Der Breitmaulfrosch: Ein Plädoyer für Plateau

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Ob Poetry-Invasion, Grüne Smoothies oder die hippesten Hipster-Klamotten – über Kunst, Lifestyle, Mode und Kultur lässt sich gut das Maul zerreißen. Ein chronischer Maulzerreißer ist der Breitmaulfrosch, der in dieser Kolumne merkwürdige Trends aufs Korn – und dabei kein Seerosenblatt vor den Mund nimmt. Diesmal quakt er eine Liebeserklärung an einen Schuh, der mehr kann, als nur Füße trocken halten. 

Ich gestehe, ich steh auf Plateau. Ob sportlicher Sneaker mit drei Zentimetern, elganter Mokassin mit fulminantem Unterbau oder kobaldblauer T.U.K Creeper – alle haben sie einen Platz in meinem Herzen und in meinem Schuhschrank. Der alltägliche Blick zum Schuhwerk wird zur Hommage an Plateau. Sich mit ein paar Zentimetern mehr unter den Füßen auszustatten ist momentan wieder in: Ein Trend, der wortwörtlich in den Himmel geschossen ist. Und das nicht ohne Grund. Hier kommt ein Erklärungsversuch, warum Plateau erhöht und erdet, schummelt und glücklich macht.

Das Dauerverliebtheitsgefühl

In schnulzigen Liebesromanen schwebt die doch tatsächlich sehr verliebte Protagonistin sprachlich meist einige Zentimeter über dem Erdboden. Die literarische Metapher wird mit Plateau zur tatsächlichen Gegebenheit: Der Gang auf dicken Sohlen ist wie ein Dauerverliebtheitsgefühl. Drei Zentimeter zwischen mir und dem gräulichen Asphaltmatsch – eine Unendlichkeit zwischen mir und dem eintönigen Realitätsmatsch. Mit mehr auf den Rippen entzieht man sich der gesellschaftlichen Akzeptanz, mit mehr unter den Füßen entzieht man sich der Gesellschaft schlechthin. Der Plateauschuh schafft Distanz zwischen Normalität und modischer Illusion. Der Plateau-Träger weigert sich, auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren, lässt es sich doch vortrefflich in ungeahnten Höhen flanieren. Auf Wolke sieben schweben ist doch letztendlich nur eine Umschreibung für die sieben-Zentimeter-Gummisohle eines Plateau-Schuhs.

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Klassischer Mokassin mit dicker Gummischicht. Foto: Jasmin Assadsolimani

Das portable Podest

Genau wie der High Heel generiert der Plateau den großen Auftritt durch ein paar Zentimeter mehr. Die dicken Sohlen sind quasi das Podest to go. Der Plateau-Schuh ist die legere Variante des zickigen Pump. Während ersterer bereits durch nervöses Geklacker aus weiter Ferne sein Aufmerksamkeits-Defizitsyndrom in die Welt hinausposaunt, zeigt sich letzterer betont lässig. Der Plateau-Schuh speist seinen Erfolg aus einer Ambivalenz: er erhöht und erdet zugleich. Zwar zaubert der Unterbau in der Höhe gesehen ein paar Zentimeter mehr, hält seinen Träger durch sein Gewicht jedoch am Boden. Der Plateau schlägt dem High Heel ein verhöhnendes Schnippchen, indem er zwar seine Vorteile adaptiert, die Umsetzung jedoch variiert.

Die Dekadenz zum Anziehen

Woher kommt die Redensart „auf großem Fuß Leben“, wenn nicht vom Plateauschuh? Die überdimensionale Gummischicht verleiht einem das Gefühl der verschwenderischen Dekadenz. Denn wenn Plateau eines nicht hat, dann ist das einen praktischen Nutzen. Während die normale Fußbekleidung bereits mit einer dünnschichtigen Sohle auskommt, darf es beim Plateau gerne mal mehr sein. Der etwas großzügiger ausgestattete Schuh ist wie die Pizza mit extra Käse oder die heiße Schokolade mit Sahne: Die Extra-Sohle ist die Extraportion Luxus.

Der Generationen-Zwist

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Der Creeper – subkultureller Plateauschuh der Teds in den 50er Jahren. Foto: Jasmin Assadsolimani

Wie jeder Trend ist auch der Plateau-Schuh nicht Everybody’s Darling. Stampfer schimpft ihn meine Mutter, Wunderwaffe schwelge ich. Noch nie spaltete ein Trend Generationen in solchem Ausmaße. Währen die Generation U 30 auf dicke Sohlen steht, erntet er von den älteren Zeitgenossen wohl nur ein krauses Naserümpfen. Denn: Ja richtig, er deformiert – der zarte Fuß wird zum Klumpen, der schwebende Schritt zum plumpen Tritt. Plateau war schon in den 50ern der Schuh der Subkulturen. Bei den Teds, Goths, Punks durfte es untenrum gerne etwas mehr sein. Plateau ist auch meine kleine Rebellion gegen das Spießbürgertum.

Der Plateauschuh zieht sich durch die Geschichte und zeigt, dass er mehr ist als nur ein flüchtiger Trend: Die Mimen im alten Griechenland trugen Plateau im Amphitheater, in den 70ern wurde das Night Fever auf dicken Sohlen ausgelebt, die 90er ravten sich mit Gummischicht aus dem Realitätsalltag. Trends kommen und gehen – Plateau bleibt.

Ich plädiere hiermit für Plateau, für mehr Sohle, Schwerelosigkeit und Bodenhaftung.

Beitragsbild: Helena Brinkmann

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