Bio-Lebensmittel: Kein gesundheitliches Plus, aber trotzdem besser

Matteo Penzo

 

Seite an Seite, Kiste an Kiste – sie liegen nebeneinander an der Gemüsetheke und stehen zusammen in den Supermarktregalen. Die einen sind „Bio“, die anderen sind herkömmlich. Die einen teurer, die anderen billiger. Bio gilt als Elite unter den Lebensmitteln. Wir halten Bio-Lebensmittel für gesünder, für besser. Stimmt das? Wer kauft überhaupt Bio und wieso? Wir haben mit Frau Prof. Dr. Carola Strassner vom Lehrstuhl für Nachhaltige Ernährungssysteme und Ernährungsökologie an der Fachhochschule Münster gesprochen.

Frau Strassner, Ihre Forschung dreht sich um Bio-Lebensmittel. Und privat? Ernähren Sie sich auch von Bio-Lebensmitteln?

Kurz gesagt: Ja – aber dabei nicht unbedingt von Bio-Lebensmittel aus dem Bio-Laden oder dem Supermarktregal. Privat sind meine Familie und ich inzwischen seit acht Jahren Teil eines sogenannten „CSA-Betriebs“ hier in Münster – ein landwirtschaftlicher Bio-Betrieb, der nach dem Modell, von der Gemeinschaft getragen zu werden, wirtschaftet. Das Ganze heißt in der Fachsprache „Community Supported Agriculture“. Ich schließe mich als Verbraucher an einen landwirtschaftlichen, ökologischen Betrieb an und unterstütze diesen finanziell. Dafür bekomme ich im Austausch das ganze Jahr über einen eigenen Ernteanteil. Dieser Anteil ändert sich saisonbedingt – was gerade eben so reift. Die Auswahl ist nicht eintönig, es gibt mehr als 40 verschiedene Gemüsesorten.

Natürlich habe ich als „CSAlerin“ in dem System einen geringeren Anteil an Fleisch. Es wird ja nur selten geschlachtet. Das entspricht keiner Menge, bei der jeden Tag Fleisch verzehrt werden kann. Wir kriegen einmal in der Woche von dem Hof unseren Anteil. Das ist im Wesentlichen Gemüse, Schaf-Milchprodukte in Form von Joghurt oder Käse, Eier und dann und wann ein wenig Lamm-Fleisch. Der Hof hält ausschließlich Schafe.

Das Besondere an CSA: Es ist nicht nur Bio, sondern vor allem regional. Ich kenne die Landwirtsfamilie, den Hof und stehe in einem veränderten Verhältnis zu meinen Lebensmitteln. CSA ist eine Landwirtschaftsform, die zu der Speerspitze der neuen Erzeuger-Verbraucher-Beziehungsmodellen gehört.

Was ist überhaupt Bio?

Im alltäglichen Sprachgebrauch wird der Begriff „Bio“ auf zweifache Weise gebraucht: In der Landwirtschaft, um eine bestimmte Landwirtschaftsform zu bezeichnen und  in der Lebensmittelwirtschaft, um eine bestimmte Produktqualität zu kennzeichnen.

Der zentrale Gedanke der ökologischen Landwirtschaft, der „Bio-Landwirtschaft“ ist, dass es als Idealzustand einen geschlossenen Nährstoffkreislauf gibt. Das heißt, ein landwirtschaftlicher Betrieb wird als Organismus, als Einheit betrachtet, in dem Nährstoffe ununterbrochen im Fluss sind: Sie gehen vom Boden in die Pflanze, dann in die Tiere und wieder zurück in den Boden. Das heißt, dass ich nach diesem Bild auch eine Verbindung mit dem Boden habe, nicht nur mit dem Produkt. Die Beschaffenheit des Bodens, seine Vitalität, seine Fähigkeit, Pflanzen gesund wachsen zu lassen – das wird dann alles ziemlich zentral. Daraus leitet sich dann alles weitere für die Landwirtschaft ab: Nach diesem Prinzip darf ich auch nur so viele Tiere halten, wie ich Futter für diese herstellen kann. Das ist die Idealvorstellung der ökologischen Landwirtschaft.

Bio ist daher eine Prozessqualität, keine Endprodukt-Eigenschaft.

Gibt es einen typischen Bio-Produkte-Konsumenten? Und wieso kaufen Menschen Bio?

Vor zehn bis 20 Jahren hätte man vielleicht noch gesagt, das sei bloß eine kleine Randgruppe. Das stimmt heute nicht mehr. Heutzutage greifen fast alle mal zu Bio – wie auch Haushaltspendals des Marktforschungsinstituts GfK gezeigt haben. Trotzdem gibt es bestimmte Gruppierungen von Menschen, die mehr Bio kaufen oder potenziell mehr Bio kaufen könnten.

