Wie Tobias von der Hauptschule an die Uni kam

Vom Hauptschüler zum erfolgreichen Master-Studenten – diesen Weg hat Tobias Bengfort hinter sich gebracht. Aus Herausforderungen machte er Erfolge. Seine Biografie ist eine Ode an den Ehrgeiz.

Als Tobias an einem Morgen im Herbst 2009 seinen Briefkasten öffnet, glaubt er, sich verlesen zu haben. In den Händen hält er einen Brief von der Begabtenförderung: „Da dachte ich schon: Was wollen die denn von mir? Ich bin doch nicht begabt. Begabt sind Leute, die gut in Mathe sind und die Kreiszahl π bis auf die dreißigste Stelle auswendig kennen. Aber nicht jemand von der Hauptschule. Ich hab’ den Brief einmal, zweimal gelesen. Ich sollte mich um ein Stipendium für ein Studium bewerben. Und ich war völlig perplex. Ich hatte ja kein Abi, kein Fachabi, ich hatte nichts. Also hab’ ich bei der Begabtenförderung angerufen und mal nachgefragt und bekam als Antwort: ‚Jaja, das stimmt schon. Wir haben Sie ja ausgesucht.‘“ 

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Vom Hauptschüler zum Studenten – das ist Tobias Bengfort.

Nach der Grundschule geht Tobias Bengfort zur Hauptschule. Dann hat der heute 31-Jährige seinen Realschulabschluss. In der Hauptschule können leistungsstärkere Schüler in der zehnten Klasse einen B-Abschluss machen. Bei guten Noten bekommen diese Schüler eine Qualifikation, die dem Realschulabschluss entspricht. Schnell ist klar, wie es weitergehen soll. Eine Ausbildung zum Elektroniker. Seine Eltern empfehlen ihm, erst einmal zu arbeiten: „Dein Abi kannst du nachher noch machen.“ Also folgen dreieinhalb Jahre Ausbildung bis zum Gesellenbrief. Elektroniker für Maschinen- und Antriebstechnik ist das Ergebnis. Und das läuft gar nicht schlecht: Tobias wird Kammersieger in seinem Jahrgang, also Erster der Handwerkskammer Münster. Dadurch wird die Begabtenförderung für berufliche Bildung (sbb) zum ersten Mal auf ihn aufmerksam. Von ihr bekommt Tobias ein Stipendium als Förderung für die Meisterschule. Zwei Jahre später ist er Meister. „Dann war für mich persönlich der Karriereweg zu Ende. Ich hab’ wohl ein bisschen über ein Studium nachgedacht, hatte aber keine Lust auf Schule und Fachabi. Als Meister hatte ich einen guten Einstieg direkt im Unternehmen: Viel Geld, ein guter Job, eine unbefristete Stelle.“ 

An diesem Plan hält Tobias fest, bis er erneut Post von der sbb bekommt. Die Begabtenförderung bietet dem Münsterländer jetzt an, sich um ein Stipendium für ein Studium zu bewerben. Nicht restlos überzeugt schickt Tobias seine Zeugnisse und ein Bewerbungsschreiben hin. Dann gibt es einen Kompetenzcheck und ein persönliches Auswahlgespräch mit einem Vertrauensdozenten in der Nähe von München. „Da hab ich mich schon gefragt: München? Lohnt sich das überhaupt? Ich war ja auch nicht begabt, konnte keine Formeln lösen. Ich hatte ja keine Ahnung.“ Also ruft Tobias noch einmal beim sbb an und fragt, ob sich die weite Anfahrt für ihn überhaupt lohnt. Wieder ist die Antwort eindeutig. Also packt er seine Sachen und fährt los. 

