25 Jahre „SchwuBiLe“ – „Noch viel zu tun“

Die Tür geht auf: Eine Gruppe junger Männer zwischen 16 und 19 Jahren betritt das Essener Café „Vielfalt“. Kurz darauf nimmt einer von ihnen einen Trinkbecher und kippt den Inhalt in die Gesichter zweier Cafébesucher. Dann stürmt die Gruppe davon. Im Becher war kein Kaffee oder Tee – Es war Urin. Getan haben die zwei Cafébesucher eigentlich nichts. Die Tatsache, dass die Beiden schwul sind, war für die Gruppe Grund genug, sie zu diskriminieren.

Nicht immer geht es vor dem Café Vielfalt friedlich zu

Nicht immer geht es vor dem Café Vielfalt friedlich zu

Übergriffe auf schwul-lesbische Einrichtungen wie das Café „Vielfalt“ sind nichts Neues. Gerade in der letzten Zeit häufen sie sich, hat Marc Claaßen beobachtet. Er ist Sozialpädagoge und arbeitet im Café „Vielfalt“. „Früher gab es derartige Fälle kaum“, erinnert er sich. Ein ähnlicher Fall: Ein Mann läuft aus der Kneipe und beginnt zwei lesbische Frauen anzupöbeln, die gerade aus dem „Vielfalt“ kommen. Bevor es zur Schlägerei kommt, greift die Polizei ein. Die beiden Frauen haben Glück im Unglück: leichte Verletzungen und zerrissene Klamotten sind die Erinnerung an den Abend. Der Gewalttäter wird anschließend verurteilt. Ähnlich rau geht es auch im Café „Enterpride“ in Mülheim, einem schwul-lesbischen Jugendzentrum, zu. „Auch die Besucher des „Enterpride“ wurden beschimpft und verfolgt“, weiß Claaßen. Gelegentlich kleben dort sogar Aufkleber mit der Aufschrift „Nicht wirklich deutsch!“ an der Café-Tür – vermutlich von rechten Organisationen angebracht.

Marc Claaßen vermutet als Grund für solche Übergriffe die zunehmende Perspektivlosigkeit vieler Menschen. Das gesellschaftliche Klima wird deutlich rauer. „Die Finanzkrise, fehlende Arbeitsplätze und die daraus resultierende Langeweile erzeugt Frustration bei einigen Menschen“, meint er. „Man sucht nach einem Schuldigen: Randgruppen und Minderheiten sind da als Opfer prädestiniert.“

Wie tolerant sind wir wirklich?

Nach dem Outing stößt nicht jedes Paar auf Toleranz, Foto: Melanie L.

Nach dem Outing stößt nicht jedes Paar auf Toleranz, Foto: Melanie L.

Doch es sind nicht nur die vermeintlich „Gescheiterten“, die auch heute noch ein Problem mit Homosexuellen haben. Auch angehende Akademiker zeigen sich intoleranter als vielleicht erwartet. Laut einer Umfrage stehe jeder Dritte Menschen mit einer sexuell anderen Neigung kritisch gegenüber, betont die Prorektorin für Diversity Management der Uni Duisburg-Essen, Ute Klammer. Intoleranz gibt es auch in den obersten Etagen der Uni, weiß Eva Siegfried, Studentin der Uni Duisburg-Essen: „Ein Professor fragte uns in der Vorlesung, was der Autor eines Buches mit seiner literarischen Figur ausdrücken wolle. Als niemand darauf kam, sagte er, dass es sich hier nur um einen Hinterlader handeln könne – zu deutsch: ein Schwuler.“

