung mit Filialleiter-Position anbietet, schlägt sie zu und verliert keine Zeit: Statt nach zweieinhalb Jahren darf sie sich schon nach 18 Monaten Einzelhandelskauffrau nennen, das BWL-Studium ist auf der Zielgeraden. Quasi nebenbei organisiert sie zur WM 2006 gemeinsam mit ihrem Freund in Dortmund das größte Fan-Camp Deutschlands. Es klappt perfekt und sie will mehr. Mehr Herausforderung, weniger Schema F; mehr Natur, weniger Kommerz. Wanderer durch die Alpen führen zum Beispiel oder Touristen in Kanada.

Dann stellt ihr ein Bekannter die „de Albertha“ vor. Baujahr 1891, fast 35 Meter lang, tief und flach mit vielen Rundungen: Ein Traum von einem Schiff. Das war 2007. Seitdem betreut sie dort Gruppen, die das Schiff chartern, Schüler etwa oder Firmen auf Betriebsausflug. Auf hoher See oder im Netz der Kanäle frischt sie so seit gut zwei Jahren ihre Segel-Erfahrungen aus der Kindheit auf. Nur noch ein Prüfungsmarathon in den Niederlanden – 20 Klausuren auf Holländisch in zwei Wochen – steht ihrer weltweiten Anerkennung als Bootsfrau im Weg.

Überall etwas gelernt

Bei Gästebetreuung, Personalwesen und Buchhaltung weiß die 27-Jährige schon jetzt, wovon sie spricht – oder besser, was sie wie anpackt. Kein Abschnitt ihres Lebens war umsonst, betont Sabrina, überall habe sie etwas gelernt. Kurz: Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass die oft beschworene Einhaltung der Regelstudienzeit allgemein überbewertet wird. Sabrina punktet mit Kreativität: Während die „de Albertha“ im Dortmunder Hafen liegt, dient sie nun als Vereinsheim für „Engelsblume e.V.“, der sich um die Integration behinderter Menschen kümmert. Und donnerstags bis sonntags lockt das Schiff als schwimmende Kneipe.

Was Sabrinas eigene Pläne sind? Sie wird weitersegeln, ob mit Rücken- oder Gegenwind. Nächster Stopp? Vielleicht ein Nautik-Studium. Oder sie wählt einen anderen Kurs zu dem Ziel, das sie sich vornimmt – „bis man selbst Chef ist“. Mit der Gelassenheit, die man lernt, wenn man dem Wetter ausgeliefert ist. Und dem Humor, den man lernt, wenn man in Dortmund liegt. „Wat is dat denn für’n Pin?“ murrte einmal ein Angler und deutete auf den Mast. „Ein Mast“, erklärte Sabrina, leicht irritiert über die Frage. „Aha“, brummte der Mann. „Und wofür braucht man den? Habt Ihr keinen Motor?“ Doch, haben sie, einen Schiffsdiesel mit 186 PS. Aber damit zu fahren, sagt Sabrina fast entschuldigend, sei irgendwie langweilig.

Mitarbeit von Sandra Bobersky.

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