Der Professor macht Tobias Mut

„Bei dem Vorgespräch war es dann sehr komisch. Alle waren mit Begleitung da, mit der Familie und mit Freunden, und ich war allein. Ich kam ja auch ganz ohne Erwartungen. Ich dachte, es gibt bessere Leute. Mit 25 denkt man ja, man geht nicht mehr studieren. Ich hatte ja auch eigentlich nicht die Zulassungsvoraussetzungen. Ich war ja nur auf der Hauptschule.“ Im Gespräch macht ihm der Professor ziemlich schnell deutlich, dass sie genau solche Leute wie Tobias suchen: junge Leute aus Nichtakademikerfamilien. Der Professor ist selbst von einer Hauptschule über eine Ausbildung zu seinem Beruf gekommen und macht Tobias Mut: „Er hat mir dann gesagt: ‚Ich hab’s gepackt und du packst das auch. Du hast jetzt ja eine lange Rückfahrt, dann kannst du dir schon mal Gedanken über einen Studienplatz machen.‘“ 

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In seinem Studiengang kann Tobias viel von dem anwenden, was er in der Ausbildung gelernt hat.

Tobias will die Chance nutzen. Ungeduldig wartet er auf eine Antwort der sbb. Drei Wochen später kommt der Brief mit der Zusage des Stipendiums. Die Studienplatz-Suche beginnt: Die Entscheidung fällt auf Wirtschaftsingenieurwesen an der Westfälischen Hochschule Gelsenkirchen (WH). 

Für Tobias ist die Entscheidung nicht einfach, weil er seine Position als leitender Angestellter nicht verlieren will. „Ich mache meine Arbeit gerne. Ich wusste ja auch nicht, wie die Firma reagiert. Die haben fest mit mir geplant. Aber mein Chef hat mir dann gesagt, dass er mir keine Steine in den Weg legen will. Er hat mir sogar flexible Arbeitszeiten zugesichert, sodass ich auch während des Studiums weiter arbeiten konnte.“ Die Förderung vom sbb ist eigentlich für Leute, die nicht mehr arbeiten. Tobias macht aber ein Vollzeit-Studium und arbeitet nebenbei. Wenn er um zehn Uhr in der Uni sein muss, geht er von sechs bis neun Uhr seinem Job nach. „Mein Chef hat mich mit einem lachenden und einem weinenden Auge verabschiedet, sagte aber, dass er froh ist, wenn ich als Ingenieur wiederkomme. Aber mir war die Note natürlich nicht egal. Dafür war der Ehrgeiz zu groß.“ Dass Tobias ehrgeizig ist, wissen auch seine Mutter und seine Freunde. Sie unterstützen ihn von Anfang an. „Papa war am Anfang unsicher, warum ich meine gute Stelle aufgebe. Aber ich habe mich durchgesetzt und das war genau richtig. Im Studium stand meine Familie dann auch voll und ganz hinter mir.“

Mittelschicht-Eltern sind skeptisch

Selten denken junge Leute ohne Abitur wirklich über ein Studium nach, weiß Suat Yilmaz. Sein Job ist es, Leute wie Tobias zu finden und zu begleiten. Er ist Talentscout beim NRW-Zentrum für Talentförderung und betreut Schüler und Schülerinnen ab der zehnten Klasse bis zum Ende des Studiums. „Oft spielt der akademische Weg kaum eine Rolle. Viele Jugendliche haben einfach keine Fantasie, was so ein Weg bedeuten kann. Häufig fehlen ihnen auch ganz einfach die Netzwerke. Unter Umständen kommen sie aus einer bildungsfernen Familie, aus der keine Impulse kommen.“ 

Talentscout Suat Yilmaz berät Studierende bei Fragen rund um das Studium.

Talentscout Suat Yilmaz sucht Leute wie Tobias und berät sie bei Fragen rund um das Studium.