Vom politischen Engagement zur Spaßgesellschaft

Angesichts dieser Zahlen übt Axel Bach, Ehrenmitglied des „Essener schwul-lesbischen autonomen Referats“ (SchwuBiLe), Kritik am mangelnden Engagement. „Die Referate sind zu wenig politisch aktiv. Sie haben das Niveau von Selbsthilfegruppen erlangt, wobei man von einem Referat an einer Universität deutlich mehr erwarten kann. Genau diese Vorfälle und Zahlen müssten uns doch wachrütteln.“ Bach kennt sich in der Essener Szene aus und kritisiert offen die neue Generation Homosexueller: Es sei schade, dass viele schwule und lesbische Jugendliche überhaupt nicht mehr auf politischer Ebene agieren – stattdessen häufig eine „Laisser-Faire-Einstellung“ an den Tag legten und sich zur Spaßgesellschaft entwickeln. So wie der Christopher-Street-Day immer weniger als öffentliche Plattform genutzt wird, um politische Probleme anzusprechen, mutieren ebenso Online-Foren zum Portal für Partytipps. In der Tat scheint es, als würde der Demonstrationstag für Lesben, Schwule und Bisexuelle heute weniger als politisches Sprachrohr genutzt. So war der 19-jährige Simon Ahrens aus Bremen beim diesjährigen Christopher-Street-Day nicht der Einzige, den der Spaß nach Köln trieb: „Für mich hat der Christopher-Street-Day keine politischen Hintergründe, ich bin nur zum Fun hier!“ Aussagen wie diese findet Bach erschreckend. „Eine Mischung aus Spaß und politischem Engagement wäre der richtige Weg.

Kritik an den Referaten

Axel Bach kritisiert die Arbeit der Referate, Foto: Dennis Pfeiffer-Goldmann

Axel Bach kritisiert die Arbeit der Referate, Foto: Dennis Pfeiffer-Goldmann

Dabei ist Aufklärungsarbeit auch in der heutigen Zeit enorm wichtig, findet Bach: „Erklären und Aufklären – das ist ein ewig kreisender Prozess. Die eigene Sexualität muss reflektiert werden.“ Bach erinnert an die 80er Jahre, als Homosexuelle sich ihre „Grundrechte“ noch erkämpfen mussten. In den Gründungsjahren des schwul-lesbischen Referats galt es schon als provokant, als Schwuler überhaupt öffentlich aufzutreten. Demos waren damals noch an der Tagesordnung: Gefesselt, mit zugepflastertem Mund, in adretten Anzügen gekleidet und gewappnet mit der Plakat-Aufschrift „So wollt Ihr uns: als angepasste Schwule“ hat Ende der 80erJahre eine kleine Schwulen-Gruppe den Mensa-Eingang der Uni Duisburg belagert. „Damals waren die Erwartungen noch hoch politisiert“, erinnert sich Bach, „Sich politisch zu engagieren, war selbstverständlich. Es sollte jedoch auch heute noch eine der Hauptaufgaben für alle Vereine und Referate Homosexueller sein, aufzuklären und politisch zu wirken“, sagt Bach weiter. Er fordert mehr Politik in der Themensetzung der Referate, lobt aber gleichzeitig das seit 25 Jahren bestehende SchwuBiLe. „Wir haben viel erreicht, aber es gibt noch viel zu tun.“

3 Comments

  • Mein Name ist Hans. Das L steht für Gefahr. sagt:

    Liebe Pflichtlektüre,

    bei den social networks würd ich jetzt irgendwo auf „Als Spam melden“ oder „Verstoß melden“ drücken, gibts ja hier leider nicht –>was für ein Vollidiot muss mein „Vorredner“ sein, da fällt mir echt keine differenziertere Wertung ein. Humor auf solchem Niveau betreiben ja sonst egtl nur noch Pocher und Barth, aber anscheinend auch der geistige Tiefflieger „p33ter“…Was bitte schön soll daran lustig sein?! Hast du dir jemals vorgestellt, „Mitglied“ einer gesellschaftlichen Randgruppe zu sein? Wie sich das anfühlt, zu wissen, dass du nicht dem gesellschaftlichen Einheitsbrei und „mainstream“ entsprichst und dich damit aber auch in unserer achso toleranten Zeit diversen Repressalien aussetzen musst??

    Aber was erwarte ich da, sicherlich viel zu viel von jmd., der einen solchen Kommentar hinterlässt…Billiger und infantiler gehts nicht.

  • p33ter sagt:

    „dass es sich hier nur um einen Hinterlader handeln könne – zu deutsch: ein Schwuler.“

    Also ich hätte mich weggeschmissen vor lachen^^

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