Die Ergebnisse einer Studie aus der Milieuforschung waren sehr spannend: Interessanterweise sind diejenigen, die zugänglicher für Bio-Lebensmittel-Konsum sind, gerade auch diejenigen, die tendenziell eher die „Leitmilieus“ in einer Gesellschaft darstellen. Gruppen, die eine gewisse gesellschaftliche Vorbildfunktion besitzen.Einerseits gehört dazu die Gruppe, die großes Interesse an modernen Technologien, körperlichen Leistungserbringungen und Effizienzsteigerung zeigt – also eine sehr sportliche Gruppierung.  Gleichermaßen gehören aber auch Milieus dazu, die durchaus ein wenig mehr wertekonservativ sind oder Menschen, die sehr viel Wert auf gutes Essen oder hohe gastronomische Qualität legen.

Prof. Dr. Carola Strassner arbeitet am Lehrstuhl güt Oecotrophologie an der Fachhochschule Münster. Bildautor: Wilfried Gerharz

Prof. Dr. Carola Strassner arbeitet am Lehrstuhl für Oecotrophologie an der Fachhochschule Münster. Bildautor: Wilfried Gerharz

Ein Beweggrund für viele Menschen, sich der Bio-Ernährung zuzuwenden, ist, dass sie nicht mehr die Folgen der herkömmlichen Landwirtschaft mittragen wollen. Masttierhaltung, empfundene Tierquälerei, lange Transportwege für die Tiere, Tiere ohne Zugang zu einem artgerechten Umfeld und die Frage, wie viel Raum hat ein Tier, sind da zentral. Sie begreifen Lebensmittel schon als Teil eines Ökosystems, bei dem die Tierhaltung ein Teil des Ganzen ist.

Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Leute, die regelmäßig zu Bio greifen, auch generell eine gesündere Lebensmittelauswahl haben und  in der Regel besser über gesunde Ernährung informiert sind. Das wissen wir aus den Bio-Käufer-Daten der Nationalen Verzehrstudie II. Eine andere Studie belegt, dass sie das Thema Gesundheit weiter fassen als nur die unmittelbare, direkte Gesundheit. Sie sehen ihre Gesundheit im Austausch mit der ihrer Umwelt. Aus der Vogelperspektive. Nicht nur als Ergebnis dessen, was sie sich in Form von Lebensmitteln und Getränken einverleiben. Sie beachten: Wie gesund ist ihre Mitwelt, wie sauber ist das Wasser, das Land, der Wald, in dem sie leben?

Wenn jeder deutsche Haushalt inzwischen Bio-Lebensmittel einkauft, welches Produkt ist dann das gefragteste?

Ein Klassiker ist wohl die Bio-Milch oder Bio-Milchprodukte wie Joghurts und Co. Insbesondere die Milch selbst ist beinahe ein „Umsteiger-Produkt“. Viele Konsumenten sagen sich als ersten Schritt: „Okay, dann versuche ich es jetzt mal mit der Bio-Milch.“ Und das tun sicherlich auch umso mehr, seitdem diese verstärkt in herkömmlichen Supermärkten auffindbar ist. Als die Einzelhandelsketten mit dem Bio-Angebot eingestiegen sind, war es typischerweise die Reiswaffel oder die Bio-Vollkornnudel. Einen etablierten Bio-Käufer hätten diese Produkte nicht in die Supermärkte gelockt – diese Angebote richteten sich eher an mögliche Einsteiger.

Wenn sich jetzt immer mehr Menschen „Bio“ ernähren: Sind Bio–Lebensmittel gesünder oder prinzipiell besser als herkömmlich erwirtschaftete Produkte?

Das ist eine Lieblingsthematik in unserem Fachgebiet, die sehr umfangreich und komplex ist. Man muss sich erstmal klar werden: Was meine ich mit der Frage genau? Manche formulieren diese in Bezug auf die Gesundheit: Ist Bio gesünder oder nicht? Dann taucht die Frage auf: Ist Bio besser oder nicht?

Es gibt für all diese Betrachtungsweisen sehr unterschiedlichen Datengrundlagen. Manche Studien reduzieren die Betrachtungsweise auf die Inhaltsstoffe der Lebensmittel – dann wird ein Bio-Apfel mit einem herkömmlichen Apfel verglichen. Das Problem dabei ist: An welchen Inhaltsstoffen mache ich meine Frage fest? Da gibt es einen endlosen Schlagabtausch. Der eine zeigt, es sind mehr Vitamine in den Bio-Lebensmitteln. Darauf folgt die nächste Studie, die dieses wiederum bestreitet und hat dabei ein oder zwei andere Aspekte in den Blick genommen.

