Gehirntraining für den modernen Sportler

Horst Lutz war als Fußballtrainer unter anderem in Island und beim TSV 1860 München tätig. Bild: lifekinetik.de

Horst Lutz war als Fußballtrainer unter anderem in Island und beim TSV 1860 München tätig. Bild: lifekinetik.de

Besondere Effekte gibt es laut Neumeier unter anderem für Fußballer. Durch spezielle Übungen werden die Augen und das Sehfeld der Sportler trainiert. Zum Beispiel beim Anvisieren eines Gegenstandes in der Ferne, während des Life Kinetik-Trainings.  “Dadurch können sich die Fußballer besser auf den Ball konzentrieren. Außerdem wird das Blickfeld verbessert und so hat man das Umfeld besser im Blick und kann schneller reagieren”, erklärt Tanja Neumeier. Und genau das versuchen auch die Bundesligisten zu nutzen. Beleg dieses Trainings sind die ungewöhnlichen Bilder aus Trainingslagern, bei denen die Profis eine piratenähnliche Augenklappe tragen, um das andere Auge zu schulen.

Gehirntraining made in Bayern

Im Prinzip gab es viele der Übungen auch schon früher. Doch gebündelt, strukturiert und weiterentwickelt in einem Programm hat sie erst der Diplomsportlehrer und ehemalige Fußballtrainer Horst Lutz, der “Erfinder” von Life Kinetik.
Einer seiner ersten und fleißigsten Schüler ist der Skifahrer Felix Neureuther. Er schwört auf Life Kinetik. Nachdem er mit Life Kinetik angefangen hatte, schied der zuvor oftmals nicht im Ziel ankommende Neureuther, aus keinem Rennen mehr der folgenden Saison aus.

Felix Neureuther und Horst Lutz beim BVB-Training

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Unter dem Namen Life Kinetik geht Horst Lutz seit 2007 mit seinem Trainingsprogramm an die Öffentlichkeit. Er hat mehrere Trainingsbücher darüber veröffentlicht, einen Internetauftritt für das Programm geschaffen und eine Trainerausbildung etabliert. Mittlerweile ist der Markenname “Life Kinetik” geschützt.
Wer Life-Kinetik Trainer werden möchte, kann durch eine fünftägige Weiterbildung in einem Seminarzentrum in der Nähe von München den Schein hierfür machen.

Life Kinetik am Dortmunder Sportinstitut

Sabine Krüger vom Dortmunder Sportinsitut bringt ihren Studierenden Life Kinetik bei. Foto: Emmanuel Schneider

Sabine Krüger vom Dortmunder Sportinsitut bringt ihren Studierenden Life Kinetik bei. Foto: Emmanuel Schneider

Auch am Dortmunder Sportinstitut hat Life Kinetik Einzug gehalten. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin Sabine Krüger ist zunächst per Zufall auf Life Kinetik gestoßen, als sie auf der Suche nach Konzentrations- und Koordinationsübungen für eines ihrer Seminare war.  Sie findet Life Kinetik gut: “Es bietet Neuerungen, neue Herausforderungen und ist eigentlich für jeden zu empfehlen.”

Viele der Übungen hat sie in ihre eigenen Seminare integriert – mit Erfolg. Die Studierenden sind von den neuartige Übungen begeistert – denn sie liefern den angehenden Sportlehrern einen großen Pool an einfachen Übungen für Kinder.

Life Kinetik und die Wissenschaft

Die Auswirkungen des Trainings auf Kinder wurden von Professor Matthias Grünke an der Kölner Universität untersucht. Seine Studie umfasste 35 Kinder (zwischen 9-12 Jahren) mit starken Lernauffälligkeiten. Gemessen wurde sowohl die “fluide Intelligenz”, was so viel bedeutet wie die Fähigkeit, neue Probleme zu lösen und sich anzupassen, als auch die kurzzeitige Aufmerksamkeit. Die Gruppe, die mit Life Kinetik trainierte, erzielte beim Vergleichstest in beiden Bereichen höhere Werte. Die Kontrollgruppe, die nicht mit Life Kinetik, sondern mit normalen Bewegungsspielen trainierte, verschlechterte sich.
Die Effektstärke, also die relative Größe eines Effekts, lag mit 0,52 und 0,69 in einem mittelhohen Bereich. “Das ist sehr ordentlich”, sagt Matthias Grünke.