Während in Deutschland 77 Prozent der Schüler aus der Mittelschicht studieren, ist die Situation bei Kindern aus sozial schwachen Familien genau umgekehrt: Hier studieren 77 Prozent nicht; und diese Zahlen gehen im Ruhrgebiet noch weiter auseinander, sagt Yilmaz. Kurios: Obwohl die Mittelschicht-Kinder gerne studieren, sind viele Eltern bei diesem Wunsch eher skeptisch. „Die sind die Schwierigsten“, sagt der Experte. „Da fallen dann Sätze wie: ‚Warum soll unser Kind denn studieren, wenn es doch auch eine Ausbildung machen kann? Ich habe das doch auch gemacht. Das ist doch gut und reicht ja aus.’“ Auf der anderen Seite seien viele Schüler auch einfach orientierungslos. „Es gibt in Deutschland ja auch 17 000 Studienfächer und 340 Ausbildungsplätze, da kann man schon mal den Überblick verlieren.“

2010 startet Tobias an der WH. Bei der Einschreibung verändert sich sein Eindruck von der Uni. „Für mich waren Profs früher Männer im Anzug mit Schichtdenken. Bei dem Gespräch in Gelsenkirchen hat sich mein Bild aber komplett gewandelt: Der Prof lief in kurzer Hose rum. Das war alles viel lockerer.“ 

Der Einstieg ins Studium ist für Tobias eher ernüchternd. Es besteht zur Hälfte aus Maschinenbau, was Tobias aus der Ausbildung kennt. Aber auch zur Hälfte aus Wirtschaft. Während die Professoren ihm vorher Mut gemacht hatten, kommt nun der Schock. „Dann gingen die Vorkurse los. Zwei Wochen lang wurde der Mathe-Stoff aus der Schule besprochen. Ich konnte nur Dreisatz und ein bisschen Geometrie, Parallelverschiebung. Im Vorkurs wurden dann die Klassen 11 bis 13 wiederholt. Da kamen auf einmal Sachen wie Integrale und Vektoren. Ich war total fertig.“

Tobias sucht sich sofort eine Lerngruppe. „Die war sehr gut gemischt. Ich war in Werkstoffkunde und Elektrotechnik gut und hab den anderen das erklärt. Die haben mir dann im Gegenzug bei Mathe und Physik geholfen.“ Tobias lernt bis tief in die Nacht. Vieles ist neu für ihn. „Ich hab’ ja vorher nie mit Professoren zu tun gehabt. Und mein Mathedozent hat so viele altdeutsche Wörter benutzt, da musste ich erstmal googeln, was der überhaupt von mir will. Den habe ich so gar nicht verstanden.“

Jede Zielgruppe stößt auf unterschiedliche Baustellen

Im Studium haben viele junge Erwachsene Probleme, auch wenn sie als Talente gefördert werden. „Es ist ja nicht so, dass die Fragen auf einmal aufhören. Für die Studenten ist das eine ganz neue Situation. Die Leute in ihrem Umfeld haben ja oft überhaupt keine Erfahrung mit dem Studium, ihnen fehlen die Informationen und die Motivation“, sagt Talentscout Suat Yilmaz. „Da kommen dann Fragen zum Bafög, Probleme mit der Wohnungssuche oder mit den Eltern. Jede Zielgruppe stößt auf unterschiedliche Baustellen, aber sie entstehen meistens an den Übergängen, zum Beispiel direkt am Anfang vom Schulabschluss zum Studium. Bei fehlender Unterstützung von zuhause kann es dann auch vorkommen, dass den Jugendlichen die Puste ausgeht und sie das Stipendium abbrechen.“

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Ohne intensive Arbeit geht es nicht.

Tobias hält trotz Startschwierigkeiten durch. Diese gehen weiter bis ins dritte Semester. Mathe und Physik sind Siebfächer, in ihnen hat Tobias die meisten Probleme. In den Mathe-Übungen muss er zwei Stunden lang Aufgaben lösen. „Das sollten dann Übungen zum Warmwerden sein. Und ich konnte nichts, nicht ableiten, nicht aufleiten, einfach gar nichts. Da habe ich mich schon gefragt: Was mache ich eigentlich hier? Was soll ich hier? Da fällt man absolut in ein Loch.“

Durch solche Rückschläge sinkt sein Anspruch an sich selbst. Und gleichzeitig steigt der Druck. „Am Anfang wollte ich erstmal nur durchkommen. Und gerade vor der Mathe-Klausur hatte ich auch die meisten Zweifel. Meine Kommilitonen hatten alle Mathe-LK und sind durchgefallen. Da macht man sich natürlich selbst nervös.“