Meines Erachtens werden diese Fragen „Ist Bio besser oder gesünder?“ dem Sachverhalt überhaupt nicht gerecht. Sie sind viel zu kurz gegriffen, weil wir die Lebensmittel häufig nicht mehr in der Form essen, wie sie in den Studien untersucht werden – als „Natur-Produkt“. Mittlerweile essen wir alle mehr stark verarbeitete Lebensmittel.

Wie sollte die Frage denn alternativ betrachtet werden?

Die Debatte sollte das größere Bild – den Kreislauf in der Landwirtschaft – berücksichtigen. Die Produkte müssen in ihrem Kontext insgesamt betrachtet werden: Ist es besser für ein Umweltsystem, wenn wir nach ökologischen Prinzipien erzeugen? Es geht um Bodenvitalität, um die Artenvielfalt. Gerade in der Herstellungsweise der Produkte liegt das Problem der industrialisierten Lebensmittelwirtschaft.

Die Frage „Sind Bio-Lebensmittel besser oder gesünder?“ ist einfach nicht treffend. Da sind so viele Faktoren, die letztendlich einen Einfluss auf das Endprodukt haben, sodass diese Frage kaum zu beantworten ist. Standort, Witterung, Bewässerung und die Bodenqualität zum Beispiel.  Es gibt keine klare Antwort auf das „Mehr“ an wertgebenden Stoffen in Bio-Lebensmitteln. 

Anders ist das bei der Frage „Haben Bio-Lebensmittel weniger von wertmindernden Stoffen wie Rückstände von Pestiziden oder Antibiotika?“  Ergebnisse der Lebensmittelüberwachung zeigen, dass Bio-Lebensmittel diese Stoffe so gut wie nicht enthalten. Das dürfte aber auch nicht überraschen, weil der Einsatz von Antibiotika und chemisch-synthetischen Pestiziden schon vom Prinzip der ökolgischen Landwirtschaft ausgeschlossen wird.

Schmeckt Bio denn besser?

Über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten. Das trifft auch hier zu. Grund dafür sind unsere Geschmacksprägungen. Wissenschaftler aus dem Bereich der Sensorik haben im Blindversuch Laien Joghurts probieren lassen – in Bio-Variante und herkömmlicher Variante.  Das Ergebnis ist interessant: Menschen, die sich normalerweise mit herkömmlichen Lebensmitteln ernähren, bevorzugen auch den Joghurt ohne Bio-Inhaltsstoffe. Den Geschmack kennen sie und empfinden ihn auch als besser. Gewohnheit macht’s. Andersherum gilt das Gleiche.

So geht Bio als Student mit wenig Geld:

Welche Produkte sind am kostengünstigsten?

  • bei der Frischware: saisonales Obst und Gemüse
  • Trockenware oder Nährmittel  (z.B. Nüsse, Nudeln, Linsen, Bohnen)

Welche Alternativen gibt es?

  • eigener Anbau von ökologischem Obst und Gemüse

Wieso saisonale Frischware?

„In Sachen Frischware wie Obst und Gemüse ist das Thema saisonales Angbot ein riesiger Tipp. Wer saisonal einkauft, kriegt die Preisschwankungen zwischen herkömmlich erwirtschafteten Lebensmitteln und den ökologisch angebauten Lebensmitteln in den Griff. Es gibt zwar durchaus Zeiten, da muss man ein wenig nach Bio-Angeboten suchen, aber es kann durchaus im Markt dazu kommen, dass es von irgendeinem Lebensmittel im Bio-Bereich eine kleine „Schwämme“ gibt und der Preis dann sogar unter dem herkömmlichen liegt.“

Wieso Nährmittel?

„Was auch preiswer sein kann: Trockenware oder Nährmittel – also Nüsse, Nudeln, Linsen, Bohnen und Co. Auf dem herkömmlichen Markt für Trockenware herrscht ein großes Angebot mit verschiedenen Marken und unterschiedlich hohen Preisen, sodass sich der Preis der Bio-Trockenware  und der Bio-Nährmittel im Mittelfeld oder sogar auch gelegentlich im unteren Bereich dieser Preisspanne bewegt. Das hat eine Studie in Bezug auf Nährmittel gezeigt.“

Beitragsbild: Matteo Penzo/flickr.com