Duell am Donnerstag: Zu viele Berichte über TV-Serien?

Eine der beliebtesten Serien der Welt ging am Sonntag in die letzte Runde: In Amerika wurde das Staffelfinale der Serie „Game of Thrones“ ausgestrahlt. Sie hat weltweit Millionen von Fans und wird vor allem in den Medien extrem „gehypt“. Die Anhänger der Fantasy-Saga verschlingen die Berichte; Kritiker sagen, dadurch kommen andere, viel relevantere Themen zu kurz. Berichten die Medien zu viel über TV-Serien wie „Game of Thrones“?

Ja!

Um gleich mal alle Zweifel auszuräumen: Ich bin absoluter Serien-Junkie und ein Fan von „Game of Thrones“, „Walking Dead“, „House of Cards“ und Co.! Diese Serien besitzen mittlerweile einen wichtigen Platz in unserer Kultur. Twitter und 9gag sind voll von Arya Stark, Tyrion Lannister und Jon Snow. Zurecht: Sie sind charismatisch und leicht zu parodieren… und sie leben noch! (Ihr habt die letzte Staffel noch nicht gesehen? Schade!) Es ist also keine große Überraschung, dass die Leute über die Serien reden, die letzte Episode kommentieren oder nach dem Tod ihrer Lieblingsfigur weinen.

In den Redaktionen gibt es keine Journalisten mehr, sondern Fans

Aber was ist das bitte für eine Berichterstattung der Medien? In den Kultur-Ressorts haben Fans die Journalisten ersetzt. Natürlich muss über ein kulturelles Phänomen wie „Game of Thrones“ berichtet werden. Aber ist es wirklich notwendig, eine Zusammenfassung jeder Episode zu schreiben? Ist es notwendig, dass jeder Freak… ähm, „Chroniker“ seine Stellenbeschreibung vergisst und seinen Job mit seiner Freizeit verwechselt?

Ich habe schon vor Monaten aufgehört, die Vergleiche zwischen der Serie und der politischen Lage in jedem Land zu lesen. In Frankreich haben die Journalisten der Zeitung „Le Monde“ sogar jegliche Grenzen überschritten: Ein Vier-Minuten-Video über die politische Krise im Fantasy-Königreich „Westeros“! Nicht nur Kultur-Journalisten und Grafiker haben zu dem Video beigetragen, sondern auch eine Doktorin der Geopolitik – was für eine Kompetenzverschwendung!

Die Grenzen zwischen Fan-Kommentar und Journalismus verschwimmen

Letztens bin ich zufällig auf Vice.de gelandet und habe diesen Artikel gefunden: Können bitte alle aufhören, über „Game of Thrones“ zu sprechen? Unglaublich: Jemand war meiner Meinung! Ich habe meinen Computer heruntergefahren, bin nach draußen gegangen, war eine Runde joggen, habe geduscht und meinen Computer wieder hochgefahren. Der Artikel war noch da. Also habe ich angefangen zu lesen – und wurde sehr schnell enttäuscht. 9000 Zeichen, um zu erklären, warum ich „Game of Thrones“ und Fantasy nicht mögen soll. Dieser Autor braucht dringend mal eine kulturelle Erziehung!

Generell gilt: Eine Berichterstattung über TV-Serien kann sinnvoll sein. Aber diese Verwechslung zwischen Kommentaren als Zuschauer und Journalismus ist ungesund. Wenn Serien-Fans für Zeitungen schreiben wollen, sollten sie vielleicht diesen Brief von MRC an Martin O’Malley (den Gouverneur vom US-Staat Maryland) lesen: Die Firma, die die politische Serie „House of Cards“ produziert, betreibt Lobby-Arbeit, um mehr Subventionen zu bekommen. Das ist mal eine interessante Geschichte, ausgerechnet über eine Serie, die ein zynisches Porträt der amerikanischen Geschichte zeichnet!

Nein!

Eine Welt, in der Zeit eine andere Rolle spielt. Ein Ort mit sieben Königreichen, an dem Adelshäuser um den Machtanspruch des Reichs und des Throns kämpfen. Eine Geschichte über das Gute und Böse im Menschen, Helden und Verlierer. All diese Dinge vereint die amerikanische Serie „Game of Thrones‟, in der es vor allem um Ungerechtigkeit, Leid, aber auch Hoffnung und Lebenswillen geht. Diese Vielfalt bieten nur wenige Serien. Und genau deshalb sollte über sie auch in den Medien berichtet und informiert werden.

„Game of Thrones‟ lebt von Komplexität. Mehrere Handlungsstränge werden parallel erzählt und führen an unterschiedlichen Punkten zusammen. Allein, um die zu Beginn verwirrenden Beziehungsgeflechte für jeden verständlich zu machen, müsste man die Serie fast schon medial aufbereiten.

Angebot und Nachfrage

Aber nicht nur das: In Deutschland läuft „Game of Thrones“ nur auf RTL II – nicht gerade jedermanns Lieblingssender. Würden die Medien von heute auf morgen aufhören, über die Serie zu berichten, wüssten viele vermutlich nicht einmal, was ihnen da entgeht!

Zudem hat die Serie einen hohen Suchtfaktor. Der Machtkampf zwischen den verschiedenen Adelshäusern und die zahlreichen Intrigen sind perfekt durchdacht und halten die Spannung von Folge zu Folge aufrecht. Die jetzt schon riesige Zahl an Zuschauern ist ein Beweis für die Genialität der Serie; im Netz suchen Fans in jedem Winkel nach Berichten über ihre Lieblingscharaktere. Es ist eine simple Formel: Die Medien befriedigen mit ihrem Angebot nur die Nachfrage.

TV-Serien sind das Kulturgut unserer Zeit

Schließlich haben wir 2014. Wie viele Unter-30-Jährige gehen heute noch in die Oper? TV-Serien sind das Kulturgut unserer Zeit und als solches sollten sie auch behandelt werden.

„Game of Thrones“ nimmt da sogar eine Sonderstellung ein: Geschichte und Figuren sind zwar fiktiv, aber sie zeigen trotzdem erschreckend realistische Züge. Die Serie bringt die guten und schlechten Seiten des Menschen zum Vorschein; der Zuschauer kann sich mit einigen Akteuren perfekt identifizieren, während er gegen andere unbewusst einen Hass entwickelt. Die oft gegensätzlichen Persönlichkeiten zeigen, wie unterschiedlich gut und böse Menschen sein können und wie einige sich zum Richter über Leben und Tod aufschwingen. Beinahe jede Folge lebt vom Unerwarteten – gleichzeitig fesselnd und schockierend. Wenn Medien über eine TV-Serie berichten, dann doch bitte über ein so facettenreiches, tiefgründiges Produkt wie „Game of Thrones“. Geschichten über Shopping und Beziehungen gibt es schließlich schon genug.

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Foto: stockxchng/bizior, Montage: Steinborn/Schweigmann
Teaserfoto: Rogier Noort / flickr.com (Creative Commons License)

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