Die Begabtenförderung macht Notendruck

Tobias’ Angst vor schlechten Noten, vor verschenkten Versuchen in Klausuren hat noch einen anderen Grund. Er muss bei der sbb einmal pro Semester seine Noten einreichen. „Da hat man immer die gleichen Gedanken im Hinterkopf. Was erzähle ich denen, warum meine Noten nicht passen? Vielleicht fällt dann die Förderung weg. Dann hast du kein Stipendium mehr. Du darfst bloß nicht durchfallen. Alles, nur das nicht. Dann war der Druck natürlich extrem groß.“ Tobias hat seine Klausuren zwar geschoben, durchgefallen ist er nie. „Ich habe alles in Regelstudienzeit geschafft.“

Das Ergebnis der Mathe-Klausur fällt letztlich positiv aus. Tobias besteht im ersten Versuch, und das als Studiengangsbester. Mit 2,7 hat er die beste Klausur, bei einem Durchschnitt von 4,9 und einer Durchfallquote von 50 bis 60 Prozent. „Das war dann der Moment, in dem mich irgendwann doch der Ehrgeiz gepackt hat, dieses Studium mit einer Eins vor dem Komma abzuschließen. Da habe ich dann wirklich gewusst: Ich pack’ das Studium.“ Ab dem vierten Semester geht es für Tobias nur noch aufwärts. Er ist sogar so gut, dass ihm ein Professor anbietet, Tutor unter anderem in Rechnungswesen zu werden. „Das war für mich etwas ganz Absurdes. Ich als Hauptschüler konnte Tutor für die Abiturienten sein.“ Beim Bachelor kommt Tobias dann unter die besten zehn Prozent. 

Bald Ingenieur mit Top-Abschluss

Während Tobias seinen Bachelor macht, wird 2011 in Gelsenkirchen das NRW-Zentrum für Talentförderung gegründet. Suat Yilmaz koordiniert das an der WH. Er spricht Tobias an, ob er nicht Lust hat, über sich zu erzählen. An der WH haben zu dem Zeitpunkt nur 0,2 Prozent der Studenten und Studentinnen ein Stipendium. Yilmaz lobt genau diese. „Er hat dann zu uns gesagt: Ihr seid Talente, ihr seid Vorbilder. Versteckt euch nicht! Euch muss man fördern. Und da hat es bei mir erst richtig Klick gemacht. Da dachte ich: ‚Mensch, du kannst ja wirklich ein Vorbild sein.‘“ Seitdem berät Tobias andere Schüler und Studenten auf Hochschultagen. Mit dem Bachelor hat er nun alle Möglichkeiten. „Ab dem Moment war es egal, woher ich kam. Ich konnte überall alles studieren. Ich konnte sogar zur Uni, während ich bei meinem Bachelor noch zur FH musste. Auf einmal zählte es nicht mehr, ob ich Abi hatte oder nicht.“ Zuerst ist sich Tobias noch nicht sicher, ob er weiter studieren will. Dann wechselt er aber doch zur Fachhochschule Münster – wieder eine FH wegen des Praxisbezugs, wieder gefördert durch die sbb. 

Der Master ist für ihn kein Problem mehr. Mit den ersten Semestern im Bachelor hat er das Schwierigste überwunden – heute schreibt Tobias seine Master-Arbeit und arbeitet währenddessen schon wieder Vollzeit in seinem Ausbildungsbetrieb. „Das ist zugegeben schon ein bisschen stressig, aber ich mache meine Arbeit gerne und habe Spaß daran“, sagt der Elektroniker von der Hauptschule, der als Ingenieur mit Top-Abschluss zurückkehren wird.

Tobias Bengfort hat durch seinen Meistertitel die Voraussetzungen für ein Studium erfüllt. Es gibt aber noch weitere Möglichkeiten, wie man ohne Abitur studieren kann. Hier eine Übersicht:

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