Bayer und Monsanto: Ein Milliarden-Geschäft

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Sich für 75 Milliarden Euro eine marktbeherrschende Position erkaufen? Das plant offenbar der Leverkusener Konzern Bayer mit dem US-Saatgut-Hersteller Monsanto. Foto: Christian Woop.

Bayer will Monsanto kaufen. Nach Tagen der Spekulation veröffentlichte der Leverkusener Pharmakonzern in einer Mitteilung den genauen Betrag, der ihnen offenbar eine Übernahme wert ist: 62 Milliarden US-Dollar (55 Milliarden Euro) – mittlerweile will er rund 20 Milliarden oben drauf legen. Was bislang im größten Deal der deutschen Wirtschaftsgeschichte passiert ist, was die nächsten Schritte sind und wie ein Unternehmenskauf generell genau abläuft, erklärt die Pflichtlektuere:

Ein erstes Gespräch

Gemeinsam mit der Pressemitteilung veröffentlicht Bayer einen Brief aus seiner Vorstandsetage an Monsanto-Chef Hugh Grant. Darin bedanken sich Bayers Vorstandvorsitzender Werner Baumann und Liam Condon, President der Divison Crop Science, für das erste gemeinsame Treffen in Leverkusen am 18. April 2016. Offenbar ging das Treffen von Monsanto-Chef Grant aus, der der Bayer AG im Anschluss seine „Vorstellung von den Vorteilen eines global integrierten Agrargeschäftsnutzten“ erläuterte, heißt es in dem Brief. Beide Seiten nutzten das Treffen, um gegenseitig die Möglichkeiten eines Zusammenschlusses auszuloten. Mit Erfolg: Im Brief von Baumann und Condon teile Bayer Monsantos „Vision einer integrierten Strategie für landwirtschaftliche Lösungen, die Sie bei unserem Treffen am 18. April 2016 beschrieben haben.“

Schriftliches Angebot

Am 10. Mai übergibt Bayer dem möglichen Geschäftspartner aus den USA einen Brief, der bereits ein Angebotskonzept beinhaltete. Unter anderem steht darin der Preis. Bayer ist demnach bereit, alle ausgegebenen und ausstehenden Aktien von Monsanto in Bar zu kaufen. Die beratenden Banken BofA Merrill Lynch und Credit Suisse hatten bereits im Vorfeld die Finanzierung überprüft. Außerdem stellt Bayer einen umfassenden Plan vor, der die Integration Monsantos in den Bayer-Konzern, den Zeitplan und die Zusammenarbeit mit Regulierungsbehörden beschreibt.

Es wird öffentlich

In Finanzkreisen ist bereits im Vorfeld über eine mögliche Monsanto-Übernahme durch Bayer spekuliert worden. Außerdem kam es laut Bayer zu Anfragen von Stakeholdern (Anteilseigner). Die Leverkusener legen ihr Angebot auf den Tisch: 122 US-Dollar ist Bayer jede Monsanto-Aktie wert, das einem Gesamtbetrag von 62 Milliarden Dollar entspricht. In einem nächsten Schritt muss das Monsanto-Management über eine Übernahme entscheiden – und lehnt einen Tag später ab. Statt den größten Deal in der deutschen Wirtschaftsgeschichte zu feiern, geht das Poker-Spiel los.

Eine Auto-Marke auf Platz eins
38,6 Milliarden ließ sich Daimler-Benz im Sommer 1998 Chrysler kosten. Dahinter rangiert Mannesmann, das den britischen Mobilfunk-Anbieter Orange 1999 für 35,3 Milliarden Euro kaufte. Auf Platz drei: Der Deal der Deutschen Telekom mit Voicestream für 34,6 Milliarden Euro im Jahr 2000.

Finanzierungshilfe

Am 3. Juni wird bekannt, dass Bayer offenbar über große finanzielle Rücklagen verfügt, um das Angebot auf bis zu 75 Milliarden Euro zu erhöhen – also knapp 20 Milliarden mehr als zu Beginn der Verhandlungen. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet von knapp 60 Milliarden Euro, die sich die Leverkusener gesichert haben sollen. Laut Bloomberg könnten die Bank of America, Credit Suisse, Goldman Sachs, HSBC und JP Morgan noch einmal bis zu 15 Milliarden Euro zusätzlich finanzieren.

