Generation Wahlverwandtschaft

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Gute Gespräche sind für echte Freundschaften unverzichtbar

Ein Klick und ein neuer Freund bereichert dein Leben? Viele Psychologen und Gesellschaftskritiker malen das Bild einer Generation, die diesem Irrtum aufsitzt. Warnen vor dem Verfall der Freundschaft. Das Gegenteil ist der Fall, sagt Psychologe Wolfgang Krüger.

pflichtlektüre: Herr Krüger. Sie haben sich viel mit Freundschaft und Freundschaften beschäftigt. Hat sich die Bedeutung von Freundschaften ihrer Meinung nach über die Jahre hinweg verändert?

Wolfgang Krüger: Freundschaften werden in der heutigen Zeit immer wichtiger. In einer aktuellen Studie der Stiftung zur Zukunftsfragen gaben 92 Prozent der Befragten an, enge Freunde seien für sie unerlässlich. Dies sind zehn Prozent mehr als noch vor 10 Jahren. Die Bindung an die Familie hingegen wird seit dreißig Jahren unwichtiger.

Der Experte
Wolfgang Krüger, geboren 1948, arbeitet seit 30 Jahren als Tiefenpsychologe in Berlin. Außerdem veröffentlichte er zahlreiche Bücher, unter anderem eines mit dem Titel „Wie man Freunde fürs Leben gewinnt“. 

 

Wolfgang Krüger. Foto: privat

Wolfgang Krüger. Foto: privat

Woran liegt das?

Wir suchen Beziehungen, die verbindlich sind, uns aber auch einen großen Freiheitsraum ermöglichen. In familiären Beziehungen ist dies kaum möglich. Dort bestehen immer Verpflichtungen, innere Abhängigkeiten und Erwartungen. Sowohl gegenüber den Eltern als auch Geschwistern und Großeltern bestehen meist emotionale Verwicklungen und Anspruchshaltungen, die oft schwer zu überwinden sind. Bei Freundschaften kann man selbst entscheiden, mit welchen Leuten man intensiv verkehrt. Das entspricht dem heutigen Anspruch ans Leben.

Sie sind Psychotherapeut. Wie begegnet Ihnen das Thema Freundschaft beruflich?

Das größte Problem, das wir Menschen haben, ist die Einsamkeit. Wir brauchen Verbindungen. Psychosomatische Symptome, Depressionen, Angstzustände, das alles entsteht aus Einsamkeit. Täglich erlebe ich in meiner Tätigkeit als Psychotherapeut, dass allen seelischen Störungen immer auch soziale Defizite zugrunde liegen. In den Therapien sind die Kränksten meistens sehr einsam.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass sich Freundschaften sogar lebensverlängernd auswirken.

Ja, Freundschaften sind für unsere Gesundheit wichtiger als Bewegung oder das Nichtrauchen. Dies zeigte kürzlich eine australische Studie. Sie ergab, dass man mit guten Freunden 22 Prozent länger und auch gesünder leben würde. Und dies wurde durch die Analyse von 148 Studien zum Sterberisiko untermauert, bei der 300.000 Menschen erfasst wurden. Sie zeigte, dass Menschen mit einem guten Freundeskreis eine um 50 Prozent höhere Überlebenswahrscheinlichkeit haben.

Und was kann ich dafür tun, um soziale Vereinsamung zu vermeiden und mein Leben zu verlängern?

Sie sollten versuchen, wirkliche Herzensfreundschaften zu pflegen, in denen Sie sehr viel Persönliches miteinander austauschen. Gespräche führen, die ans Herz gehen. Der andere muss ein Teil meiner inneren Welt werden. Dabei sind gemeinsame Erlebnisse gar nicht so wichtig. Außerdem sollten Freundschaften auch mal Konflikte ertragen können, das heißt, Sie sollten das Konfliktpotential bewusst fördern. Und Sie brauchen Humor, oder auch die Fähigkeit, die Eigenheiten des anderen zu ertragen. Auch Beziehungspausen sind wichtig und förderlich.

Hilft Facebook mir am Ende dabei? Erleichtert es mir, Freundschaften zu pflegen?

Also Facebook ist für mich am Rande der Komik. Eine gute Freundschaft ist doch wie die Suche nach einem Diamanten. Man muss sich sehen und vertrauen können. Ich denke, Facebook hat mit Freundschaften an sich nichts zu tun, sondern hilft lediglich, sich besser zu organisieren. Es besteht aber natürlich immer die Gefahr, dass es Menschen gibt, die eigentlich Angst vor Bindungen haben. Für sie wird Facebook zu einem Problem. Das Netzwerk wird dann Mittel zum Zweck für Menschen, die zu echten Beziehungen nicht fähig sind.

LeoGrübler

Foto: flickr.com/Leo Grübler

Wie verändern sich denn Freundschaften eigentlich im Laufe des Lebens?

