Duell am Donnerstag: Fall Böhmermann – Satire oder nur geschmacklos?

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Es gibt kaum jemanden, der in der vergangenen Woche am ZDF-Moderatoren Jan Böhmermann vorbeigekommen ist. Er hatte ein Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geschrieben und damit eine grundlegende Debatte über Presse- und Meinungsfreiheit ausgelöst. Unfug oder sinnvoll?

Gute Satire,

findet Christian Woop.

Gute Satire ist provokant, darf sich unter der Gürtellinie abspielen. Sie polarisiert und führt dem Publikum Ecken und Kanten der Reichen und Mächtigen vor Augen. All das hat ZDF-Moderator Jan Böhmermann mit seinem Schmähgedicht über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan geschafft.

Auf den ersten Blick wirkt die Aneinanderreihung von Beleidigungen geschmacklos. Wer sich aber nur ansatzweise mit Böhmermann und seiner Sendung beschäftigt, weiß, dass die Aufzählung jeglicher Vorurteile über arabische Länder nicht Böhmermanns eigentliche Intention ist. Klar, er will provozieren. Und zwar Erdogan, nicht die Türkei und schon gar nicht unsere deutschen Mitbürger mit türkischem Migrationshintergrund. Wer konnte sich schon ein Lachen verkneifen, als Erdogan den deutschen Botschafter in Ankara nach dem Extra3-Lied einberief und forderte, es müsse sofort gelöscht werden. „Was erlaubt der sich denn? Geht‘s noch? In Deutschland herrscht immer noch Meinungs- und Pressefreiheit“, so die breite Masse. Was soll Erdogan schon machen, tausende Kilometer entfernt?

Nun ist mehreren journalistischen Meisterleistungen zu verdanken, dass Böhmermanns Gedicht völlig aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Der Moderator skizzierte den Unterschied zwischen Satire und sogenannter Schmähkritik. Nicht mehr, nicht weniger. Das Ergebnis: Die Kritik an Erdogan im Extra3-Beitrag ist nach deutschem Recht völlig legitim. Mit anderen Worten: Das Demokratieverständnis des türkischen Präsidenten steht im gravierenden Kontrast zu unserem.

Die Rolle der Angela Merkel

So weit so gut. Wie kann eine deutsche Regierung mit so jemandem Verträge abschließen und dem Land eine EU-Mitgliedschaft in Aussicht stellen? Wegen dieser aktuellen Diskussionen grätscht Kanzlerin Angela Merkel dazwischen. „Bewusst verletzend“, nannte sie Jan Böhmermanns Gedicht. Den wichtigsten Partner im Bezug auf das Abkommen zur Flüchtlingskrise darf ein Moderator eines deutschen Spartensenders schließlich nicht verärgern.

Und genau an dieser Stelle greift die Satire von Jan Böhmermann. Er hat die Ebene der vermeintlich stumpfen Beleidigung hier mit einem Quantensprung verlassen. Das Gedicht wurde zum Politikum von bundespolitischer Bedeutung. Es bescherte Diplomaten und Außenpolitikern rauchende Köpfe. Welcher TV-Moderator kann das schon von sich behaupten? Böhmermann ist es gelungen, dass die neusten politischen Ausrichtungen der Türkei unter Erdogan noch kritischer hinterfragt werden. Der türkische Präsident setzt sich eindeutig über Staatsgrenzen hinweg und nimmt Einfluss auf die Innenpolitik eines anderen Landes. Da hat er nichts zu suchen.

Doch nicht nur Erdogan bekommt sein Fett weg, sondern auch unsere Regierung, die gezeigt hat, dass das hohe Gute der Pressefreiheit offensichtlich und unter gewissen Umständen doch nicht unantastbar ist.

Jan Böhmermann polarisiert. Dass er mittlerweile Polizeischutz benötigt, da ihn deutsche Erdogan-Anhänger bedrohen, ist beunruhigend. Wie groß war noch gleich der Einfluss eines türkischen Staatsoberhauptes auf die deutsche Demokratie? Herr Böhmermann, Bildungsauftrag erfüllt!