Matthias Grünke sieht vor allem im Sport gute Trainingsmöglichkeiten. Bild: Heilpädagogik Köln

Matthias Grünke sieht vor allem im Sport gute Trainingsmöglichkeiten. Bild: Heilpädagogik Köln

Auf Anfrage von pflichtlektüre bestätigte Grünke, dass er “schon recht viel” von Life Kinetik halte. “Gerade auch im Sport”. Denn durch die wiederholten Konzentrationsübungen, lerne der Sportler sich an neue Situationen anzupassen. Und in vielen Sportbereichen, komme es auf die Konzentration an, so der Wissenschaftler.
Grünke sieht aber noch Forschungsbedarf: “Man muss unbedingt noch weiterforschen, zum Beispiel herausfinden, bei wem es besonders gut wirkt und bei wem nicht.” Nach seinem Kenntnisstand ist die Kölner Studie zur Life Kinetik die einzige, die in einer renommierten Fachzeitschrift erschienen ist. Er selbst plant in nächster Zeit eine Untersuchung mit Mitarbeitern in Betrieben, die mit Life Kinetik trainieren.

Im Hinblick auf sportlichen Leistungen gibt es eine kleinere wissenschaftliche Untersuchung: Die Universität der Bundeswehr Neubiberg untersuchte die Gleichgewichtsfähigkeit, Auge-Hand- und Auge-Bein-Koordination an zwei Gruppen von Sportstudenten. In allen Bereichen traten signifikante Verbesserungen in der Life Kinetik-Gruppe auf.

Es gibt noch weitere kleinere Untersuchungen über Life Kinetik, jedoch meistens mit recht wenigen Probanden. Eine umfassende Studie dazu fehlt noch, die Tendenz zeigt aber einen Zusammenhang zwischen Life Kinetik und Leistungsfähigkeit.

Auch Sabine Krüger kennt diese Studien. Für sie ist allerdings klar: Man muss noch ein bisschen mehr forschen, um zu sagen, dass es ein “ganz tolles Programm” ist. Am Inhalt an sich hat sie aber nichts zu kritisieren.

O-Ton Sabine Krüger über die kognitiven Effekte

Dennoch meint sie: “Man muss nicht unbedingt das Markenprodukt Life Kinetik nutzen, um solche Übungen machen zu können, die Übungen kann man auch jederzeit so durchführen.”

Insbesondere beim Fußball wird das spezielle Trainingsprogramm zur Leistungssteigerung angewendet. Foto: pixelio.de/Robert Kohn

Insbesondere beim Fußball wird das spezielle Trainingsprogramm zur Leistungssteigerung angewendet. Foto: pixelio.de/Robert Kohn

Denn solche Trainingsstunden mit einem Life Kinetik-Trainer können recht teuer sein. Stimmt der angehende Life Kinetik-Trainer dem Lizenzvertrag zu, verpflichtet er oder sie sich, keine Trainingsstunde unter 12 Euro pro Person zu halten. Empfohlen sind sogar 20 Euro die Stunde.

Die Dortmunder Life Kinetik-Trainerin Tanja Neumeier schränkt ein: “Für manche hört es sich nach viel an. Ich habe aber mit vielen Müttern gesprochen, die gesagt haben, 12-15 Euro sind gar nicht so teuer, bei manch einem Therapeuten zahlten sie noch viel mehr.”
Tanja Neumeier ist überzeugt, dass sich das Training lohnt und das Geld wert ist.

Life Kinetik für alle

Es dreht sich aber nicht alles ums Geld: Derzeit gibt es Versuche, eine gemeinnützige Stiftung zu etablieren, die Erzieher, Lehrer und Seniorenpfleger kostenlos in Life Kinetik schult. So sollen dann möglichst viele Kinder, Schüler und Senioren nach diesem System trainieren können. Die Schirmherrschaft hat der Bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle übernommen.
Ob nun beim Trainer, in der Schule oder zuhause: Life Kinetik fordert viel und ist immer eine Herausforderung, das stellt auch Tanja Neumeier immer wieder fest. Als sie eine ihrer Übung zeigt und etwas nicht klappt, hält sie kurz inne und lacht. “Manche Sachen sind selbst für den Trainer gar nicht so einfach vorzumachen und zu merken.”

Und so soll es auch sein. Dann bleiben sogar die Gehirnzellen des Trainers fit.