Aufgabe der EU-Kommission

Sollten sich die beiden Unternehmen finanziell einig werden, muss die EU-Kommission den Deal final absegnen. Das geht zurück auf einen Beschluss aus dem Jahr 2004, der die EU-Fusionskontrolle regelt. Dafür müssen die Unternehmen die folgenden Kriterien erfüllen:

  • Alle an der Fusion beteiligten Unternehmen müssen einen gemeinsamen, jährlichen Gesamtumsatz von mehr als fünf Milliarden Euro vorweisen. Allein Bayer erzielte im Geschäftsjahr 2015 einen Umsatz von 46,3 Milliarden Euro; Monsanto 13 Milliarden Euro.
  • Anschließend müssen die Konzerne auf die EU-Kommission zugehen und ihnen die Übernahme zur Überprüfung vorlegen.
  • Die Kommission hat danach 25 Tage Zeit, den Deal zu analysieren.

Mehr als 90 Prozent aller Fälle werden in dieser Zeit gelöst. Sollte die Kommission zum Ergebnis kommen, dass das europäische Wettbewerbsrecht verletzt wird, müssen die Konzerne den Vertrag überarbeiten, ehe Brüssel die Fusion ein zweites Mal prüft. Sollte die EU-Kommission dann ihre Zustimmung geben, landet der Deal vor dem Europäischen Gerichtshof.

Diese Arten der Übernahme gibt es
Bei einer Fusion durch Aufnahme wird das Vermögen eines Unternehmens auf das Käufer-Unternehmen übertragen. Darüber hinaus gibt es eine Fusion durch Neugründung, wonach alle am Geschäft beteiligten Unternehmen ihr Vermögen auf ein neugegründetes Unternehmen übertragen.

Beim möglichen Bayer/Monsanto-Deal handelt es sich demnach um eine Verschmelzung nach dem Prinzip Fusion durch Aufnahme.

Integration von Monsanto

In der Pressemitteilung legen die Leverkusener bereits Pläne vor, wie man Monsanto und seine Mitarbeiter in die Unternehmensstruktur von Bayer integrieren könnte. Das Monsanto-Hauptquartier in Missouri soll dabei aufrecht erhalten werden: 

 

Welche Motive haben Bayer und Monsanto?

Für die Aktionäre von Monsanto ist der Deal mit Bayer finanziell äußerst lukrativ. Bevor Bayer seine Pressemitteilung veröffentlichte, lag die Monsanto-Aktie an der Wall Street bei 101,52 US-Dollar. Jetzt bietet Bayer 122 US-Dollar und damit knapp 20 Prozent mehr. Für Bayer ist die verbesserte Marktposition ausschlaggebend. Bei einer Übernahme würde das deutsche Unternehmen zum weltweit größten Agrarchemie-Hersteller werden. Dass Monsanto ein gewaltiges Image-Problem hat – damit scheinen Baumann und Co. leben zu können. Gemeinsam mit Shell und der Weltbank führt Monsanto die Sigwatch-Liste an, die jährlich die Unternehmen in eine Reihenfolge bringt, die von Nicht-Regierungs-Organisationen am gravierendsten kritisiert werden. Derzeit steht Monsanto wegen der in Brüssel und Berlin betriebenen Glyphosat-Debatte in der Kritik. Glyphosat ist der Inhaltsstoff eines von den US-Amerikanern produzierten Pestizids, das in Verdacht steht, Krebs zu verursachen.

Gemeinsame Zukunft mit gemeinsamer Vergangenheit

Der Deal wäre nicht der erste zwischen den beiden Unternehmen: Das Gemeinschaftsunternehmen von Monsanto und Bayer – Mobay – ist 1954 gegründet worden. Zuvor versuchte Monsanto den Leverkusenern Lizenzen abzuwerben, damit Monsanto in den USA das Bayer-Produkt Polyurethanschäume herstellen durfte. Bayer forcierte jedoch die Gründung eines Gemeinschaftsunternehmens. 1967 wurde Mobay, das unter anderem an der Produktion des Giftmittels Agent Orange beteiligt war, dann eine 100-prozentige Bayer-Tochter. Im Jahr 1992 schluckte eine weiteres Tochterunternehmen – Miles Laboratories – Mobay.

Beitragsbild: © Bayer AG

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