Nur geschmacklos,

findet Robert Tusch.

Keine Frage: Jan Böhmermann ist ein herausragender Satiriker, der es versteht, Aufmerksamkeit zu generieren. Er ist ein Gratwanderer zwischen dem, was erlaubt ist, und dem, was das Gesetz als unzulässig beschreibt. Damit ist er stets gut gefahren. Doch diesmal hat er es zu weit getrieben.

Der ZDF-Moderator hatte Recep Tayyip Erdogan im Stakkato beschimpft, ihm Pädophilie angedichtet und Verbrechen vorgeworfen – und zwar, um darauf hinzuweisen, dass eben diese Schmähungen in Deutschland nicht erlaubt seien. Das ist in etwa so: Ich kündige eine Straftat an und hoffe damit, mich nicht strafbar zu machen. Das macht nicht wirklich Sinn und lindert auch nichts an der Tatsache, dass Illegales illegal bleibt.

Böhmermann hat mit seinem Schmähgedicht bewusst eine Grenze übertreten. Und das nur, um Schlagzeilen zu erzeugen. Das kann man lustig finden oder unklug. Nun hat er neben der gewünschten Aufmerksamkeit auch die Justiz am Hals und steht wegen Anfeindungen einiger Erdogan-Anhänger 24 Stunden unter Polizeischutz. So lustig ist das dann doch nicht mehr.

Auch Satire hat Grenzen

Satire darf viel, doch darf sie lange nicht alles. Aber vor allem muss Satire eins sein: sinnvoll. Sie hat die Aufgabe, Zustände oder Missstände zu thematisieren, aufzuklären und Kritik zu üben – mit Ironie, polemischen Überspitzungen und geißelndem Humor. Dieser Aufgabe ist Böhmermann nicht gerecht geworden. Sein Gedicht besteht aus einer beispiellose Anhäufung bizarrer Beschimpfungen, die weder einen aufklärenden noch einen kritischen Charakter haben.

Das ist keine Satire, das ist geschmacklos – und in Deutschland verboten. Und wer meint, Böhmermann wollte damit doch nur den Begriff Schmähkritik beschreiben, dem sei gesagt: Das hätte er auch anders tun können. Denn Satire hört da auf, wo es juristisch relevant wird. Dies zeigt das Gedicht auf eine traurige Weise.

Ein Komiker ist auch ein Vorbild

Was hinzu kommt: Jeder, der vor einer Kamera steht, noch dazu im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, hat eine Verantwortung – vor allem gegenüber dem Publikum. Er ist ein Vorbild, an dem sich die größtenteils jungen Zuschauer orientieren können. Dass eine solche Figur rassistische Worte vorliest, hat wenig mit Vorbildcharakter zu tun.

Es geht vor allem um das, was diese Worte auslösen. Denn mit einem Großteil der Beschimpfungen, die Erdogan treffen sollen, werden Türken seit Jahrzehnten beleidigt. Sie lassen Klischees florieren, Beleidigungen gegenüber Ausländern zum traurigen Straßen-Slang werden. Das ist schlichtweg rassistisch.

Böhmermanns plumpes Schmähgedicht auf den türkischen Präsidenten ist ein Armutszeugnis in jeder Hinsicht. Es lässt an jeglichem Niveau vermissen, ist weder raffiniert noch unterhaltsam. Selbst der Vorspann, der den Unterschied zwischen (zulässiger) Satire und (unzulässiger) Schmähkritik erläutern sollte, ist wenig geistreich. Dass das Gedicht nun die Staatsanwaltschaft auf den Plan ruft, ist die logische Konsequenz. Lieber Böhmermann, diesmal ging es einfach zu weit.

das-duell-feederFoto: stockxchng/bizior, S. Hofschlaeger/pixelio.de, Montage: Brinkmann/Schweigmann
Teaserfoto:
spart6666/ Flickr

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