Die Pille für den Mann – Warum eigentlich nicht?

Der Soziologe

Torsten Wöllmann ist Medizinsoziologe und -historiker. Er erforscht, welche Vorstellungen von Männlichkeit und Gesundheit es in der heutigen Gesellschaft gibt und wie sie sich in der Vergangenheit entwickelt haben.

Pflichtlektüre: Herr Wöllmann, was denken Sie: Warum gibt es die Pille für den Mann noch nicht?

Wöllmann: Ich denke, es gibt eine ganze Reihe von Gründen. Da ist zum Beispiel die Zurückhaltung der Pharmaindustrie seit Beginn der Entwicklung der Pille für den Mann. Die Pharmaindustrie bietet ja seit langem das Produkt “Pille für die Frau” an und von ihrer Seite gibt es offensichtlich große Skepsis, ob sich die Forschung und Entwicklung zur Pille für den Mann finanziell rentiert, zumal Frauen schon versorgt sind.

Pflichtlektüre: Bayer-Schering hat 2007 die letzte Studie zur “Spritze für den Mann” eingestellt. Die Begründung war, dass für diese Methode keine breite Akzeptanz bei den Männern zu erwarten ist. Denken Sie, dass Männer die Pille wirklich nicht wollen?

Wöllmann: Historisch sind die Fragen von Reproduktion und Verhütung auf die Frauen abgewälzt worden. Das scheint auch ganz bequem für viele Männer zu sein. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie viele Männer tatsächlich bereit sind diese Verantwortung zu übernehmen.

Pflichtlektüre: Aber steht der verantwortungsvolle Mann von heute nicht bei den meisten Frauen hoch im Kurs?

Wöllmann: In der Geschlechterforschung geht man von unterschiedlichen Männlichkeitsbildern aus. Die vorherrschenden Formen von Männlichkeit sind jedoch wenig darüber definiert, dass man eine verantwortliche Rolle in der Verhütung übernimmt. Die australische Männerforscherin Raewyn Connell beschreibt seit einigen Jahren das vorherrschende Bild als eine neoliberale Unternehmermännlichkeit.

Pflichtlektüre: Was ist denn eine “neoliberale Unternehmermännlichkeit”?

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Pflichtlektüre: Heißt das, dass Männer Egomanen sind?

Wöllmann: Das heißt nicht, dass Männer nicht verantwortungsbereit sind und tatsächlich Verantwortung für die Verhütung übernehmen. Es geht vielmehr um einflussreiche Stereotype, die mal Aufschwünge und Abschwünge haben. Für Männer in ihrem Alltagsleben hingegen kann medikamentöse Verhütung eine große Umstellung darstellen: Auf diese Weise Eingriffe in ihre Körper zu unternehmen und ihre “Männlichkeit” zu beeinflussen, das ist eine vergleichweise neue Angelegenheit für sie.

Pflichtlektüre: Was genau verändert sich denn da gerade im Männlichkeitsbild?

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Pflichtlektüre: Könnte es sein, dass manche Männer sich durch die hormonelle Verhütung in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen?

Wöllmann: Aufgrund der bisherigen Geschichte der Männlichkeitskonstruktionen könnte es schon sein, dass hormonelle Verhütungsmittel als Bedrohung wahrgenommen werden. Historisch gesehen ist Erektions- und Zeugungsfähigkeit, also “Potenz”, etwas Zentrales, worüber sich Männlichkeit definiert hat. Man könnte spekulieren, dass Männer um ihre Libido fürchten oder Angst haben, dass auf eine Art in ihrem Organismus interveniert wird, der sie entmännlicht.

Pflichtlektüre: Scheitert die Pille also daran, dass die Männer zu große Angst vor ihr haben?

Wöllmann: Die Frage nach der Relevanz dieser Angst setzt die Annahme voraus, dass das Produkt “Pille für den Mann” bereits marktreif entwickelt ist. Ich frage mich, ob die Investitionsbereitschaft und die Gewinnerwartungen von Pharmaunternehmen nicht eine wichtigere Rolle spielen als die Ängste von Männern.

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