Es lassen sich mehrere Freundschaftsphasen unterscheiden. Die Stufe eins erleben wir im Kindergarten und der Schule, dort gibt es einen festen Kreis, der sich regelmäßig sieht. Hier erleben auch jene Menschen eine Freundschaft, die eher zurückhaltend sind und wenig Initiative aufweisen. Das sind die automatischen Freundschaften. Die Stufe zwei kennzeichnet sich durch wechselnde Gruppen in der Ausbildung. Die setzen sich allerdings überwiegend durch konstante Teilnehmer zusammen. Schwierig wird es dann im Berufsleben. Fast immer muss man nun selbst die Initiative ergreifen, um Freunde zu gewinnen. Dies fällt gehemmten Menschen besonders schwer, so dass es nach dem Umzug in eine andere Stadt oft zu einer Vereinsamung kommt. In dieser Phase muss man lernen aufeinander zuzugehen.

Ab 45, wenn die Kinder dann aus dem Haus sind, muss man ein besonderes Selbstbewusstsein aufbauen und neugierig bleiben. Und dann gibt es noch die Zeit im Alter. Gerade hier zahlen sich gute und zahlreiche Freundschaften besonders aus.

Und wie schaffe ich es jetzt, Freundschaften zu halten und im Alter nicht alleine zu sein?

Man muss immer daran denken, dass der der Mensch normalerweise nur drei wirklich gute Freundschaften und etwa zwölf mittlere Durchschnittsfreundschaften zu führen fähig ist. Und schon das ist eine ausgesprochene Lebensaufgabe

Haben Sie noch einen abschließenden Rat für uns?

Ja, es ist ja deutlich zu spüren, dass die Freundschaft immer nur die kleine Schwester der Liebe ist. Die leidenschaftliche Liebe ist doch sehr viel aufregender als die Freundschaft, die immer einen gewissen Abstand hat. Damit die Gesellschaft stabil bleiben kann, sind aber drei Säulen wichtig: Partnerschaften, Familie und eben auch Freundschaften. Es gibt eine ausgesprochene Liebeskultur, aber keine Freundschaftskultur. Deswegen schlage ich vor: Schreiben Sie doch auch mal einen Freundschaftsbrief, statt immer nur Liebesbriefe.

 

Wir haben uns auf dem Campus umgehört: Wie halten Dortmunder Studierende Freundschaften lebendig und was ist ihnen besonders wichtig?

links Friederike, 22, LehramtGanz wichtig ist der regelmäßige Kontakt über Facebook oder WhatsApp. Das zahlt sich wirklich aus. Aber natürlich auch, dass wir uns regelmäßig treffen. Mit alten Klassenkameraden habe ich eine Facebook-Gruppe, über die wir uns verabreden. Da schreiben alle rein, wann sie können, und dann treffen wir uns alle halbe Jahr.”Selina (rechts) (21), Lehramt

Regelmäßige Treffen sind wichtig, um eine Freundschaft lebendig zu halten. In meinem Freundeskreis gibt es bestimmte Treffpunkte. Da schau’ ich dann öfter vorbei, in der Hoffnung, dass jemand da ist. In der Klausurzeit nimmt das natürlich ab. WhatsApp ist total wichtig. Es ist aber klar, dass eine echte Freundschaft nicht nur auf Medien basieren kann, sondern eben darauf, dass man sich auch sieht.“ Friederike (links) (22) Lehramt

 

Aaron Schmidt, 27, Sozialpädagogik u TheologieEine gute Freundschaft ist, wenn beide das Gleiche voneinander erwarten. Ich denke, was eine richtig gute Freundschaft ausmacht, ist, dass sie aus sich heraus hält. Da kann man sich ewig nicht gesehen haben und dann trotzdem da anknüpfen, wo man aufgehört hat. Was ich ganz gerne mache sind spontane Besuche á la ‘Hi, hast du Zeit für einen Kaffee?’ Gerade Facebook empfinde ich als nicht unbedingt positiv, sondern eher als Freundschaftskiller. Die wirklichen Freunde findet man nur im echten Leben. Facebook kann aber auch gut sein. Zum Beispiel habe ich Freunde auf den Philippinen, Facebook hilft mir in Kontakt zu bleiben.“          Aaron (27), studiert Sozialpädagogik und Theologie auf Lehramt

 

rechts Norman Dumont, 26, ChemieEine richtig gute Freundschaft bedeutet, dass man offen und ehrlich miteinander ist und dass man nicht dazu getriezt wird, sich regelmäßig zu treffen oder zu melden. Wir telefonieren und treffen uns. Facebook habe ich seit über drei Jahren nicht mehr und ohne geht es mir besser. Echte Freundschaften liefen bei mir ohnehin nicht über Facebook. Ich glaube auch, dass es sich eher negativ auf Freundschaften auswirkt, weil es viel dazu genutzt wird, sich selbst darzustellen.Norman (rechts) (26), studiert Chemie

 

Alle Campus-Fotos: Miriam Wendland

Teaserbild: flickr.com/wrote  Titelbild: flickr.com/dani_vr

 

 

 

 

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